BuchTipp
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13.4.2003
Schluss mit der Bildungsmisere
Ein Sanierungskonzept
Jürgen Kluge

Während die Hartz-, und die Rürup-Kommission in monatelangen Beratungen gegen den Reformstau in unserem Lande arbeiten, hat Jürgen Kluge - ohne Auftrag vom Bundeskanzler - ein Buch geschrieben, welches auf 240 Seiten eine fundierte Analyse unseres maroden Bildungssystems vorlegt. Das Sanierungskonzept liefert der Unternehmensberater gleich mit, inklusive Finanzierungsvorschlägen. Eigentlich, so der Eindruck nach der Lektüre, müsste man sofort die Ärmel hochkrempeln und damit beginnen, unsere Kindergärten und Schulen vom Kopf auf die Beine zu stellen, denn, so Kluge, es ist nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf:

"Zu lange schon ist das Bildungswesen bei uns ein Kriegsschauplatz und nicht ein Ort für Zukunftsgestaltung gewesen. Spitzenauslese oder Breitenförderung, Lust oder Leistung, Allgemeinbildung oder Ausbildung.... Gesamtschule oder Gymnasium - während wir fruchtlose ideologische Grabenkämpfe ausgefochten haben über das, was Bildung ausmacht, sind die anderen weitermarschiert. Wenn es uns nicht gelingt, unseren auf Grund gelaufenen Bildungstanker wieder flott zu machen, dann werden wir die großen Verlierer sein."

Jürgen Kluge schlägt vor, das Bildungssystem wie ein weit verzweigtes, modernes und soziales Unternehmen zu behandeln. Dazu gehören selbständige Schulen, eine Weiterbildungspflicht für Lehrer, die Bezahlung nach Leistung, die Abschaffung des Beamtentums und die Förderung von Ganztagsschulen. Das alles aber nutzt nur dann etwas, wenn die Qualität des "Unternehmens Bildung" auch kontrolliert wird.

Kluge: "Die Qualität hat ja bisher niemand gemessen. Wir messen immer den input, also wie viel Lehrer wir haben, wie groß die Klassen sind und wie die Ausstattung ist, aber nie eigentlich das Wichtige, nämlich den output, wie gut ist denn die Qualität der Abgänger dieses Bildungssystems und das müsste man machen. Jetzt haben wir den Anstoß der OECD mit PISA gebraucht und das sollte man natürlich fortführen."

Qualitätskontrollen und Qualitätsstandards sollten, so Kluge, nicht nur für die Schule, sondern gerade auch für die vorschulischen Einrichtungen verpflichtend sein. Der Beruf der Erzieherinnen muss in Deutschland dringend aufgewertet werden, damit er internationalem Standard entspricht. Das bedeutet: eine qualifizierte Ausbildung, höhere Bezahlung und Fortbildungsmöglichkeiten im Ausland. Auch die Lehrer brauchen mehr gesellschaftliche Anerkennung, allerdings müssen sie sich der Kritik an ihren Unterrichtsmethoden stellen:

"In unseren Schulen lernt man, die vom Lehrer erwarteten Antworten zu geben, nicht aber Fragen zu stellen."

Für Lehrer, die wie vor 100 Jahren mit der Kreide an der Tafel stehen und ihr Schüler mit Frontalunterricht traktieren, hat Jürgen Kluge kein Verständnis:

"Der Lehrerberuf hat Entwicklungen, die auf dem übrigen Arbeitsmarkt längst gang und gäbe sind, beharrlich ignoriert...Es scheint mir fast unvorstellbar, dass manche Lehrer nicht wissen, wie man einen Computer bedient, eine E-Mail verschickt oder eine Adresse im Internet herausfindet."

Jürgen Kluge weist in seinem Buch darauf hin, dass die Reform unseres Bildungswesens nicht am Geld scheitern wird. Bereits PISA hat gezeigt, dass wir mit viel Geld wenig Qualität produzieren, wir müssen also den vorhandenen Etat anders einsetzen. Dennoch fordert Kluge auch bei den Finanzen ein grundsätzliches Umdenken, denn Bildung ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition. Das gilt nicht nur für die Elite der Gesellschaft.

Kluge: "Natürlich startet man, wenn man von MC Kinsey kommt, mit dem Ansatz: lass uns mehr für die Elite tun, das stimmt auch, wir müssen da mehr tun, im internationalen Vergleich ist das evident, wir müssen aber auch viel mehr tun für das untere Ende, sonst entsteht uns da eine Generation, die wir in der Wissensgesellschaft - die wir brauchen - mit hohen Produktivitätssteigerungen - die wir auch brauchen, um die alternde Bevölkerung zu versorgen - einfach nicht mehr einsetzen können und die bleiben dann als Bodensatz zurück und das fängt schon im Schulalter an."

Es spricht für den Autor, dass er konsequent in globalen Zusammenhängen denkt und Deutschland als Einwanderungsland definiert, welches lange Zeit nicht wahrhaben wollte, dass zunehmend mehr Kinder in deutschen Schulen keine deutschen Eltern haben. Die demographische Entwicklung, so Jürgen Kluge, zwingt uns dazu, uns klar zu den Kindern und Jugendlichen zu bekennen, die bei uns leben.

"Nur wenn wir klare Maßstäbe haben, ob wir Immigranten wollen, welche und wie viele, werden wir sie gezielt in ihren schulischen Leistungen fördern wollen. Die Einsicht, dass wir es uns nicht leisten können und dürfen, auch nur ein einziges Talent zu verschleudern, wird uns dazu bringen."

Jürgen Kluge baut mit seinem Buch eine Brücke über alte Gräben zwischen Bildung und Kultur einerseits und Ökonomie andererseits. Wir haben, so Kluge, alle ein gemeinsames Interesse: wir müssen optimale Bedingungen für Familien schaffen, damit wieder mehr Kinder in unserem Land zur Welt kommen und wir müssen alle Kinder von klein auf exzellent fördern. Denn davon profitieren wir schlussendlich alle.

"Bildungsarmut erzeugt Wirtschaftsarmut. Ob ein Land erfolgreich wirtschaftet oder nicht, hängt immer stärker von der Bildung seiner Bürger ab. Das Humankapital Bildung entscheidet darüber, welche Volkswirtschaften sich im globalen Wettbewerb behaupten können, erst recht in einer alternden Volkswirtschaft wie der unseren, die viel verbraucht aber wenig Neues kreiert."
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