BuchTipp
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12.1.2003
Unser Wien
Arisierung auf österreichisch
Tina Walzer/Stephan Templ

Im Raubzug gegen ihre jüdischen Nachbarn spielten die Wiener eine Vorreiterrolle für das gesamte Dritte Reich. Sofort nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12.03.1938 begannen die "wilden" Arisierungen. Es folgten bald Gesetze, mit deren Hilfe die Enteignung der Juden in bürokratische Bahnen gelenkt wurde. Für jene, die nicht mehr emigrieren konnten, zog sich das Netz aus Plünderungen, Verfolgungen, Erpressungen, Verhaftungen immer enger zusammen, ihre Lage wurde ausweglos.

Ein Großteil der Beraubungsaktion ist gut dokumentiert und in diesem Buch in einer "Topographie des Raubes" Bezirk für Bezirk nachzulesen. 80 Apotheken in jüdischem Besitz, 74 Kinos, Villen und Geschäfte, wichtige Bauten, auch Wahrzeichen der Stadt wie das Riesenrad wechselten unter dem Druck von Drohung und Gewalt ihre Besitzer. Die dürre Sprache der Grundbucheintragungen lässt den dahinterliegenden Schrecken für die Opfer kaum ahnen. Aber der Leser wird im ersten Teil gut darauf vorbereitet.

Die Autoren setzen sich mit dem persönlichen Schicksal der Opfer auseinander, sie schildern die Vorgeschichte der Gewalt, legen die infamen und verbrecherischen Methoden dar, mit deren Hilfe Juden ihres Eigentums beraubt wurden. Berichtet wird über einen Raubzug, an dem eine ganze Stadt beteiligt war, Individuen aller Schichten ebenso wie öffentliche Einrichtungen.

Ab 1938 waren die Juden in Österreich als Angriffsziel freigegeben, ein willkommener Sündenbock für alle, die sich benachteiligt fühlten:

"Die Wiener stellten die Gesetze und Verordnungen der Nationalsozialisten zur Enteignung und Verfolgung von Juden nicht in Frage. ... Ein tiefsitzendes Gefühl der Benachteiligung motivierte die Raubzüge der Wiener gegen die jüdische Bevölkerung: Die nationalsozialistischen Verordnungen erlaubten den Wienern, sich von ihren angeblichen 'jüdischen Unterdrückern' zu befreien und ihre Bereicherungswünsche in die Tat umzusetzen."

Es begann mit Plünderungen - unter den Augen und mit Beteiligung der Polizei.

Walter Rudin aus einer alteingesessenen Wiener Familie erinnert sich:

"Autos wurden den Juden weggenommen, nicht von einer 'legalen' Wiener Behörde, sondern von Leuten, die eben ein Auto haben wollten. Manchmal kamen sie zurück und verlangten eine Bezahlung für das Benzin, das sie verfahren hatten. Und ich habe von keinem einzigen Fall gehört, in dem die Polizei eingegriffen oder sich ein Opfer hilfesuchend an die Polizei gewandt hätte. Outlaws gehen nicht zur Polizei."

Zu den Opfern zählten Prominente wie die Familien Freud, Fried und Kraus, Haus - und Fabrikbesitzer ebenso wie einfache Leute, kleine Laden - oder Cafebesitzer. Die Mittel, Juden unter Druck zu setzen, waren schier unbegrenzt: Verhaftung und Folter oder die Drohung mit KZ - Haft wurden genutzt, um Vermögen abzupressen, Geschäftspartner brachten mit Hilfe des NS-Regimes ihren jüdischen Kompagnon um dessen Anteile, ein Wust von Gesetzen und einander zum Teil widersprechenden Verordnungen sorgte dafür, dass die Juden immer im Unrecht waren.

Nach den Pogromen vom November 1938 mussten Tausende Juden ihre Wohnungen räumen. Ausschnitt aus einer Aufstellung der Wiener Kultusgemeinde, die sich vor allem auf Menschen aus den unteren sozialen Schichten konzentriert:

"Wichs, 69 Jahre alt, VII (Bezirk) Burggasse 119: Am 10.11. wurde um 20.30 Uhr Auftrag erteilt, die Wohnung um 10 Uhr zu räumen. Schlüssel beschlagnahmt, Wohnung versiegelt. RM 10, - Bargeld, goldene Urkette, 1 Brillantring beschlagnahmt (ohne Quittung). ..."

Für ihr brutales Vorgehen schufen sich die Täter mit zahllosen Gesetzen und Verordnungen eine Scheinlegalität, in der die Beraubten Verkäufer und die Profiteure Käufer hießen und sich so ein gutes Gewissen bewahrten.

"Die Täter schufen eine Aura der Scheinlegalität. Ihr Bemühen, einander in der Wahrung dieses Scheins zu stützen, führte bald zur Ausbildung eines veritablen Enteignungsapparates an Personen aus Wirtschaft, Gesellschaft, Verwaltung und Politik. Korruption und Habgier bildeten die treibenden Kräfte hinter dieser absurden Fassade der Normalität."

Beteiligt an dem Raubzug waren alle: Nachbarn und Kollegen, Geschäftspartner, Beamte, angesehene Persönlichkeiten aus Wirtschaft , Wissenschaft, Kultur, öffentliche Einrichtungen aller Art:

"So mancher bis dahin unauffällige Wiener Kleinbürger konnte plötzlich weit über seine Verhältnisse leben."

Bevorzugt wurden selbstverständlich "alte Kämpfer". Aber unter den Profiteuren befand sich auch viel Prominenz. Der berühmte Dirigent Karl Böhm gelangte mit Hilfe der Nationalsozialisten an die Villa, die zuvor Paul Regenstein gehört hatte. Nach dessen Flucht hatte sich dort zunächst ein IG-Farben - Mitarbeiter eingenistet, aber den Nazis waren dann die Wünsche des Dirigenten doch etwas wichtiger und die Villa wurde auf den Namen Böhms und seiner Frau ins Grundbuch eingetragen.

An die Tragödie schließt sich ein Trauerspiel nahtlos an. Nach 1945 wollten die Österreicher von ihrer NS - Vergangenheit nichts wissen. Aus ihrem Land wurde die kleine Alpenrepublik, die als erstes Land dem Dritten Reich zum Opfer gefallen war. Die Enteignung der Juden durch Nachbarn, umtriebige Geschäftsleute oder kleine Beamte wurde verharmlost: man hatte sich ja nur an die Vorschriften gehalten, man wusste doch nicht, was mit den Juden geschah und außerdem waren sie, die Österreicher doch sowieso nicht verantwortlich:

"Der Terror in Wien lässt sich auf diese Art gut verharmlosen, denn es ist einfacher, die ganze Verantwortung des Horrors auf weit entfernte KZ- Killer zu schieben, als sich mit dem netten Großvater von nebenan, der vielleicht 'nur' in dieser Zeit die Wohnung' gewechselt' hat , auseinander zu setzen."

Die Weigerung, sich der Verantwortung zu stellen, hat für die Opfer nach dem Ende des Nationalsozialismus schlimme Folgen. Gerechtigkeit gab es nicht, wer sein Eigentum zurückhaben wollte, wurde jahrelang hingehalten, mit geringen Pauschalzahlungen abgespeist oder er bekam gar nichts. Andere waren gezwungen, ihren einstigen Besitz zu Marktpreisen zurückzukaufen. Zurückgeben wollte man nicht. Rückgabe, das wäre ja so etwas wie ein Schuldeingeständnis gewesen:

"In der Frage des ehemals jüdischen Eigentums demonstrierten die Wiener Beharrlichkeit. Das hatten sie sich erkämpft, und das wollten sie behalten. Jeder hatte in diesem Krieg Opfer bringen müssen, wieso nicht auch die Juden? Die Wiener verteidigten "ihre Stadt" mit Klauen und Zähnen gegen jeden, mochte er sich aus Amerika oder sonst woher melden, um seine Eigentumsrechte einzufordern."

Auf moralische Fragen reagierte dieses Wien, das ganze Land aggressiv. Erst die Enkelgeneration begann, sich mit der Vergangenheit und der zweiten Schuld nach 1945 auseinander zu setzen. Dazu trägt diese bedrückende Skandalchronik unfassbaren Ausmaßes eindrucksvoll bei.
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