BuchTipp
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20.4.2003
Die Bundespräsidenten
Von Theodor Heuss bis Johannes Rau
Günther Scholz / Martin E. Süskind

Der Gegenstand ist nicht unspröde. Personen in ihren Ämtern werden geschildert, eine sehr kleine und ausgelesene Gruppe, das letzte halbe Jahrhundert betreffend. Es handelt sich um die Bundespräsidenten unserer Republik, angefangen mit Theodor Heuss und vorläufig endend bei Johannes Rau.

Eine dröge Fleißarbeit, möchte man meinen, obwohl das Buch mit einer angedeuteten Schärpe über einem verhuschten Frack auf dem Umschlag einen geheimnisvollen Eindruck macht. Und schon beim ersten Versuch, das Buch wegen vermeintlicher Sprödigkeit beiseite zu legen, liest man sich fest. Da wird eine äußerst spannende Darstellung bundesdeutscher und gesamtdeutscher und europäischer Geschichte der vergangenen fünf Jahrzehnte und weit darüber hinaus geliefert, die wahrlich ihres Gleichen sucht.

Zwei Autoren zeichnen für dieses in jedem Kapitel lesenswerte Werk verantwortlich. Es ist zum einen der journalistische Haudegen Günther Scholz, seit Gründung der Bundesrepublik politischer Korrespondent vornehmlich in Bonn und zum anderen Martin E. Süskind, ebenfalls politischer Korrespondent, enger Mitarbeiter von Willy Brandt in Bonn, Hauptstadtkorrespondent der Süddeutschen Zeitung und später Chefredakteur bedeutender Tageszeitungen in Köln und Berlin und heute freier Publizist.

Diesen beiden Kennern der Szene ist gelungen, was man kaum für möglich gehalten hätte: Es ist aus dem Buch über die Präsidenten tatsächlich Neues, Überraschendes und die Sichtweise erstaunlicher Zusammenhänge zu erfahren.

Angefangen hat es mit Theodor Heuss, dem großen Liberalen, dem Journalisten und Politiker, der durch alle Gefährdungen aller Systeme unbeschädigt hindurchgegangen ist und im Parlamentarischen Rat in Bonn eine entscheidende Rolle spielte. Es heißt über ihn in dem Buch:

"Theodor Heuss setzte den Namen 'Bundesrepublik Deutschland' durch. Er steuerte die Mehrheit zu den Landesfarben Schwarz-Rot-Gold, gab dem Staat anstelle eines Direktoriums das Amt des Bundespräsidenten. Er sorgte dafür, dass dieses Amt nicht durch ein Plebiszit, nicht durch direkte Wahl ersetzt wurde, sondern durch ein Wahlmännergremium von Bund und Ländern, also die Bundesversammlung. Auf seinen Entwurf ging fast wortgenau die Präambel des Grundgesetzes zurück, das durchaus eine Verfassung für ein wiedervereintes Deutschland sein sollte, nicht die 'Satzung' für ein Provisorium, wie es der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher allenfalls zulassen wollte."

Von ihm stammt auch das Wort, dass im Grundgesetz der Bundespräsident nur ein Paragrafengespinst sei, das der Amtsinhaber mit Leben zu erfüllen habe. Heuss hat dafür entscheidende Impulse gegeben, von denen alle seine Nachfolger zehren konnten. Er war übrigens der erste und beleibe nicht der letzte Präsident, der mit einer älteren Frau verheiratet war - Lübke ebenso wie Heinemann - nur Rau macht eine erhebliche Ausnahme mit seiner um Jahrzehnte jüngeren Frau.

Auch das ist nachzulesen: Sehr viel Persönliches, Anekdotisches, Privates.

Einen großen Teil des spannend geschriebenen Buches nehmen die geradezu dramatischen Umstände ein, die sich um die Nachfolge von Theodor Heuss gebildet haben. Sollte Adenauer oder nicht, durfte Carlo Schmid oder nicht, warum musste schließlich Heinrich Lübke, den damals so recht keiner mochte, weil kaum einer wusste, wie kämpferisch und mutig dieser Sauerländer in Wirklichkeit war.

Heinrich Lübke war unmittelbar nach dem Krieg, noch vor der Währungsreform l948, für die Landwirtschaft in der damaligen Bi-Zone verantwortlich, als Minister galt er als der "rote Heinrich" und nicht nur Freunde bescheinigten ihm Mut:

"Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 entspannte sich die Ernährungslage, die Landwirte konnten ihre Ernte gegen hartes Geld verkaufen. Am 14. Oktober lobte die 'Westfalenpost' Heinrich Lübke, der in seinem sauerländischen Heimatkreis Sprechstunden abhielt: 'Der Ministersessel isoliert ihn nicht, er bleibt den Männern und Frauen des Landes in jener Einfachheit, Lauterkeit und Freundlichkeit verbunden, die ihn schon auszeichneten, ehe er die Würde und Bürde eines Ministers erhielt. Männer und Frauen, Alte und Jüngere, Fabrikanten, Handwerker, ZUMEIST NATÜRLICH Bauern; Landwirte und Gärtner, unter ihnen zahlreiche Ostvertriebene, kommen und fragen um Rat und Hilfe. Nach der parteipolitischen Orientierung wird selbstverständlich nicht gefragt. Der Minister hat nicht gehört, was draußen ein Landwirt zu seiner Frau sagte, als sie nach dem Besuch der Sprechstunde das Haus verließen: 'Dat is 'n famoser Mann!'"

Auch die zum Teil beschämenden Verunglimpfungen Heinrich Lübkes werden schonungslos und vorurteilsfrei dokumentiert, wie auch die ungeheuerlichen Fälschungen der damaligen DDR-Führung aufgedeckt werden, die aus Lübke einen KZ-Baumeister haben machen wollen.

Gustav Heinemann, der auf Lübke folgte, hat seinen Vorgänger immer und zu jeder Zeit in Schutz genommen.

Über diesen bekennenden Christen, den ersten Sozialdemokraten auf diesem Stuhl seit Friedrich Ebert, schreiben die Autoren vor allem aus seiner Zeit vor und nach der Präsidentschaft. Es entsteht ein Stück Zeitgeschichte, deren Wirkung bis in unsere Tage hineinreicht. Unter anderem ging es um die deutsche Wiederbewaffnung, die Adenauer gemeinsam mit den Amerikanern vorantrieb, gegen den Widerstand des damaligen Innenministers Heinemann und der evangelischen Kirche, deren Präses er damals war:

"Auf dem Hintergrund dieser Entschließung der EKD ist es leicht zu verstehen, warum der Bundesminister des Inneren im Kabinett sich am 31. August zum ersten ale offen gegen den Kanzler stellte und Einblick in das Memorandum forderte, das der Kanzler den Hohen Kommissaren in den Vortagen zur Frage einer 'Bundespolizei' übergeben hatte. Als zuständiger Minister für Polizeifragen hätte er dazu konsultiert werden müssen. Er war nicht bereit, sich vor vollendete Tatsachen stellen zu lassen. In einer Aktennotiz berichtete Heinemann über seinen Protest:: "Dr. Adenauer fragte erregt, was das bedeuten solle; Ich sagte: 'Ich scheide aus der Bundesregierung aus.' Der Eklat war da."

Über Walter Scheel erfahren wir mehr als nur seine Sangesfreude, wir erfahren etwas über seine beharrliche Klugheit, seinen politischen Weitblick und über seinen Mut, die tiefgreifenden Veränderungen in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit herbeizuführen: Bildung der ersten Sozialliberalen Koalition in Bonn und ihre Folgen.

An den Präsidenten der Republik wird deutlich, welche entscheidenden Funktionen sie in entscheidenden Momenten hatten.

Erinnert wird an Weizsäckers große Rede zum 50. Jahrestag des Kriegsendes und seine weltweite Wirkung, an die Sorgfalt und Hingabe, mit der Männer wie Carl Carstens oder Roman Herzog das Amt versahen. Erinnert wird an die Konflikte mit dem Parlament, Gesetze auszufertigen, die dann vor dem Verfassungsgericht einer Überprüfung standhalten mussten.

Johannes Rau bestreitet das - vorerst - letzte Kapitel dieses außerordentlichen Buches. Seine Zweifel werden deutlich, sein Suchen, seine Aufrichtigkeit und seine Geradlinigkeit.

Das Werk macht eines deutlich: Die Bundesrepublik Deutschland hat mit ihren Präsidenten ungewöhnlich großes Glück gehabt. Sie sind jeweils Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Lage Deutschlands gewesen und sind es noch. Das Buch von Scholz und Süskind vermittelt anhand der acht Persönlichkeiten auf dem Präsidentenstuhl Geschichte und Aktualität hautnah.
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