BuchTipp
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21.4.2003
Stark für das Leben
Wege aus dem Erziehungsnotstand
Petra Gerster / Christian Nürnberger

Die Ursachen der deutschen Bildungsmisere sind hinlänglich bekannt: Kindergärten, in denen Kinder mehr betreut als gefördert werden, Unterrichtsausfall an Schulen, zu große Klassen und überforderte Lehrer. Diese Fakten waren vor zwei Jahren Gegenstand des Buches "Erziehungsnotstand" der Fernsehmoderatorin Petra Gerster und ihres Mannes, Christian Nürnberger. Nach der Diagnose folgt nun die Therapie: Das Autorenpaar hat ein zweites Buch auf den Markt gebracht: Stark für das Leben - Wege aus dem Erziehungsnotstand. Die zentrale These des Buches: Bildung setzt Erziehung voraus, und die ist erst einmal Aufgabe der Eltern.

Gerster: "Und deshalb haben wir jetzt in diesem Buch den Focus verstärkt auf die Familie gelegt, denn wir meinen, nur wenn ein Kind ein gutes Fundament bekommt... dann erst kann es auch gut gebildet werden in der Schule... wir wollen Eltern sensibilisieren für das, was sie selber leisten müssen...ich glaube wir haben in den letzten 30 Jahren Erziehung sehr vernachlässigt auch in den Familien."

Zu viele Eltern, schreiben die Autoren, sind gleichgültig, konsumorientiert und überlassen die Erziehung vormittags der Schule und nachmittags dem Computer oder dem Fernsehen. Zu viele Kinder in Deutschland sind sich selbst überlassen. Während die Eltern arbeiten, treiben sie sich herum und entwickeln sich langfristig zum Risiko für die Gesellschaft. Haben Eltern in den vergangenen drei Jahrzehnten ihre Erziehungsaufgaben vernachlässigt, so wurden sie ihrerseits von der Politik im Stich gelassen, beklagen die Autoren. Sie fordern vom Staat, dort einzugreifen, wo Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht alleine bewältigen können.

Gerster: "Und dazu gehört, dass Eltern, die nicht in der Lage sind, die Erziehungsaufgabe so wahrzunehmen, weil sie vielleicht Existenznöte haben, sei es psychische Probleme... Gerade diesen Familien müssen wir Unterstützung gewähren, indem z.B. so etwas wie Elternschulen eingeführt werden. Man lernt, den Führerschein zu machen und muss für alles andere auch Prüfungen ablegen - aber Kinder bekommt man einfach so und dann sind Eltern sich selbst überlassen."

Die Autoren reden nicht einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung das Wort, betrachten sie aber als hilfreich für Frauen, die berufstätig sein möchten und Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Ein Schritt, der auch die finanzielle Kluft zwischen Familien und Kinderlosen verkleinern würde. Denn: In Deutschland hat eine Familie mit zwei Kindern nur 51 Prozent des Einkommens eines kinderlosen Paares zur Verfügung.

Gersters und Nürnbergers Buch ist ein Essay, bereichert mit vielen Zitaten aus der Literatur und zahlreichen Forschungsergebnissen. "Stark für das Leben" ist aber auch ein Buch mit persönlichen Anekdoten und Erfahrensberichten der beiden Autoren.

Gerster: "Beim ersten Buch haben wir uns noch sehr bemüht, es sozusagen aus einem Guss zu fertigen, was nicht einfach war. Wir sind uns dabei auch öfter in die Haare gekommen... Diesmal haben wir uns öfter getrennt, d.h. wir haben zwischen die gemeinsamen Kapitel... solche persönlichen Lesestücke geschoben, die mein Mann ganz allein für sich verfasst hat und ich für mich... Alles was religiöse Erziehung betrifft und Werteerziehung, diese Kapitel hat verstärkt mein Mann geschrieben, der ja auch Theologe ist... die Kapitel, die sich stark mit der Frauenrolle beschäftigen... das ist mehr mein Erfahrungsbereich und da komme ich stärker zum Ausdruck."

Eines der stärksten Kapitel des Buches ist Christian Nürnbergers Schilderung eines typischen Samstagabends seiner Kindheit in einem kleinen Dorf irgendwo in Franken: Er sitzt im dampfenden Badezuber, die Mutter wäscht ihm die Haare, nebenan bügelt die Schwester. Der Vater hört Volksmusik. Die Episode vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit und des Aufgehobenseins im Rahmen festgefügter Rollen und Rituale. Die Sicherheit der Familie, so die Autoren, ist auch der Ort, an dem Kindern Werte vermittelt werden. Eine schwierige Aufgabe in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft:

Gerster: "Dennoch sind ja unsere Begriffe von Humanität, von Anstand, Werte wie Solidarität, wie Ehrlichkeit, Mitgefühl, die sind ja universell... Deswegen finde ich es persönlich nicht so wichtig, an was man nun im einzelnen glaubt. Und bei uns in der Familie erfahren sie ja auch einen eher liberalen Umgang mit dem Glauben, bei anderen Kindern erleben sie, dass die sonntags in die Kirche gehen. Wichtig ist, dass die Eltern das leben, was sie sagen, dass nicht Kinder merken, da ist ein Bruch zwischen dem, was ihnen gesagt wird - und die Eltern selber leben das gar nicht."

Besondere Aufmerksamkeit widmen Gerster und Nürnberger dem Spracherwerb, denn wer nicht richtig sprechen kann, lernt nicht richtig lesen und wer das Lesen nicht beherrscht, dem fehlt ein wichtiges Instrument, um die Welt zu begreifen. Knapp ein Viertel aller Kinder zwischen drei und vier Jahren gelten einer Studie zufolge als sprachverzögert. Auch die Lesegewohnheiten haben sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert: 1994 lasen noch 16 Prozent der Deutschen regelmäßig in einem Buch, heute sind es gerade mal sechs Prozent. Lesen dient jedoch nicht nur der Aneignung von Wissen und Informationen, ein Buch kann auch zum Verbündeten werden:

Gerster: "Die Bücher sollten einfach ganz selbstverständlich mit dazugehören, weil sie eine ganz große Hilfe sind, das eigene Leben zu bewältigen. Ich hab' das so erfahren, man findet in Büchern Trost, lernt ganz viel aus ihnen und sieht, dass man mit vielen Problemen gar nicht allein ist in der Welt. Das können Kinder feststellen, durch Bücher wie Harry Potter, die ich wunderbar finde, da können Kinder ganz viel für ihre eigenen täglichen Probleme in der Schule und mit Freunden lernen, und deshalb halte ich sie für so wichtig."

Mit intellektueller Förderung allein ist es jedoch nicht getan. Die Autoren fordern eine ganzheitliche Erziehung. Denn: Ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper. Um den aber steht es schlecht. Dreißig Prozent aller Schulkinder sind übergewichtig, viele leiden unter Kreislaufstörungen, die Hälfte ist nicht in der Lage, 30 Sekunden auf einem Bein zu stehen. Die Schulen sollten Bewegung fördern, anstatt wie bisher zuerst beim Sport zu sparen. Überhaupt spielen die natürlichen Bedürfnisse der Kinder in unserem Schulsystem nur eine untergeordnete Rolle, so der Vorwurf der Autoren. Die gegenwärtige Bildungsdebatte habe daran nichts geändert:

Gerster: "Was PISA betrifft, sind nicht die falschen Schlüsse gezogen worden, aber es passiert viel zu wenig. Was jetzt diskutiert wird, die Standards in den Schulen zu heben, möglicherweise auch ein Zentralabitur anzustreben, das ist sicher alles gut und wichtig aber es dreht sich insbesondere alles nur um Leistung, um Schlüsselqualifikationen, um im späteren Berufsleben zu bestehen und um irgendwann mal die Koreaner und die Japaner zu schlagen. Und das ist einfach zu kurz gegriffen."

Inhaltlich ist "Stark für das Leben - Wege aus dem Erziehungsnotstand" ein Buch, das den allermeisten Eltern aus der Seele sprechen dürfte. Allerdings legen die Verfasser hohe Maßstäbe für eine förderliche Kindheit an: Viel Zuwendung, gute Bücher, Musizieren und Sport. Dabei verlieren sie allerdings zuweilen aus dem Auge, dass auch der Tag eines Kindes nur 24 Stunden hat. Stilistisch ist das Buch eine gelungene Mischung aus verschiedenen Elementen, wobei die Anekdoten aus dem eigenen Familienleben erfrischend, aber teilweise etwas aufdringlich wirken. Eindeutig zu lang geraten ist die Diskussion darüber, was sich prägender auf die Entwicklung eines Menschen auswirkt: Umwelt oder Veranlagung. Zumal die Autoren - wer hätte angesichts des Buchtitels etwas anderes vermutet - zu dem Schluss kommen: "Wir glauben an Erziehung".

"Stark für das Leben" ist kein klassischer Erziehungsratgeber. Petra Gerster und Christian Nürnberger wollen ihre Leser vielmehr auf kluge Weise dazu bringen, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken:

Gerster: "Dass man denkt, wie ist es bei uns, das ist genau die Absicht des Buches. Das finde ich wunderbar, dass man sich überlegt, machen wir das eigentlich genug, reden wir genug mit unseren Kindern? Die Eltern dafür zu sensibilisieren, wie wichtig es ist, zusammenzusein, zusammenzuschwätzen, mal ins Kino zugehen...das ist der Anstoß, den das Buch geben soll....Wir müssen mit unseren Kindern diese kurze Zeit, die wir zusammen sind, diese 15,16,17 Jahre, die sollten wir nutzen um soviel wie möglich miteinander zu sprechen und uns so viel wie möglich gegenseitig zu befruchten."

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