BuchTipp
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27.4.2003
Der Narr
Stephan Krawczyk

Die Geschichte geht so: Der junge Mann ist eigentlich ganz nett, und so ist es auch klar, dass er in die Partei geht, dass er zur Armee geht. Man könnte vielleicht behaupten, der junge Mann sei naiv, und da ist was dran, aber dann wird er Sänger, dieser Stephan.

Naivität verbunden mit der ganz und gar nicht zu bändigenden Lebenslust eines Künstlers - vermehrt um ein gehöriges Maß an beobachtender Intelligenz: Das führt zu Reibungen. Erheblichen Reibungen mit dem System. Das System will den Sänger nicht länger singen lassen; das immer wieder angedrohte Verbot erhöht den Oppositionsgeist und den wütenden Mut weiter zu singen. Denn eines, weiß Stephan, der Ich-Erzähler in "Der Narr" genau, ein Sänger, der nicht mehr singen darf ...

"Ein Sänger, der nicht mehr singen darf, ist gefährdet. Er sucht nach dem Sinn seines Daseins, grübelt viel und wird auf hundert Meter Entfernung als ein Mensch erkannt, der sich überflüssig, unnütz und parasitär vorkommt. Seine Freunde meiden ihn, weil sie sich nicht herunterziehen lassen wollen, die Liebe liegt im argen, denn er wird ihr gegenüber empfindungslos. Vereinsamt spielt er schließlich mit dem Gedanken, sich aufzuhängen. Das kam allerdings selten vor, dafür wurde umso häufiger ausgereist. Bei beiden Varianten war der Sänger von der Bildfläche verschwunden. Schon bald krähte kein Hahn mehr nach ihm."

Der hier liest, ist Stephan Krawczyk, der die Figur Stephan - Stephan K. - aus dem Roman "Der Narr" sprechen lässt. Roman? Autobiographie.

"Ich habe nicht vorgehabt, eine Autobiographie zu schreiben. Wenn ich es vorgehabt hätte, wäre es ein anderes Buch geworden."

Stephan Krawczyk hatte also nicht vor, Anekdoten aus dem Leben des singenden Bürgerrechtlers und Widerständlers vorzutragen, der bis 1988 seine große Zeit in der DDR hatte ...

"Weil damit wirst du im Grunde genommen in deiner Stimme kastriert und immer nur in der Rolle nur zugelassen, die dir von den Zeiten auf den Leib geschneidert wurde."

"Der Narr" soll also anderes sein - und ist es auch -: Bezug nehmend auf die Geschichte des Stephan Krawczyk im Roman die Geschichte des Sängers, des "Narren", Stephan in einem Land namens DDR erzählen. Das Allgemeine suchen, das sich vom Autobiographischen ablöst oder sich in ihm verwebt.

"Der Narr ... dieser Begriff ist eher so eine Bezeichnung einer Metaebene, dass ein Mensch sich erinnert, auf welche Art und Weise er gegen den Strom geschwommen, 'n Ausdruck dafür findet, wie er sich anderen mitteilt. Diese Art und Weise, wie ich damals in der DDR unterwegs war, die war ja schon närrisch, die ging ja dem Strom entgegen."

Natürlich ist "Der Narr" Vergangenheitsbewältigung; erzählt von Merkwürdigkeiten, Absonderheiten, Liebenswürdigkeiten ...

"Die Solidarität unter Trabbi-Fahrern war legendär, aber keine Legende. Wer sich diesem Fahrzeug auslieferte, wusste, dass er früher oder später auf Hilfe angewiesen sein würde. Dadurch entstand ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl als unter Fahrern hochwertiger Fahrzeuge. Letztlich wird Solidarität durch perfekte Technik überflüssig - sie führt zu Vereinsamung und den daraus folgenden psychischen Defekten. Einer rast am anderen vorbei, ohne Benzinhähne."

Vor allem aber erzählt "Der Narr" von einem, der auszog, gegen den Strom zu schwimmen in einem Land, dem das vom Konzept her nichts ins Konzept passte. Irgendwann schreibt Stephan Krawczyk den Satz, vielleicht hätten er und seine Widerstandsgefährtin Freya Klier den Gegner - das System, die Stasi - auch nicht ernst genug genommen.

"Na, das konnte er auch gar nicht. Dann verliert er diese Eigenschaft sprechen zu können. Dann kommt die Angst auch wahrscheinlich zu stark."

Was also die Realität der realen Figur nicht zugestehen konnte, was also in Pragmatismus des Oppositionsalltags, nicht zuzulassen war ...

"Das konnte ich damals eben nicht so ... so zeigen."

... das konnte Krawczyk aber der Figur Stephan im Roman "Der Narr" zugestehen, geben oder - im besten Sinne - andichten oder auch: an-verdichten. Träume, Alpträume, Einsamkeiten dieses Mannes, der bald von der Stasi verhaftet und in den Westen abgeschoben, rausgeschmissen werden wird:

"Der dünn vereiste See hatte Ruhe genug, die Angst vor dem Schlaf wenigstens zu besänftigen. Zwischen halb drei und halb fünf war ich frei für die Nachtschreie überwinternder Vögel, zum Beispiel der Stockenten, die für den Jäger von großem Interesse sind. Vielleicht träumte auch die Stockente etwas voraus, das sie ereilen würde, falls sie nicht ruhig sitzen blieb. Aber wie denn sitzen bleiben, wenn es überall knallt? Da fliegt man doch automatisch auf."

Jemand hat Stephan Krawczyks Roman "Der Narr" als einen Schelmenroman bezeichnet. Das ist insofern ein Missverständnis, als man glauben könnte, dass Krawczyk einen ähnlichen ironisch-komödiantischen Ton in seiner DDR-Vergewisserung anschlägt wie Thomas Brussig in "Helden wie wir" oder Leander Haussmann in "Sonnenallee" - dem Film - oder zuletzt auf wunderbare Weise Wolfgang Becker in "Goodbye, Lenin". Nein, "Der Narr" ist verhaltener in seinem Ton, langsamer in seinem Tempo. Und trotzdem - wenn die Figur Stephan verhaftet wird, in den Knast kommt, dann kurz danach ausgewiesen wird -, trotzdem ergreift einen als Leser - auch als West-Leser, der dieses Biotop nie am eigenen Leib erfahren hat -, ergreift einen ein Gefühl, dass hier einer Person, die nie weg wollte, in dem Moment, als sie rausgeschmissen wird, etwas genommen wurde. Man kann das Heimat nennen, was da verloren geht. Was diese Figur Stephan im Moment des Ausgewiesenwerdens gefühlt hat, erfahren wir nicht mehr in "Der Narr"; der Roman endet an der Grenze, beim erzwungenen Übertritt. Aber da "Der Narr" eben auch ein Stück Autobiographie ist, scheint es legitim, den Autor danach zu fragen. Wegriss, Verlust - er wird gleich Bodenlosigkeit sagen.

"Also ich hab geheult. Ich habe gemerkt, wie ich bodenlos bin. Eigentlich kann ich erst jetzt, nach 15 Jahren, nachdem ich dieses Buch geschrieben habe, sagen, dass ich diese neue Fläche des Ausblicks eben erst jetzt wieder erreicht habe. Dafür waren fünf Bücher nötig, die schreiben musste, um mich so zu sammeln, um in mir wieder beheimatet zu sein."//
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