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14.2.2005
Berliner Briefe über Frankreich
Gymnasiasten aus Berlin und Paris auf den Spuren Montesquieus
Von Tobias Wenzel

Das Bild, das Deutsche von Franzosen haben und umgekehrt, entspricht nicht immer der Realität (Bild: AP)
Das Bild, das Deutsche von Franzosen haben und umgekehrt, entspricht nicht immer der Realität (Bild: AP)
In Berlin fand eine mehrtägige wissenschaftliche Konferenz zum französischen Schriftsteller und Denker Charles Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, kurz: Montesquieu statt. Der Anlass war Montesquieus Todestag vor 250 Jahren. 1689 wurde er geboren. Zufällig in dem Jahr, in dem in Berlin das "Französische Gymnasium" gegründet wurde, das heute noch existiert. Schüler des Gymnasiums haben sich im Rahmen der Konferenz auf ihre ganz eigene Art mit dem literarischen Hauptwerk Montesquieus auseinandergesetzt.

Denk dir, mein lieber Ibben: Manche Franzosen haben die außerordentliche Gabe zu reden, ohne das geringste zu sagen. Andere haben das Geschick, unbelebte Dinge für sich sprechen zu lassen: ihr gesticktes Wamps, ihre blonde Perücke, ihre Tabatiere, den Spazierstock oder ihre Handschuh
Paris, am 6. des Mondes Rebiab 1715.


Ein Brief aus Paris. Eindrücke eines Fremden, des Persers Rica, in Montesquieus Roman "Die Persischen Briefe". Und, 250 Jahre nach Montesquieus Tod:

Liebe Tanja, du hattest mich in deinem letzten Brief gebeten, dir von meinen Erfahrungen mit Franzosen zu erzählen, da du noch nie in Frankreich warst und nur den stilisierten Künstler mit Baskenmütze und Baguette vor Augen hast. Eines kann ich dir sofort sagen: Dieses Bild trifft auf genau so viele Franzosen zu wie der beleibte Lederhosen-Bayer mit Brezel und Bier in der Hand auf uns Deutsche.

Nadine Schlegel liest ihren "Berliner Brief" vor. Nadine ist Schülerin am "Französischen Gymnasium Berlin" und sie blickt auf Frankreich. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat Gymnasiasten aus Berlin und Paris zu einem Kolloquium über Montesquieu eingeladen und sie gebeten, sich in irgendeiner Form mit dem französischen Denker zu beschäftigen.

Die Schüler wählten nicht etwa das trockene Thema der Gewaltenteilung, als dessen geistiger Vater Montesquieu gilt. Sie nahmen sich stattdessen die "Persischen Briefe" vor. Montesquieu hatte in seinem literarischen Debüt zwei Perser, Usbek und Rica, nach Paris reisen und Briefe an die in der Heimat gebliebenen schreiben lassen. So konnte der weltoffene Montesquieu mit dem fiktiven Blick eines Fremden die Relativität der Sitten aufzeigen und zugleich seine Landsleute ironisch kommentieren.

Das wollten die Berliner Schüler auch tun. Deshalb verfassten sie Briefe aus der Warte einer Französin, die in Deutschland lebt. Und umgekehrt. Nadine Schlegel fiel es leicht, einen solchen fiktiven Brief an ihre Freundin zu schreiben. Denn sie war schon öfter in Frankreich und hat dort so manches als seltsam empfunden. Die Küsse zur Begrüßung zum Beispiel, die so genannten bisoux:

Dieses Ritual einfach! Ich meine, in Deutschland begrüßt man sich ja mit Handschlag, je nachdem. Und in Frankreich ist es immer sofort ,bisou‘. Und das ändert sich dann auch nicht. Man geht dann sehr schwer zur Umarmung zum Beispiel über. Es ist halt immer ,bisou‘. Und in Paris, so wie ich es erfahren hab, sogar dreimal pro Person, jedes Mal. Also, fand ich schon irgendwie toll.

Sagt sie mit dem leicht ironischen Unterton, dessen sich auch der Perser Rica im Briefroman bedient. Dass sich Franzosen anders begrüßen und auch, dass sie in größeren Supermärkten einkaufen als Deutsche, in diesen Punkten haben die "Berliner Briefe" sicher Recht. Aber enthalten sie vielleicht auch Vorurteile?

Das versuchten die Berliner Schüler auf einer Podiumsdiskussion mit den zwei angereisten Abiturienten aus Paris herauszufinden. Dabei wurde so manch ein Teilnehmer der Diskussion ganz plötzlich nachdenklich. So auch die Berlinerin Anja Sommer:

Das war, weil wir als Stereotyp gesagt haben, dass die Franzosen viel lockerer, viel offener und viel südländischer sind im Prinzip und die Deutschen viel korrekter, viel strikter, viel pünktlicher und so und dass bei unserer Lehrerbeschreibung genau das Gegenteil herauskam. Ich dachte, das ist ja eigentlich sehr komisch. Woher kommt denn das, dass da genau anders herum die Wege sind? Mal gucken, ob irgend jemand mir eine Antwort geben kann auf diese Frage.

Auf dem Kolloquium blieb die Frage noch unbeantwortet. Vorurteile über andere Kulturen könne man jedenfalls am besten abbauen, wenn man dauerhaft mit Menschen anderer Nationen Kontakt hat, meint Tzvetelina Stantcheva. Sie geht auf das Internationale Gymnasium Saint-Germain-en-Laye, am Rande von Paris. Für sie eine Einrichtung, die in der Tradition Montesquieus und seiner "Persischen Briefe" steht und zugleich zukunftsweisend für Europa ist:

Montesquieu wollte nicht, dass man seine eigene Nationalität vergisst. Aber wir brauchen auch eine europäische Nationalität. Es reicht doch nicht aus, dass die EU als Rechtsinstitution auf dem Papier steht. Sie muss ins Bewusstsein der Menschen gelangen. Und dafür sind internationale Schulen genau das Richtige. Da lernt man auch Toleranz und dass Europa nun mal aus verschiedenen Kulturen besteht.

Und andere Kulturen erscheinen nun mal am Anfang als etwas Fremdes. Aber ein fremder Blick auf das eigene Land kann manchmal ganz erfrischend sein. So hinterließen auch die "Berliner Briefe" ihre Spuren bei Tzvetelina Stantcheva:

Durch diese Briefe, die ihr gelesen habt, durch diese neue Sichtweise, war es eine Art, unsere Welt, unsere Lebensweise, wieder neu zu entdecken. Es ist, als ob sie uns einen Spiegel vor uns gehalten habt.

Montesquieu hätte an diesem Kolloquium sicher seine Freude gehabt, er, der in seinen "Persischen Briefen" den Franzosen seiner Zeit den Spiegel vorhielt. Zum Beispiel den feinen Pariser Damen:

Manchmal klettern die Frisuren unmerklich nach oben. Dann lässt ein Umschwung sie wieder herabfallen. Vor einiger Zeit ließ deren Höhe das Gesicht der Frauen in der Mitte erscheinen. Zu anderer Zeit befanden sich dort die Füße.
Paris am 8. des Mondes Saphar 1717.

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