BildungsZeit
BildungsZeit
Montag bis Freitag • 10:25
23.2.2005
Schüler in den Hörsaal
Uni Mainz bietet Frühstudium für Begabte an
Von Anke Petermann

Schüler in den Hörsaal? Wie sinnvoll sind Frühstudien für Begabte? (Bild: AP)
Schüler in den Hörsaal? Wie sinnvoll sind Frühstudien für Begabte? (Bild: AP)
Dass besonders geeignete Schüler neben der Schule studieren, ist in vielen Bundesländern inzwischen Praxis. Mitte letzten Jahres beschloss die Kultusministerkonferenz, dass Prüfungen und Scheine aus dem so genannten Frühstudium beim späteren regulären Studium anerkannt werden - länderübergreifend. In Mainz bietet die Gutenberg-Universität in diesem Semester erstmals für drei besonders schwierige Fächer ein betreutes Frühstudium über drei Semester an - bundesweit einmalig.

Donnerstagabend, halb sechs: der gemeinsame Mathe-Kurs für Frühstudierende der Mathematik, Chemie und Volkswirtschaft ist Teil des speziellen Betreuungsprogramms. Eifrig schreiben die Elft- und Zwölftklässler ellenlange Gleichungen mit, die Professor Felix Leinen an die Tafel kritzelt. Teilweise arbeitet er damit Schulstoff auf, der durch Überschneidungen von Vorlesungen und Unterrichtsstunden versäumt wurde. Zum anderen führt der Mathe-Dozent in Integral- und Differentialrechnung ein, ohne deren Kenntnis die Schüler in den betreuten Studienfächern Probleme bekämen. Als "hochbegabt" bezeichnet der Professor seine zwölf Studierenden nicht, er nennt sie schlicht "leistungsstarke Schüler", die fürs Frühstudium sorgfältig ausgewählt worden sind:

Es wird natürlich einerseits auf die Leistungen in der Schule geguckt, andererseits wird auch ein Persönlichkeitsgutachten eingeholt, es wird geguckt, was die Schüler neben der Schule noch machen, es wird sogar der IQ noch getestet. Also, es ist ein vielfältiger Kriterienkatalog, und das schien doch eine gute Auswahl zu sein in diesem Semester, ja.

Insgesamt nehmen sie den Stoff mit, das kann ich schon sehen, auch in dem Seminar. Wir machen dann ja auch mal eine Übung, und dann kann man schon sehen, dass das Verständnis da ist und dass es in dem Rahmen läuft, wie man sich das vorstellt.

... so Sebastian Brandt-Rentschler, der ein spezielles zweistündiges Tutorium für die Frühstudierenden der Chemie anbietet.

Schule, Vorlesungen, Übungen, Hausaufgaben - donnerstags um halb sechs, wenn der Mathekurs anfängt, haben die Oberstufenschüler schon einen langen Tag hinter sich. Die Hälfte der Frühstudierenden erscheint heute gar nicht erst. Und bei den sechs Anwesenden braucht der Dozent einen zweiten Anlauf, um die Konzentration auf seine komplizierten Gleichungen zu lenken.

Leinens bester Student ist inzwischen ausgestiegen, ihm war der Termindruck zu groß. Dimitrios und Marie beißen sich weiter durch - mühsam.

Ich brauche circa eine Stunde, um von der Schule nach Hause zu gelangen und eine weitere, um zur Universität zu kommen. Die zeitliche Belastung ist sehr groß. Man kann so eine starke Belastung über einen längeren Zeitraum aushalten mit einer entsprechend großen Motivation, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Kräfte nachlassen, und die Belastung durch die Universität wird sich noch steigern im zweiten Semester. Das heißt, dass ich erst mal sehe, ob ich ein zweites Semester mache und wenn, ob ich es bis zum Ende mache.

Ich bin noch in der 11. Klasse und kam mit dem Stoff zuerst überhaupt nicht gut mit. Aber im Moment geht es eigentlich. Manchmal denke ich mir auch, ich könnte es auch wieder lassen, weil es sehr anstrengend und stressig ist.

... sagt die 16-Jährige, die neben der Chemie-Vorlesung plus Übung noch je eine Doppelstunde Chemie-Tutorium und Mathe-Kurs auf dem Programm hat - bis zu 15 Wochenstunden an der Uni. Die zusätzliche Betreuung macht das Frühstudium besonders zeitaufwendig. Doch ohne diese Hilfestellung hätte sich Marie nicht ans Chemie-Studium gewagt:

... vor allem weil wir noch ein Seminar dazu haben, ohne das würde ich das nicht hinkriegen. Und immer einen Ansprechpartner zu haben, ist auch gut.

Claudia Felser, Chemie-Professorin und Koordinatorin des Frühstudiums, hatte auf zusätzliche Betreuung gedrängt:

Wir haben natürlich auch auf die Erfahrungen anderer Universitäten zurück gegriffen, und da wurde halt festgestellt, dass es sehr hohe Abbrecherquoten gab. Dann wissen wir selbst, dass unser Frühstudium ziemlich anstrengend ist, und es sind relativ verschulte Studiengänge, deren Schwerpunkt auch am Vormittag liegt, während der Schulzeit. Das waren drei wichtige Gründe, aus denen wir gesagt haben: ohne eine richtige Betreuung können wir so ein Studium nicht anbieten und sicherstellen, dass es auch erfolgreich durchlaufen wird.

Schließlich will die Mainzer Gutenberg-Universität die leistungsstarken Schüler der Umgebung nicht frustrieren, sondern anlocken. Deshalb feilen die Verantwortlichen weiter an der Ausgestaltung des Frühstudiums, sie überlegen zum Beispiel, wie man es besser mit schulischen Stundenplänen verzahnen kann und ob die Schüler ihre Prüfungen vielleicht besser mit einem Kolloquium ablegen als in einer Klausur gemeinsam mit 400 wesentlich älteren Kommilitonen. Eines steht immerhin fest: das betreute Frühstudium soll Dauereinrichtung werden.

… und es wird ja auch Geld für fünf Jahre zur Verfügung gestellt, weil das Programm für fünf Jahre ausgelegt ist ...

… sagt Claudia Felser mit Blick auf das neue Hochschulsonderprogramm des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministeriums. In fünf Jahren könnte Violetta Agadjanowa schon weit gekommen sein. Die 19-Jährige gehört zweifellos zu den strahlenden Gewinnern in Sachen Frühstudium. Sie wohnt in Uni- und Schulnähe, das spart Zeit. Wie für die meisten ihrer Kommilitonen standen auch für Violetta die Scheine, die auf ein späteres Studium angerechnet werden, nicht im Vordergrund.

Ich wollte mehr über die Wirtschaft und die Welt erfahren, sagt sie, und genau das bringe das Frühstudium der Volkswirtschaft:

Die Vorlesungen machen sehr viel Spaß. Man versteht auch alles, und ich gehe da raus und habe etwas für mich mitgenommen, das ist sehr wichtig für mich.
-> BildungsZeit
-> weitere Beiträge