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1.5.2003
Der lange Weg der Grünen
Markus Klein / Jürgen W. Falter

Der Titel ist bewusst an Joschka Fischers "Mein langer Lauf zu mir selbst" angelehnt. Ein Foto des prominentesten Grünen-Politikers auf dem Buchdeckel, einem Schattenriss ähnlich, spielt auf dessen herausgehobene Rolle an. Der Wandel, den die Grünen in gut zwei Jahrzehnten durchgemacht haben, spiegelt sich auch im Lebensweg des Außenministers. Von einer systemkritischen Bewegung mit Wurzeln in Friedens-, Umwelt-, Anti-Atomkraft- und Frauengruppen zu einer pragmatischen Reform- und Regierungspartei führte ein hürdenreicher Weg.

Jürgen Falter, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz, und der Kölner Sozialwissenschaftler Markus Klein skizzieren die konfliktreiche Geschichte der Grünen, die sich im eigenen Selbstverständnis von einer Anti-Parteien-Partei zu einer Alternative im Parteiensystem entwickelt haben.

Bürgerinitiativen, grüne, bunte, alternative Listen auf lokaler und regionaler Ebene standen am Anfang, waren die Basis für eine diskussionsfreudige Partei, die sich in kein Schema fügen wollte. Vor 20 Jahren, drei Jahre nach dem Gründungskongress der Grünen als Bundespartei, gelang erstmals der Einzug in den Deutschen Bundestag. Nach Koalitionen mit der SPD in einigen Bundesländern folgte 1998 schließlich die rot-grüne Bundesregierung.

Jürgen Falter zu diesem raschen Rollenwechsel:

Falter: "Die Grünen sind auf dem Weg von einer ursprünglich einmal relativ reformistisch bis fast revolutionär gesonnenen sozialen Bewegung inzwischen zu einer sehr etablierten Regierungspartei geworden, einer Art Funktionspartei, die allerdings noch Kerne enthält von dem, was die Grünen ausgemacht haben, nämlich eine bestimmte Form des Idealismus und der stärkeren programmatischen Debatte als es eine reine Funktionspartei hätte."

Mit überlebensnotwendigen Anpassungen, schreiben die beiden Parteien- und Wahlforscher, hätten sich die Grünen erfolgreich im politischen System etabliert. In der Geschichte der Partei habe es kaum eine Phase gegeben, in der ihr von Wissenschaft und Medien "keine krisenhafte Befindlichkeit attestiert" worden sei. Die Ursachen dieser Krise seien sehr unterschiedlich gewesen. Markus Klein:

Klein: "Man hat zuweilen das Gefühl gehabt, dass es zum grünen Lebensgefühl dazu gehört, innerparteiliche Kämpfe auszufechten. Aber man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass diese Kämpfe, die ausgefochten wurden, doch über die Zeit hinweg sehr unterschiedlicher Natur waren. Also, am Anfang der Grünen waren das sehr tiefschürfende ideologische Konflikte und die haben immer mehr an Bedeutungstiefe verloren, würde ich mal sagen. Es ist ein immer größerer Konsens innerhalb der Grüne Partei hergestellt worden im Laufe der Zeit, aber ihre Streitlust, die werden sie wohl nie verlieren."

Markus Klein und Jürgen Falter können sich in ihrer Analyse auf umfangreiches empirisches Material stützen, das die gesamte Parteigeschichte umfasst. Die Autoren beschäftigen sich ausgiebig mit Wählerpotential und -struktur, mit Parteibindungen, mit den Veränderungen in der Mitglieder- und Wählerschaft. Sie sprechen von einem fundamentalen Wandel, vom "Ergrauen der Grünen", von einem drastisch gesunkenen Anteil jüngerer Wähler. Anders als vor 20 Jahren sei der Großteil der Grünen-Wähler heute beruflich, familiär und gesellschaftlich etabliert und integriert. Die "Kerngemeinde" in den alten Bundesländern seien vierzig- bis 50-jährige Akademiker, deren Überzeugungen maßgeblich von Studenten-, Umwelt- und Friedensbewegung mitgeprägt worden seien. Den nachwachsenden Generationen sei diese links-alternative Lebenswelt fremd. Mit ihrer Schwäche in den neuen Bundesländern seien die Grünen eine Regionalpartei des Westens.

Auf dem Weg, der die Grünen bis in die Bundesregierung führte, trennten sich immer wieder Gruppierungen von der Partei, die - so Jürgen Falter - dafür an Geschlossenheit gewann:

Falter: "Sie haben die Fundamentalisten verloren, sie haben davor die Ökosozialisten und davor die Kommunisten verloren und noch vorher die Lodengrünen. Das heißt, die Grünen haben sich doch in der Zwischenzeit zu einem relativ homogenen Kern zusammengemendelt und ich glaube nicht, dass es große Parteiabspaltungen geben wird."

Die Grünen hätten erkennen müssen, dass für eine Koalitionspartei das Wesen der Politik in der Kunst des Machbaren bestehe So hätten sie sich von vielen Forderungen verabschiedet, die früher den Kernbestand ihrer Identität ausgemacht hätten. Die Autoren führen als Beispiele den Kompromiss über den Atomausstieg, die Zustimmung zu den Bundeswehreinsätzen im Kosovo und in Afghanistan an. Auch die früher beschworene Verkehrswende sei weitgehend ausgeblieben.

Die Zukunftschancen der Grünen betrachten Falter und Klein eher skeptisch, obwohl die Partei im Herbst vorigen Jahres ihr bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl erreichte. Dazu beigetragen hätten die Personalisierung des Wahlkampfes mit Joschka Fischer als Spitzenkandidat sowie Leihstimmen von SPD-Anhängern, die den Koalitionspartner stützen wollten. Vorausgegangen seien zum Teil erhebliche Stimmenverluste in den Landtagswahlen in den vier Jahren zuvor. Die Grünen, so die etwas überraschende, wenn auch vorsichtig formulierte Interpretation der Wahlergebnisse zwischen 1978 und 2002, könnten in der langfristigen Betrachtung bereits ihren Zenit überschritten haben.

Nüchtern, distanziert, zuweilen mit demoskopischen Daten ein wenig überfrachtet, bieten die Autoren einen knappen Abriss der Geschichte und der programmatischen Entwicklung der Grünen. Die gelegentliche Dramatik innerparteilichen Richtungsstreits und turbulenter Kongresse, die öffentliche Wirkung solcher Konflikte tritt dabei zurück hinter der analytischen Aufbereitung des empirischen Materials.
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