BildungsZeit
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2.3.2005
Internat ohne Klassenzimmer
Schloss Rohlstorf bei Bad Segeberg
Von Frauke Schäfer

Das Internat Schloss Rohlstorf ist eigentlich ein Externat: Die Schüler gehen auf staatliche Schulen, wohnen aber im Internat (Bild: AP)
Das Internat Schloss Rohlstorf ist eigentlich ein Externat: Die Schüler gehen auf staatliche Schulen, wohnen aber im Internat (Bild: AP)
In dem Internat Schloss Rohlstorf bei Bad Segeberg gibt es keine Klassenzimmer. Hier leben zwar Schülerinnen und Schüler vom Grundschulalter bis in die Zwanziger, aber zur Schule gehen sie hier nicht. Sie besuchen staatliche Schulen in der Umgebung, in Haupt-, Realschulen und Gymnasien, manchmal auch Berufsschulen. Im Internat erhalten sie hierfür die nötige Motivation, schon seit 40 Jahren.

Es lief nicht gut, für Jennifer Pütz damals vor viereinhalb Jahren, als sie noch zuhause in Niedersachsen lebte. Stress in der Familie, keinen Bock auf Schule:

Ich musste die 9. Klasse wiederholen und hab eigentlich gedacht, sobald ich meinen Realschulabschluss habe sofort weg und an die Arbeit. Ja, und jetzt bin ich dabei in drei Monaten mein Abitur anzufangen, es hat sich gelohnt.

Florian Küne hatte seinen Realschulabschluss schon in der Tasche, aber was er damit nun anfangen sollte, wusste er nicht. Eine Ausbildung hatte er schon abgebrochen, war danach ein Jahr lang arbeitslos.

Man war ein Versager, man hat sich damit abgefunden, also ich persönlich habe mich betrunken. Ich bin in der Woche mit meinen Leuten losgezogen und wir haben irgendwelchen unproduktiven Blödsinn gemacht. Ja, ich will nicht sagen, wir haben eine "Scheiß - Egal - Stimmung" an den Tag gelegt. Uns war das nicht egal, weil wir genau wussten, so kann es nicht weitergehen und damit werden wir nicht alt. Und wenn wir zuhause waren haben wir in die Kissen geweint, wie scheiße unsere Situation ist, aber getan haben wir nichts.

Zwei Lebensläufe, typisch für die Bewohner von Schloss Rohlstorf, dem Internat in der Nähe von Bad Segeberg. Hierher kommen Jugendliche, die aus dem regulären Schulbetrieb herausfallen. Das gilt auch für andere Internate, doch Rohlstorf verfolgt ein anderes Konzept. Die Internatsschüler besuchen reguläre staatliche Schulen in der Umgebung des Internats, während das Internat das meist konfliktreiche Familienleben ersetzt. Die Pädagogen halten engen Kontakt zu den externen Schulen.

Anette von Rantzau: Wenn die Kinder nach Hause ins Internat kommen, dann wissen wir, wie ist der Tag gelaufen, also diese Aufgabe, die normalerweise die Eltern übernehmen müssten, wozu sie aber eigentlich keine Zeit haben, denn ich weiß nicht ob sie Elternsprechtage kennen, Eltersprechtage sind grade mal fünf Minuten für jede Familie und wir haben die Möglichkeit, dass wir diesen Kontakt jeden Tag herstellen können. Und dadurch sofort wissen, was für Hausaufgaben haben die Kinder auf, das wird dann einfach gemacht.

Null Bock, sagt Anette von Rantzau wird einfach ignoriert, damit kommt hier kein Kind weiter, die Teilnahme an der Hausaufgabenstunde ist obligatorisch, wenn jemand den Unterricht schwänzt, erfährt es die Internatsleitung sowieso. Aber so entscheidend scheint diese Kontrolle gar nicht zu sein, denn die Kinder und Jugendlichen sind freiwillig in Rohlstorf, betont Michael Röhloffs, der pädagogische Leiter des Internats:

Wir nehmen keine Kinder und Jugendliche auf, die nicht zu dem, was wir hier anbieten, ja sagen. Wir machen einen Vertrag mit den Jugendlichen, die hierher kommen. Ihre Eltern können sie gerne anmelden wollen, aber wenn ein Jugendlicher nicht ja zu unserem Konzept sagt, dann kommt der nicht zu uns. Ein Jugendlicher gibt uns den Auftrag uns mit ihm auseinander zu setzen, mit seinen Problemen und das ist schon immer der pädagogische Einstieg zu sagen, ich tu das nicht, weil du das musst, sondern weil du mich dazu beauftragt hast, mich mit dir auseinander zu setzen.

Wichtig für das pädagogische Konzept ist auch die Mischung der Kinder: es gibt die, die aus wohlhabenden Familien stammen, deren Eltern das Schulgeld also selbst finanzieren und solche Kinder, die vom Jugendamt geschickt werden. Es soll eine realistische Mischung sein, so wie sie die Gesellschaft auch bietet. Die Kinder sollen sich gegenseitig in ihren sozialen Kompetenzen ergänzen. Während die einen oft überbehütet wurden, bekamen die anderen zu wenig Aufmerksamkeit:

Ein Jugendlicher, der zu Hause nicht ausreichend ernährt wurde, der findet immer den Weg zum Kühlschrank und hat sich ernährt. Einer der das von zu Hause gewohnt war, sieht es nicht als seine Stärke an, aber der hat zu Hause immer mit den Eltern Hausaufgaben gemacht. Wenn die sich hier treffen, neu sind, dann sagt der eine, ich weiß wo es hier etwas zu essen gibt und der andere sagt, okay ich komm mit. Und am Nachmittag sagt der dann vielleicht, ich weiß, dass es wichtig ist, dass wir beide zur Hausaufgabenstunde gehen.

Zu der nachmittäglichen Hausaufgabenstunde geht Florian ganz gerne, zu Hause bedeuteten die Hausaufgaben mit den Eltern Stress, ein ständiges Konfliktpotenzial. Auch Nachhilfe half nicht, doch in Rohlstorf ist es anders:

Hier ist es so, hier werden einem Lernwege aufgezeigt, man hat privat ein gutes Verhältnis, man kann auch mit seinen privaten Problemen zur Lehrer kommen, da ist man dann eher bereit, sich mit denen auch in schulischen Dingen auseinander zu setzen, als mit jemandem, den ich nicht mag.

Hätte Florian jemand vor drei Jahren erzählt, dass er einmal sein Abitur machen würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Nun überlegt er zunächst zur Bundeswehr zu gehen und dann Medizin zu studieren. Auch Jennifer möchte zur Uni, Tiermedizin oder Germanistik möchte sie studieren, auf jeden Fall "etwas mit Anspruch". Die 21-Jährige ist in der so genannten Verselbständigungsphase. Sie bewohnt im Internat ein kleines Appartement, mit Minibad, eigenem Fernseher und Küchenzeile. Seit einiger Zeit versorgt sie sich selbst, kocht ihr eigenes Süppchen und darauf ist sie sehr stolz. Jennifer fühlt sich für den Sprung in die Selbständigkeit gut gewappnet. Trotzdem - der Abschied wird ihr schwer fallen:

Sagen wir so, nach fünf Jahren ist es hart. Aber die Selbständigkeit die man von zuhause gewinnt, muss man hinterher auch wieder vom Internat kriegen. Also, dass denk ich schon und das wird bestimmt nicht einfach.
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