BildungsZeit
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4.2.2005
Die "Streber-Studie"
Ist Leistung unanständig?
Von Bernhard Herbordt

Jemand der nur lernt ist für mich ein Streber. Leute, die sich bei den Lehrern einschleimen, und eigentlich nichts anderes machen, als den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen. Na, irgendwie mit Anzug zur Schule kommen und gleich irgendwie alles perfekt machen wollen. Also besonders viele Freunde haben die dann nicht.

Überdurchschnittliche Leistung, oder ein geglückter Einstieg in das schulische Sozialleben. Anerkennung von Seiten der Lehrer, oder der Mitschüler. Das könnten laut einem sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt die Pole sein, zwischen denen sich ein Schulalltag in Deutschland entscheidet. Klaus Boehnke, Initiator der "Streber-Studie" und Professor für Sozialwissenschaften an der International University Bremen, weiß:

Ein Streber ist man nicht, wenn man eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur oder eine bestimmte Haltung an den Tag legt, und dann ist man ein Streber, sondern zu einem Streber wird man gemacht.

Weil Leistung als unnormal angesehen wird, kann den Leistungsstarken das Stigma des Außenseiters treffen. Nicht jeder Schüler, der überdurchschnittliche Leistung erbringt, ist sozial isoliert. Nicht jeder Schüler, der Freunde hat, ist schlecht in der Schule.

Boehnke: Aber das typische ist, dass gute oder eigentlich sehr gute Leistung ausgegrenzt wird, oder mindestens kommentiert wird, ein Strebervorwurf ist nicht immer einer, der den betroffenen Schüler bis ins Mark erschüttert, aber, wenn kontinuierlich mit ihm gearbeitet wird, hinterlässt das doch seine Spuren.

Spuren, die folgenreich sein können. Der Strebervorwurf wird vor allem in den Klassen 7 bis 10 laut. Die Schüler sind zwischen 11 und 15 Jahre alt. Sie bilden Gruppen, die sich über die Ausgrenzung Dritter bestimmen. Der Wettlauf des Dazu-Gehörens beginnt. Auf Zeichen der Ausgrenzung reagieren die Kinder und Jugendlichen besonders sensibel. Prof. Klaus Boehnke hat die Auswirkungen des Streber-Vorwurfs auf mögliche und reale Leistungen der betroffenen Schüler untersucht:

Die Schüler, die als Streber tituliert werden sind leistungsstarke Schüler, und sie sind vielleicht auch Schüler, die sich ein wenig herausgenommen haben, aus dem Gruppenkontext einer Schulklasse, aber sie haben (…) gleichzeitig Befürchtungen, weiter ausgegrenzt zu werden über den Streber-Vorwurf, (…) und da gibt es dieses Phänomen, dass Schüler ihre Leistungen nach unten justieren, um ja nicht weiter ausgegrenzt zu werden.

Dabei ist der Streber-Vorwurf ein Massenphänomen, der quer durch alle Schulformen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium zu beobachten ist.

Schüler: Ich hatte einmal eine Eins, und keiner war vorbereitet auf den Vokabeltest, und ich hatte ne einzige Eins, und alle hatten Vieren und Fünfen und Sechsen, und deswegen wurde ich Streber genannt.

Ja, in meiner alten Klasse, in der Sechsten, da war ich der Streber, und ich war dann eben so alleine, und hatte auch keine Freunde. Aber jetzt, in der neuen Klasse, ist es viel besser. Die Noten sind ein bisschen schlechter geworden, aber dafür fühle ich mich einfach besser in der Klasse, weil ich Freunde hab, weil ich mich oft mit denen treffe, und solche Sachen.


Derzeit wieder aufflammende Diskussionen um Begabtenförderung, Leistungseliten, Exzellenzinitiativen und Eliteschulen, erscheinen angesichts der Ergebnisse von Klaus Boehnke in einem anderen Licht. Schon früh könnte sich entscheiden, wer bereit ist Leistung zu zeigen, weil er auch sozial dafür Anerkennung erlangt. Schon früh könnten dem Leistungswilligen Steine in den Weg gelegt werden, weil das Klassenklima sie bei Strafe verbietet.

Boehnke: Zunächst mal wäre es völlig übertrieben, zu sagen, dass der Strebervorwurf, oder ein bestimmtes Klima, was in Klassen herrscht, der Hauptgrund dafür wäre, dass Deutschland in PISA oder in TIMS schlecht abschneidet. (…) Aber man kann, und das gilt insbesondere für Mädchen, diesen Effekt gibt es, dass Mädchen (…) tatsächlich, wenn sie besonders hohe Leistungen in Mathematik bringen, (…) besonders starke Angst vor diesem Strebervorwurf haben, (…) und dass sie dadurch, als Reflex sozusagen ihre mögliche Leistung nicht voll ausreizen.

Das muss nicht so sein. Neben Schülern aus Deutschland, berücksichtigt die "Streber-Studie" auch Befragungen in Israel und Kanada. Mit dem Ergebnis: Das Streber-Phänomen ist ein deutsches. Wo kanadische Schüler sich gegenseitig zu Leistungen anspornen, wo die Jugendlichen Israels zwar einen, der sich gute Noten erschleicht, aber niemals den, der sie sich ehrlich erarbeitet stigmatisieren, trifft es in Deutschland "DEN guten Schüler". Der überdurchschnittlichen Leistung wird misstraut, weil sie zu weit außerhalb der Norm liegt.

Die Ergebnisse der "Streber-Studie" sagen: In Kanada und Israel werden durchschnittlich etwa 20 Prozent der Schüler mit der Höchstnote, der Eins, bewertet.

Boehnke: Während in Deutschland kommt das ausgesprochen selten vor. (…) und viele Schüler haben natürlich das in ihrer Schulzeit nie erlebt, und sie können so, ohne Gefahr für das eigene Selbst, den anderen als Streber diffamieren (…). In anderen Kulturen gibt es diese Möglichkeit nicht, weil jeder Schüler wird irgendwann einmal eine eins bekommen haben, und deswegen wird er sich vorsehen, den oder die anderen als Streber zu titulieren, weil er könnte das nächste Mal derjenige sein, der eine Eins hat.

Damit Leistung nicht mehr als außer der Norm stehend, verdächtig erscheint; damit der gute Schüler nicht als Streber, als Sonderling abgestempelt wird, müsste das Notensystem korrigiert werden: kleinere Lerneinheiten, damit mehr Schüler ihr Erfolgserlebnis, ihre Eins nach Hause tragen können. Leistung muss Spaß machen - so Klaus Boehnke.

Nicht nur Begabungen früh fördern, sondern auch ihr Ansehen erhöhen. Das könnte als Resümee unter der "Streber-Studie" stehen. Einer Studie, die in ihren Ergebnissen davon erzählt, dass Schüler ihre Leistung freiwillig nach unten korrigieren, um nicht sozial ausgegrenzt zu werden. Denn außerordentliche Schulleistungen können in Deutschland mit dem Stigma des Unanständigen belegt werden. Das muss nicht so sein, wie der internationale Vergleich von Prof. Klaus Boehnke in seiner "Streber-Studie" gezeigt hat.

Schüler: Ich denke auf unsere eigene Art sind wir alle Streber, weil wir möchten ja auch gute Noten schreiben, und wenn wir gute Noten haben wollen, müssen wir auch dafür lernen.

Es kann ja auch mehrere Streber in einer Klasse geben, so ne Art Streberverein, die dann irgendwie zusammenhalten, und was die anderen sagen, ist denen dann halt egal.

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