BildungsZeit
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24.2.2005
Sprachförderung im Vorschulbereich
Das Programm von Zvi Penner
Von Georg Gruber

Kein Schulabschluss - rund 30 Prozent der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund beenden ihre Schullaufbahn ohne Abschluß. Der Weg in die Arbeitslosigkeit ist vorgezeichnet. Begonnen hat dieser Weg schon vor der Schule, denn viele Kinder aus Migrantenfamilien können kaum deutsch, wenn sie eingeschult werden sollen.

In zwei Berliner Stadtbezirken wird nun in den kommunalen Kitas flächendeckend ein Sprachförderprogramm eingeführt werden, an 62 Kitas mit rund 7300 Plätzen, ein Sprachförderprogramm, das von einem Schweizer Wissenschaftler entwickelt wurde und bereits in anderen deutschen Städten sowie in Zürich eingesetzt wird. Das besondere: Dieses Programm baut auf Rhythmus und Betonung auf. Die Auswertung des Programms mit insgesamt 1250 Kindern zeigte deutliche Lernfortschritte.


Vier Jungen sitzen mit einer Erzieherin um einen Tisch: Daniel, Bilal und Yonis, fünf Jahre alt und Issa sechs Jahre. Vor ihnen liegen Karten aus festem Karton, mit Tierbildern.

Berlin-Schöneberg, Kurfürstenstraße. Eine Kita im sozialen Brennpunkt, die mit einem besonderen Sprachförderprogramm arbeitet, es basiert auf dem Rhythmusgefühl der Kinder, beginnt mit Klatschen, so sollen die Kinder die richtige Betonung lernen, ein Grundelement für das erlernen einer Sprache.

In der Kita sind 58 Kinder, die Eltern meist arbeitslos und Sozialhilfeempfänger. Alle Kinder, bis auf zwei, aus Migrantenfamilien. Deutsch ist für sie eine Fremdsprache, auch wenn die Eltern oft versuchen mit ihnen deutsch zu sprechen - ohne es selbst wirklich zu können. Die Erzieherin Regina Herzog-Stolterfoht:

Sie sind aber auch stolz auf ihr Deutsch und fangen an ihren Kindern dieses verkehrte, verdrehte Deutsch beizubringen und das ist so meine Erfahrung, dass die Kinder das falsche Deutsch mit Vermischung der Muttersprache so einsaugen, als ob dieses falsche Deutsch auch ihre Muttersprache ist und deswegen ist es unheimlich schwierig, diese verdrehten Sätze wieder raus zu kriegen und ich rede immer mit den Eltern: bitte, bitte, redet nur euere Muttersprache, eure Erstsprache, alles andere übernehmen wir.

In der Kita wird versucht, bis zum Schuleintritt die sprachlichen Defizite wieder auszugleichen.

Kind: Das ist eine Maus, das ist auch eine Maus, das sind zwei Maus.
Anderes Kind: Mäuse.
Erzieherin: Das sind zwei Mäuse.
Kind: Das sind zwei Mäuse.
Erzieherin: Du verschluckst immer dieses e, die Maus, eine Maus, zwei Mäuse gut.

Die Kita in der Kurfürstenstraße gehörte zu einer Gruppe von Einrichtungen bundesweit, in denen das neue Programm des Schweizer Sprachwissenschaftler Zvi Penner getestet wurde. Ein Programm zur sprachlichen Frühförderung nicht nur von Migrantenkindern, sondern auch für deutschsprachige Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen und Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche.

In der ersten Phase des Programms, das auf ein Jahr angelegt ist, sollen die Kinder richtige Betonung und Sprachrhythmus lernen, so wie beim Spracherwerb der Muttersprache, das ist der Grundgedanke. Die Bedeutung der Worte ist in dieser Phase noch unwichtig, allein Rhythmus und Betonung zählt. In einer zweiten Phase geht es um Basisgrammatik, Artikel, Satzbau. Der Sprachwissenschaftler Zvi Penner:

Die beiden ersten Phasen dienen dann als Grundlage für die dritte Phase, die dritte Phase ist das Sprachverstehen, wo die Kinder lernen, mit Mengen in der Sprache umzugehen, eine präzise Verstehensfähigkeit von Haupt- und Nebensatz, Fragen verstehen, alles das, was in der Schule im Unterricht von entscheidender Relevanz ist.

Die Kinder sind konzentriert bei der Sache, lernen spielerisch, ohne Druck. Täglich zehn Minuten, manchmal bis zu einer halben Stunde.

Das ist ein Pandabär, das ist auch ein Pandabär, das sind zwei Pandabären.

Erzieherin: Die mögen das sehr gerne, die finden die Situation, wenn man sie rausholt, komm wir machen Vorschularbeit, da fühlen sie sich als was Besonderes und das macht ihnen schon sehr viel Spaß. Sie merken, dass man was von ihnen möchte, sie versuchen sich zu konzentrieren und sind auch stolz, wenn sie die richtigen Worte sagen und das kommt durch die Wiederholungen auch oft vor.

Das Programm setzt sich aus über 40 Bausteinen zusammen, "corssmedial": Pappkarten, die an Memory und Puzzle erinnern, CDs mit Reimen, Liedern und Geschichten - und Computer Software, die sich die Kinder ausleihen können, um zu Hause weiter zu üben.

Erzieherin: Macht ihr auch das Programm auf CD zu Hause? Nich, warum nich?
Daniel: Wir haben kein CD.
Erzieherin: Ihr habt keinen Computer?
Yonis: Wenn wir einen großen Computer haben, dann können wir das einlegen.
Erzieherin: Aber ihr habt leider keinen, wir haben auch nur einen, von daher können wir euch keinen zur Verfügung stellen.

Auch ohne Computer - die Kinder machen Fortschritte.

Erzieherin: Jetzt geht's hier weiter, du bist hier dran Yonis.
Yonis: Der Junge zeigt auf seine Schulter. He, du bist ja echt schon perfekt.
Erzieherin: Die Sprache hat sich bei ihm wirklich enorm verbessert, auch der Wortschatz und auch die Selbstsicherheit, merkt man dadurch, dass es ihm Spaß macht, so, los, noch eines.

Doch Wunder darf man nicht erwarten. Beim Sprachtest zum Schuleintritt schnitten die Kinder trotz des Programms schlecht ab. Die Erzieherin Regina Herzog-Stolterhof:

Es waren de facto nur zwei Kinder die keinen Deutschförderkurs brauchen und das sind auch die beiden einzigen Kinder, die wir haben, die ein deutsches Elternteil haben.

Gerade für Kinder aus Migrantenfamilien gilt: Je früher mit dem Programm begonnen wird, desto mehr können die Kinder lernen. Denn eine Sprache mit dem richtigen Rhythmusgefühl von Grund auf zu erlernen, braucht Zeit.

Yonis: Das ist ein Elch, das ist auch ein Elch, das sind zwei Elche.
Erzieherin: Perfekt.
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