BildungsZeit
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28.2.2005
Fans und Fanforscher
Studie an der Uni Leipzig
Von Sven Näbrich

Fans von Bayer 04 Leverkusen (Bild: AP Archiv)
Fans von Bayer 04 Leverkusen (Bild: AP Archiv)
Heidi Stich wohnt im neunten Stock eines DDR-Plattenbaus. Doch in der Wohnung der Leipzigerin erinnert wenig an die Tristesse der grauen Umgebung: Überall hängen knallbunte Bilder, Kalender und Poster. Darauf immer das gleiche Motiv - Costa Cordalis. Seit über 30 Jahren ist Heidi Stich Fan des Schlagersängers. Schon zu DDR-Zeiten reiste sie ihrem Idol hinterher:

Wir haben stundenlang nach Karten angestanden, er war sehr oft da in der Kongresshalle, dann in Berlin im Palast der Republik und so weiter. Und dann war das immer so: den hab ich sehr gerne gehört, hab mir dann auch aus'm Westen Schallplatten versorgt, was dann natürlich auch nicht leicht war, aber irgendwie ist man immer rangekommen. Ich hatte ne große Familie, da war dann auch nicht allzu viel Zeit, das bezog sich dann mehr aufs Fernsehen oder Radio. Fernsehen hieß zu DDR-Zeiten: aufs Dach gehen, Antenne rütteln, dass man gut das ZDF bekam, Hitparade, Dieter Thomas Heck, wo Costa sehr oft war.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute koordiniert die 64-Jährige die Aktivitäten aller 28 Cordalis-Fanclubs in Deutschland. Mittlerweile kennt sie den Star auch persönlich. Das hat ihrer Faszination keinen Abbruch getan:

Am Anfang der 70er Jahre, als ich ihn das erste mal seh, war's schon das Südliche, das Äußere. Griechenland war für uns nicht erreichbar. Nachdem man aber dann die Familie kennen gelernt hat - ich sag heute immer: Ich bin nicht Costa-Fan, ich bin eigentlich Fan der Familie Cordalis.

Für Kulturwissenschaftler Mike Steffen Schäfer gehören Fans wie Heidi Stich zum so genannten Harmoniemilieu. Diese Menschen suchen vor allem Einklang und Harmonie in ihrem Fansein. Den Fan an sich konnten die Wissenschaftler hingegen nicht so leicht definieren:

Wenn man sich gängige Fanbegriffe ansieht, dann ist das sehr heterogen, da gibt's ganz unterschiedliche Eigenschaften, die da reingefasst werden. Wir haben versucht, eine Arbeitsdefinition zu finden. Diese Arbeitsdefinition sagt: Ein Fan ist jemand, der eine emotionale, eine leidenschaftliche Beziehung hat zu einem externen Fanobjekt, also zu etwas, wo er nicht selber dran beteiligt ist. Der in diese Beziehung, in die Aufrechterhaltung dieser Beziehung Zeit investiert, Geld investiert, der Informationen über sein Fanobjekt sucht.

Die Wissenschaftler betreten mit ihren Forschungen Neuland. Zwar gibt es viel Material über spezielle Fangruppen. Doch über Fans allgemein weiß man wenig. Es fehlt an vergleichenden Studien sowie an empirischen Daten. Die Leipziger Forscher stießen von daher zunächst auch auf Vorurteile und ein negativ geprägtes Fanbild:

Fans sind apolitisch, desinteressiert an gesellschaftlichen Vorgängen und so weiter. Wenn sie beispielsweise Adornos Musiksoziologie lesen, dann gibt's da 'nen Absatz über Schlagerfans, der sich wie eine Schmähschrift liest. Er sagt: Schlager sind leere Büchsen, die werden gefüllt mit austauschbaren Inhalten die letztlich die Funktion haben, denen irgendwie ein Gefühl von 'Wir gehören dazu' vorzugaukeln und die letztlich passiv zu halten. Das sind Sachen, die wir so nicht finden.

Die Forscher haben herausgefunden, dass Fans durchaus aktiv sind und sich nicht einfach berieseln lassen. Die meisten entwickeln ein hohes Maß an Eigeninitiative und kreativem Potenzial.

Der Costa Cordalis-Fanclub ist da ein gutes Beispiel. Also die überlegen sich unterschiedliche Aktionen, mal springen sie zu Costa auf die Bühne und singen mit Costa gemeinsam ein Lied, mal brennen sie ihm ne eigene CD, auf der sie Lieder von ihm nachsingen und schicken ihm die, mal fahren sie zu seinem Geburtstag zu ihm nach Hause und bringen irgendwie Nudelsalat und Würstchen mit.. Also da gibt's ne ganze Reihe von Aktionen, die die da machen.

Vermutlich wollen Fans ihr Fanerlebnis so noch intensivieren. Gruppenaktivitäten gehören ohnehin zu den wichtigsten Ereignissen im Fanalltag. Gerade Fußballanhänger schätzen den Reiz der sozialen Gruppe. Der Weg ins Stadion oder Vereinslokal gehört demnach nicht nur zur Identifikation mit dem Verein - er ist auch sozial motiviert: Fußballfans suchen die Nähe Gleichgesinnter. Uwe Herziger etwa pilgert fast täglich zu seinem Verein FC Sachsen Leipzig - auch, wenn kein Spiel stattfindet. In der Vereinsstube fachsimpelt er dann mit Fans aus allen sozialen Schichten - das schätzt Fußballfreund Uwe Herziger besonders.

Da ist alles dabei. Da sind Arbeiter, Arbeitslose, da sind Studenten dabei, Doktoren, in unserem Fanclub ist auch ein Doktor, Doktor der Chemie ja, es ist alles dabei beim Fußball. Aber ich denke mal, das ist in jedem Verein so, nicht nur beim FC Sachsen.

Mike Steffen Schäfer kann dies bestätigen. Fußballfans sind eine offene, heterogene Fanggemeinde. In der Regel entscheidet die regionale Herkunft darüber, welchem Verein man die Treue hält. Der soziale Hintergrund ist eher unwichtig. Das gilt für die meisten der untersuchten Fanbereiche.

Wenn man sich generell die Fanlandschaft als solche anguckt dann würde ich nicht sagen - und das ist schon ein Stückweit überraschend - dass Fansein irgendwo ein strukturell klar verortetes Phänomen ist. Sondern wir haben zu fast gleichen Teilen Männer und Frauen gefunden, wir haben auch in hoch gebildeten Gruppen-, schichten Fans gefunden - zum Teil mit anderen Gegenständen - aber durchaus nicht zwangsläufig.

Noch ist die Untersuchung der Wissenschaftler nicht abgeschlossen. Schon jetzt aber zeigt sich, dass Fans keine einsamen, isolierten Wesen sind, sondern mitten im Leben stehen. Viele der Befragten sehen es so pragmatisch wie Heidi Stich aus Leipzig:

Jeder Fan ist auf seine Art verrückt, auch ich. Aber trotzdem hat man immer, muss man ein bissel neutral bleiben. Wenn ich von mir ausgehe, hab ich Gott sei dank auch ne intakte Familie, also Kinder, Enkelkinder, was 100-prozentig klappt, so dass die schon für mich im Vordergrund stehen - weil ich auch schon mal gefragt worden bin: 'Costa ist alles?' - Nee, Costa, meine Kinder gehen mir schon vor!
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