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6.4.2003
Die Tochter des Geschichtenerzählers
Meine Heimkehr nach Afghanistan
Saira Shah

Saira Shah ist eine Muslima. Sie stammt aus einer uralten afghanischen Familie, die sich zu den Nachfahren Fatimas, der Tochter des Propheten Mohammed, zählt. Aufgewachsen ist sie in der englischen Grafschaft Kent. Die Eltern erzogen ihre drei Kinder im Geiste eines toleranten Islam. Und dabei erzählte der Vater, ein Schriftsteller, ihnen viele Märchen aus einem Paradies namens Afghanistan, damit sie ihre Herkunft, ihr Erbe nicht vergessen.

Shah: "I think my father told us stories about Afghanistan, because he wanted us to remember our heritage."

"Ich habe euch Geschichten gegeben, die ein Volk ersetzen. Sie sind euer Volk ... Was Du also vielleicht für bloße Bruchstücke von Sagen und Legenden hältst, birgt alles in sich, was Du über Afghanen wissen musst."

Deshalb war der Vater überhaupt nicht erbaut, als Saira Shah in das gefährliche Land am Hindukusch reiste, um all die Geschichten an der Realität zu messen - beispielsweise das Bild von dem wunderschönen Garten, in dem die Vorfahren jahrhundertelang hoch über Kabul lebten.

"Der Boden ist gespickt mit Minen und übersät mit den Trümmern seines früheren Glanzes, blauen Mosaikfliesen, zerbrochenen Wasserrinnen und ausgetrockneten Brunnen. Dieser Mythos zumindest ist wahr gewesen."

Als Siebzehnjährige kam sie erstmals in die Region. Sie besuchte ihren Onkel im pakistanischen Peschawar an der afghanischen Grenze. So sehr sie das Gefühl genoss, einer großen Familie anzugehören, so neu war es für sie, dass Frauen darin wie in einem Gefängnis leben.

"Die sagenumwobene Heimat meines Vaters war ein Land, das ich mit den Augen des Erzählers gesehen hatte. Der Erzähler war ein Mann."

Also trug sie fortan männliche Kleidung. Und später, nachdem sie 1986 in Peschawar ihre Karriere als freie Journalistin begonnen hatte, entwickelte sie das Rollenspiel zur Methode. Sie reiste als Mann und öffnete sich als Frau die Türen zu den Privaträumen der Familien.

Shah: "I could go also to the women's court in Afghan houses and meet the women as well."

Und so verhielt sie sich mal westlich oder fühlte mal orientalisch.

"Meine westliche Seite ist ein feinfühliger, liberaler, bürgerlicher Pazifist. Meine afghanische Seite kann ich nur als beutegierigen Raubritter beschreiben. Er weidet sich am Blutvergießen, rühmt sich der Gefahr und fürchtet sich nie."

In den Flüchtlingslagern an der Grenze, auf vielen strapaziösen Reisen, zu Fuß über die Berge oder auf einem Laster lernte sie ihr Volk und ihr Land kennen. Sie begleitete die Mudschahedin, die sie als angeberische, brutale Machos erlebte, deren Ehrenkodex ebenso zweifelhaft wie ihre Ortskenntnisse waren.

"Es war der endgültige Beweis, dass der Mythos vom edlen Mudschahed eine Lüge war."

Um die sowjetischen Soldaten zu besiegen, unterstützten Amerikaner und Pakistaner vor allem extrem radikale afghanische Krieger. Sie galten als zuverlässig. Es waren nicht selten ungebildete dörfliche Frömmler, die im Schatten des Krieges einen religiösen Kampf um den Geist des Islam entfachten.

"Am einen Ende des Spektrums stehen die Fanatiker und religiösen Eiferer, am anderen die islamischen Mystiker, die sich in Afghanistan früher großer Beliebtheit erfreuten."

Aber so war es schon immer. Wenn sie nicht von außen bedroht waren, dann bekämpften sich ihre Stämme gegenseitig. Seit Jahrhunderten durchzieht der Krieg ihr Land.

"... wo, wie die Afghanen sagen, Gott nach der Erschaffung der Welt lachend den Unrat abgeladen hat."

Minen und Kriegsgerät sind geblieben. Doch wie im Garten der eigenen Familie findet Saira Shah auf ihren Touren über Berge, Täler und Ebenen nur noch Spuren eines einst blühenden Paradieses.

"Die systematische Zerstörung des empfindlichen Bewässerungssystems hat weite einst fruchtbare Landstriche veröden lassen."

Shah: "So I could see, how marvellous the country it must be, before agriculture so systematically destroyed."

Also suchte sie in den Menschen, denen sie begegnete, jene alten afghanischen Tugenden, die ihr aus den Geschichten ihres Vaters vertraut waren, wie Höflichkeit ...

"Hochherzigkeit, Mut, grenzenloses Selbstvertrauen und vor allem einen Sinn für Humor." -- Shah: "...almost quite a black humor sometimes, but it is great."

Ja, zuweilen ein schwarzer Humor, den das Elend des Krieges allerdings verstummen ließ. Dem Wesen ihres Volkes kam Saira Shah gleichwohl nahe. Einmal begegnete sie einer Gruppe von Männern, die einen Toten über die Berge zurück in sein Dorf trugen, um ihn nicht in der Fremde begraben zu müssen.

"Wir standen da und schauten, bis die Prozession aus unserem Blickfeld verschwand. Für mich verkörperte sie die Seelengröße, zu der der Mensch auch unter den aussichtslosesten Umständen fähig ist."

Oder sie erzählt von jenem alten Flüchtling, dem nichts anders übrig blieb, als mit seinen Verwandten am dreckigen Flussufer Peschawars zu campieren:

".. ein würdevoller alter Scheich, elegant und zuvorkommend, voller weiser Sprüche und moralischer Diskurse."

Es sind dann drei Mädchen, deren Mutter vor ihren Augen von den Taliban erschossen wurden, die zu ihrem Schlüsselerlebnis werden. Saira Shah bot an, ihnen den Schulbesuch in der nahen Stadt zu finanzieren. Doch der Vater mochte sein Dorf weder verlassen noch seine Töchter hergeben - vielleicht nicht einmal, wenn er eine andere Frau gefunden hätte.

Shah: "I discovered, that life isn't like that. I assume I would be to help them."

"Was das reale Afghanistan betraf, so hatte ich angenommen, dass ich mit ihm beliebig umspringen könnte, dass ich mir aussuchen konnte, wen ich retten wollte. Ich hatte nicht einmal geschafft, drei Mädchen in die Schule zu schicken."

Und so versteht die Tochter am Ende ihrer Reisen den Rat des Vaters, den er mit dem Erzählen seiner Geschichten verband.

Shah: "... and these stories took me on a journey and in course of the journey I discovered, that manys are not true or not longer true."

Das mythische Afghanistan ist am Hindukusch nicht mehr zu finden. Nur die Sagen und Legenden bewahren es und geben es an die nächste Generation weiter.
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