BildungsZeit
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3.2.2005
Mediatoren für Sinti und Roma
Analphabetentum und geringe Schulbildung werden vererbt

Seit der Erweiterung der EU sind Sinti und Roma die größte ethnische Minderheit in der Europäischen Union. Viele von ihnen sind Analphabeten oder haben nur eine geringe Schulbildung und ihren Kindern geht es ähnlich: die mangelnde Bildung wird quasi vererbt und damit geraten Generationen von Sinti und Roma in einer Spirale der Armut. Regina Kreuzer wollte das nicht hinnehmen und nahm ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie wurde Mediatorin für Sinti und Roma an einer Grundschule.

Ich weiß nicht so genau, was das Problem war. Als ich eingeschult worden bin, war das eben so, dass ich halt alleine dastand, keiner mit mir gespielt hatte und so. Ja und ich halt anders war, diese Andersartigkeit, ich bin ja nicht so erzogen worden wie Nicht-Sintikinder, ich hatte einfach das Gefühl, die wollen mich weghaben.

Und so begann für Regina Kreuzer eine Schullaufbahn, wie sie typisch für Sinti und Roma war und auch heute oft noch ist. Die erste Klasse Grundschule, die Versetzung zur Förderschule, am Ende vielleicht ein Abschluss, mit dem man herzlich wenig anfangen kann. Als Regina Kreuzer selbst Kinder hatte, drohte sich die Geschichte zu wiederholen:

Als meine Mädchen eingeschult wurden dachte ich, nee das machst du nicht mehr, die gehen auf die Grundschule, jetzt versuchst du, dass sie das erste Jahr schaffen und einen Hauptschulabschluss machen.

Zusammen mit ihrer Schwester begleitete sie ihre Töchter jeden Tag in die Schule, über ein Jahr lang. Bei Wind und Wetter waren Regina Kreuzer und ihre Schwester auf dem Schulhof, unterstützten ihre Kinder beim Schreiben und Lesen lernen. Bis sie einen Raum bekamen und am Ende sogar einen Vertrag und eine Ausbildung als sozialpädagogische Hilfskräfte. Seit neun Jahren arbeitet Regina Kreuzer nun als Mediatorin an der Matthias Claudius Schule in Kiel.

Also meine Aufgaben sind, dass ich in die Klassen gehe, den Kindern helfen, zum Beispiel beim Lesen oder beim Buchstaben lernen. Ich gehe mit auf Ausflüge, weil manche Eltern Angst haben, ihre Kinder allein dem Lehrer mitzugeben und ich geh mit auf Klassenfahrten.

Es gibt genug zu tun für die Mediatorin. Denn schließlich prallen mit Sinti und Nicht-Sinti zwei unterschiedliche Kulturkreise aufeinander, Probleme gibt es reichlich. Das fängt schon bei der Sprache an. Zu hause sprechen die Sinti und Roma Romanec und in ihrer Sprache gibt es eben viele Begriffe nicht, Paddeln oder Kamel zum Beispiel. Da hilft es, wenn Regina Kreuzer den Kindern zur Seite steht, es ihnen in ihrer eigenen Sprache erklärt. Die Mediatorinnen haben immer ein offenes Ohr für die Kinder, ihr kleines Zimmer in der Matthias Claudius Schule ist immer gut besucht. Manche Kinder kommen stundenweise, üben mit Regina Kreuzer Lesen oder machen in Ruhe ihre Schulaufgaben. Andere sind immer hier, wie Morena Leinweber. Die 15-Jährige kam mit einigen Lehrern überhaupt nicht mehr zurecht, wollte die Schule schon verlassen. Jetzt macht sie trotzdem ihren Abschluss:

Ach ich bin ständig hier, nur wenn ich krank bin oder so, ich mache Mathe Deutsch hier, Diktate, alles mögliche, was man in der Schule auch macht. Ich fühl mich hier sehr wohl. Ich versteh mich erstens mit den Lehrern, ja und hier macht das Lernen einfach Spaß, hier hat man keinen Druck und das alles hier hat man auch das Gefühl, Freunde zu haben und das alles.

Nicht nur die Sinti-Kinder sind froh über die Unterstützung durch Regina Kreuzer und ihre Kolleginnen, auch die Lehrer setzen auf die Vermittlung der Sinti-Frauen. Sabine Dostal Petersen hat zum Beispiel in deren ersten Klasse zwei Sintikinder sitzen. Gerade im ersten Halbjahr, meint die Grundschullehrerin, habe sie doch sehr von der Arbeit der Mediatorin profitiert.

Ich hab am Anfang wirklich so ein bisschen Fracksausen gehabt, kann man wirklich sagen. Ich hab gedacht, oh mein Gott, wie begegnest du denen, man hat ja auch so vieles gehört. Und dann war ich doch sehr erleichtert, dass Regina da war, weil sie mir erklären konnte, warum sie bestimmte Sachen nicht machen dürfen, warum sie lange Röcke tragen, das ist aus Respekt vor dem Vater. Und das weiß man ja als normaler Deutscher nicht, und das war sehr hilfreich so in die Tradition und Lebensweise Einblick zu erhalten.

Bei einem Problem aber kann auch Regina Kreuzer nicht weiterhelfen. Ein regelmäßiger Schulbesuch ist bei Sinti-Kindern immer noch die Ausnahme. Für die Sinti und Roma steht die Familie an erster Stelle, Pflicht bedeutet, die Familie zu unterstützen, erklärt Morena:

Wenn meine Geschwister krank sind oder so, meine Mutter grad was machen sollte, dann bin ich dafür da. Dann bleib ich zu Hause und pflege die.

Hinzu kommt, dass die Kinder meistens nicht alleine zur Schule gehen dürfen. Wenn sie aber niemand begleiten kann, oder der Wagen bei schlechtem Wetter nicht anspringt, bleiben die Kinder zu Hause. So kommen jede Menge Fehlstunden zusammen. Da kann Sabine Postal Petersen noch so viel Verständnis für die andere Kultur haben, irgendwann, bedauert sie, ist es einfach zu spät:

Ja, die sehen das eben nicht als so notwendig an, zur Schule zu kommen. Grad im Falle von meinen Mädchen ist das sehr sehr bedauerlich. Ich musste sie zur Förderschule anmelden, weil die Lücken nicht mehr aufzuholen waren. Und vom Intelligenzquotienten her wäre das gar kein Problem. Wir haben leider verloren, das muss man schon so sagen. Aber was wir in diese Generation investieren, hoffen wir in der nächsten Generation rausholen zu können.
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