BildungsZeit
BildungsZeit
Montag bis Freitag • 10:25
4.3.2005
Freiwilliges Soziales Jahr Kultur
Modellprojekt erfolgreich beendet
Von Georg Gruber

Seit drei Jahren gibt es ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur. Die Schauspielerinnen Martina Gedeck (links) und Nina Hoss im Deutschen Theater in Berlin (Bild: AP)
Seit drei Jahren gibt es ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur. Die Schauspielerinnen Martina Gedeck (links) und Nina Hoss im Deutschen Theater in Berlin (Bild: AP)
Ehrenamtliches Engagement ist wichtig, ohne das wäre das gesellschaftliche Leben ärmer, nicht nur im sozialen Sektor. Seit drei Jahren gibt es nun schon ein Freiwilliges Jahr für den Kulturbereich, ähnlich dem freiwilligen sozialen Jahr, nur sind die Freiwilligen und Zivildienstleistenden nicht in Krankenhäusern sondern in Opernhäusern oder Theaterwerkstätten. Dieses freiwillige kulturelle Jahr startete als Modellprojekt, und das ist nun zu Ende, und weil es sich inzwischen als Institution bewährt hat und weiter läuft, wurde vor kurzem in Berlin gefeiert.

Sie spielen freiwillig zusammen, im wahrsten Sinn des Wortes: Fünf junge Erwachsene um die 20, die gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur hinter sich haben, auf einer Veranstaltung in Berlin zum Abschluss des dreijährigen Modellprojektes.

Peer, der Schlagzeuger der Band, war für ein Jahr bei den Münchner Symphonikern, eine Stelle, die er sich ganz bewußt ausgesucht hat:

Man ist dann direkt drin, in der Musikerszene und kann sich das ganze anschauen, ob das was für einen ist, ob das einem gefällt oder nicht und die Leute lernt man kennen und den Arbeitsalltag, man sieht wie das abläuft.

In die Abläufe war er bald auch selbst integriert:

Zum einen die ganze Notenordnung, dann waren es so Sachen, wie Orchesteraufbau bei Proben und Konzerten, so ein vor Ort sein, die Koordination zwischen Büro und Musikern und anderen Leuten, so ein Mädchen für vieles, nicht für alles, aber für vieles.

Benedikt, der Klarinetist, war im oberbayerischen Bad Tölz, bei der Sing- und Musikschule.

Ich war vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, für Plakate, Handzettel, Programme. Hab auch in der Verwaltung mit geholfen, durfte aber auch bei Veranstaltungen mithelfen, in der Planung, in der Durchführung. Durfte selber auch mitwirken, hatte auch einfach mal einen geregelten Arbeitsablauf, nach der Schule auch mal sehr interessant.

Die Idee eines freiwilligen sozialen Jahres im Kulturbereich, abgekürzt FSJ Kultur, ist schon rund 15 Jahre alt. Angeregt durch das freiwillige soziale und das ökologische Jahr. Des FSJ Kultur startete im Sommer 2001 als Modellprojekt zunächst nur in fünf Bundesländern. Diese Probephase ist nun vorbei, inzwischen können auch Zivildienstleistende in kulturelle Einrichtung gehen. 400 Stellen gibt es, in Jugendclubs und Kunstschulen, in Kulturprojekten mit behinderten Menschen, in Theatern, Opernhäusern und Museen.

Bei mir war es auch als Alternative zum Kriegsdienst.

Johannes, er war bei der Anna Amalia-Bibliothek in Weimar:

Ich hab teilweise in der Buchbinderei gearbeitet, teilweise im Lesesaal, hab in verschiedenen Bereichen in der Bibliothek gearbeitet, Bücher raus gestellt und wieder rein gestellt.

Der Brand in der Bibliothek war zwei Wochen nach Ende seines freiwilligen Jahres.

Ich bin danach dann noch mal hingekommen, um zwei Tage zu helfen.

So wie Johannes bleiben viele der Freiwilligen ihren Einrichtungen auch später verbunden, arbeiten oft auch noch länger ehrenamtlich mit.

Die Initiatoren des kulturellen Jahres entwickelten dieses Jahr aber auch unter dem Bildungsaspekt. Professor Max Fuchs, von der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung:

Bildung ist für uns, wenn schon nicht Lebenskunst, dann zumindest Lebenskompetenz, dass Jugendliche in diesen Ernstsituationen, in denen sie sind, denn sie müssen ernste Arbeit dort verrichten und sie werden auch ernst genommen als Mitarbeiter, Kompetenzen entwickeln, die mit überleben, vielleicht auch mit ihrem zukünftigen beruflichen Leben zu tun haben, das macht den Bildungsaspekt aus, Vermittlung von Lebenskompetenz. Es gibt Begleitseminare, auf denen genau solche Fragen der Identitätsentwicklung, auch durchaus der Kompetenzentwicklung, vermittelt werden.

Verantwortung übernehmen, eigene Projekte entwickeln, durchstehen, wenn's mal nicht so klappt, das kann man in dieser Phase fürs Leben lernen. Kreativ werden, gestalten.

Meine Aufgaben lagen vor allem im Projektmanagement.

Tabea, 22, sie war bei 3K, Kunst, Kultur und Kommunikation in Mühlhausen, Thüringen, einer Theaterwerkstatt für Jugendliche und Erwachsene.

Da hab ich eine Produktion, "der Drache" betreut, die war mit einer Realschulklasse und dort hab ich dann auch Regieassistenz übernommen und die Schultheatertage organisiert und betreut.

Das Kulturelle Jahr ist ein Erfolg, jede Stelle könnte mit zehn Jugendlichen besetzt werden. Es gäbe auch noch mehr Einrichtungen, die Freiwillige gerne einstellen würden. Aber: es fehlt am Geld, denn die Theater und Museen können die Kosten eines Freiwilligen, auch wenn er nur 280 Euro Lohn bekommt, nicht refinanzieren, das heißt so wie soziale Einrichtungen etwa Zivildienstleistende über Krankenkassen abrechnen können.

Diese Quellen haben die Kultureinrichtungen nicht, sondern sie leben von dem, was sie an Einnahmen erzielen und den immer knapper werdenden öffentlichen Zuschüssen.

So mancher Freiwillige revidiert nach diesem Jahr seinen ursprünglichen Berufswunsch; so wie Peer, der Schlagzeuger, der bei den Münchner Symphonikern hinter die Kulissen sehen durfte.

Meine Überlegung war, dass ich dann doch nicht vorhabe, Orchestermusiker zu werden, weil das schon ein strenger Arbeitsalltag ist, harte Konkurrenz und man kommt da schwer rein , es ist halt doch recht straight.

Ich wollte mal Kostümbild studieren, das hat sich für mich in dem Jahr total geändert, weil ich in dem ganzen Jugendbildung-, Theaterpädagogik- usw. Bereich rein schnuppern konnte, da hab ich gemerkt, dass das viel mehr das ist, was ich machen möchte und dementsprechend hab ich meinen Studienplatz gewählt.

Und auch die Kultur-Einrichtungen verändern sich durch die jungen Mitarbeiter.

Max Fuchs: Sie stellen überraschende Fragen, sie stellen auch eingefahrene Strukturen in Frage, oder Einrichtungen merken, selbst wenn es Jugendkultureinrichtungen sind, dass sie in ihrer Binnenstruktur zu wenig auf Jugendliche angelegt sind und da finden wirklich wechselseitige Lernprozesse statt, sodass man sagen kann, das ganze ist nicht nur ein Bildungsjahr für die freiwilligen Jugendlichen, sondern auch ein Bildungsjahr für die Einrichtungen.
-> BildungsZeit
-> weitere Beiträge