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16.2.2005
Soldaten im Schnellkurs
Bundeswehr sucht zivile Fachleute für Auslandseinsätze
Von Klaus Martin Höfer

Die Fregatte "Bayern" am Horn von Afrika. Für Auslandseinsätze braucht die Bundeswehr auch zivile Fachleute (Bild: AP Archiv)
Die Fregatte "Bayern" am Horn von Afrika. Für Auslandseinsätze braucht die Bundeswehr auch zivile Fachleute (Bild: AP Archiv)
In Kosovo, in Bosnien-Herzegowina, am Horn von Afrika und in Afghanistan ist die Bundeswehr derzeit mit großen Kontingenten im Auslandseinsatz - und zuletzt auch mit Sanitätseinheiten im Flutgebiet von Südasien. Für internationale Missionen benötigt die Bundeswehr nicht nur Soldaten mit rein militärischer Ausbildung, sondern auch Fachleute mit besonderen beruflichen Qualifikationen. Die sucht sie in der zivilen Welt: Krankenschwester, Rettungsassistenten, Ingenieure, Politologen und Soziologen zum Beispiel. Für den Auslandseinsatz werden sie in fünf Wochen Schnellkurs zum Soldaten geschult.

Den ganzen Morgen haben sie Schießen geübt - 40 Männer und Frauen aus ganz Deutschland, zwischen 19 bis 56 Jahre sind sie alt. Eine Waffe hatten die meisten vorher noch nie in der Hand gehabt, doch zwei Tage lang an einem Computersimulator geübt. Der Ausbilder der Infanterieschule im fränkischen Hammelburg ist zufrieden.

Ich bitte mal vor die Front Frau Schütze Braun ... das waren die meisten Schießergebnisse. 49 Ringe von 50 möglichen. Das ist wirklich gut. Wo sind eigentlich die Herren geblieben? Okay wieder eintreten.

So richtig zackig bewegen sich die Soldaten im Schnellkurs noch nicht - und auch die Uniformen sitzen bei dem einen oder anderen nicht so wie sie sollten. Kein Wunder: Zwei Wochen vorher waren die Nachwuchssoldaten noch Zivilisten - jetzt sind sie auf dem Weg zum Soldaten der Reserve und das zumeist in einem gestandenen Alter.

Erst einmal lernen, ich muss mich selber einschätzen können, was kann ich noch leisten, was noch nicht, und ich denke, ich komme noch ganz gut mit. In meinem Alter ist das ja nicht mehr ganz so einfach mit 54 Jahren,

sagt Krankenschwester Brigitte Woller aus Detmold. Marschieren steht auf dem Programm, der Umgang mit Pistole und Maschinengewehr, dazu mehrere Dutzend Stunden theoretischer Unterricht. "Allgemeine soldatische Ausbildung für ungediente Zivilkräfte", oder kurz ASA, nennt sich der Kurs im sperrigen Bundeswehr-Deutsch. Warum die Zivilisten Soldaten werden wollen, ist ganz unterschiedlich.

Ja, das hatte ich schon länger vor, jetzt ist mein Sohn aus dem Gröbsten raus. Ich sehe das irgendwo als Herausforderung,

sagt Ulrike Fekes, die bereits im zivilen Bereich bei der Wehrverwaltung in Mönchengladbach arbeitet.

Krankenschwester Brigitte Woller: Die Zielsetzung der Bundeswehr ist anders geworden. Jetzt heißt es einfach nicht nur die Landesverteidigung, sondern den Frieden in der Welt zu sichern, das ist meine Einstellung, sicherlich idealistisch, aber ich hoffe ich kann meinen kleinen Beitrag dazu beitragen.

Doch bevor Schwester Brigitte in Kabul Pflaster kleben kann, muss sie erst einmal lernen, wie Soldaten miteinander umgehen. Wer wen wie zu grüßen hat, zum Beispiel.

Ich war ganz froh, dass ich einigermaßen als Soldat benehmen konnte, dass ich in den meisten Fällen wusste, was von mir erwartet wird,

berichtet Übersetzerin Ursula Hedfeld. Die 50-Jährige war bereits zweimal in Afghanistan im Einsatz, und hatte dabei, rein formal gesehen, zahlreiche Untergebene unter sich, die allesamt aber als Berufs- oder Zeitsoldaten mehr militärische Erfahrung als sie hatten.

Aufgrund meiner zivilen Ausbildung bin ich Offizier, und dann gucken die und da steht ja nicht Offizier der Reserve, sondern sie sehen nur dass ich Hauptmann bin und soweit war ich froh, dass ich die Formalausbildung hatte.

Zivilisten will die Bundeswehr nicht in den Einsatz schicken - sie können im Ernstfall stärker gefährdet sein. Soldaten müssen im Kriegsfall nach den Regeln des Völkerrechts behandelt werden, das Gefangenen einen gewissen Schutz verspricht. Und dass sich mögliche Gegner an diese Genfer Konvention halten, darauf hoffen alle.

Dazu kommt, das ich als Zivilist und als Frau nicht die gleiche Bewegungsfreiheit hätte wie als Soldat,

ergänzt Ursula Hedfeld. Auch die 36-jährige Beatrix Dahn wird demnächst für einige Wochen in Afghanistan arbeiten. Sie hat Südasienwissenschaften und Geographie studiert, allerdings nicht, um später einmal bei der Bundeswehr zu landen.

Überhaupt nicht, nein, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Aber irgendwann wurden Ethnologen gesucht; wir sind auch Politologen, Soziologen.

Beatrix Dahn soll die Soldaten über die Kultur, Geschichte und Lebensweise der einheimischen Bevölkerung aufklären, soll so unnötige Konfrontationen vermeiden helfen - ihre Pistole wird sie dabei aber immer dabei haben.

Es wir sicher komisch sein, weil ich es gewohnt bin, mich im Ausland frei und zivil zu bewegen, ich bin ganz gespannt.

Wenn die spät berufenen Soldaten von ihren Plänen berichten, reagieren Freunde und Verwandte oft skeptisch.

Ursula Hedfeld: Einige haben mir nen Vogel gezeigt, andere haben gesagt boah! in deinem Alter. Ich meine, da war ich schnucklige 48. Meine Familie hatte Angst, meine Geschwister haben schon Angst gehabt, das kam schon, ja.

Und auch die Soldaten selbst machen sich so ihre Gedanken.

Brigitte Woller: Die Angst steckt sicherlich in jedem, der eine mags zugeben, der andere nicht, sage ich mal einfach ganz pauschal und ich denke, mit dieser Angst können wir auch leben.

Die 24-jährige Beamtin Sabrina aus Hennef: Ist schon komisch, den Gedanken auf Menschen schießen zu müssen, den verdrängt man, man denkt, dass man das nie muss und hofft das auch.
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