BuchTipp
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4.5.2003
Das Berliner Schloss
Guido Hinterkeuser

Unter den großen Hauptstädten Europas ist Berlin der Parvenue. Als Paris oder London schon bedeutende Zentren ihres Landes waren, wurde an der Spree zwischen bescheidenen Häusern Fisch verkauft.

1694 kommt aus Polen der Bildhauer Andreas Schlüter in die verschlafene Residenzstadt. Vier Jahre später wird ihm die Aufgabe übertragen, das kurfürstliche Renaissanceschloss auf der Spreeinsel zu einem Palast umzubauen, der von der neu erlangten Königswürde Friedrichs I. künden soll. Und mit einem Schlag entstehen in Berlin Architektur und Plastik von europäischer Ausstrahlung und höchstem künstlerischen Rang. Dieses Schloss wurde Schlüters architektonisches Hauptwerk.

Wer war dieser Andreas Schlüter? Woher bezog er seine Anregungen? Und wie kam es um 1700 zu diesem architektonischen Quantensprung? Der junge Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser hat diesem Moment in der Baugeschichte Berlins eine umfassende Studie gewidmet. Ursprünglich als Dissertation verfasst, liegt sie nun, gekürzt und für ein breiteres Publikum überarbeitet, als Buch vor, nobel gestaltet, mit reicher Materialsammlung im Anhang.

Ganz Wissenschaftler, verzichtet Hinterkeuser auf eine Stellungnahme zur Schlossdebatte der letzten Jahre und zum Votum des Deutschen Bundestages für die Rekonstruktion der barocken Fassaden. Doch sein Anliegen spricht für sich. Er wollte nachweisen, dass - anders als von Kollegen behauptet - Andreas Schlüter durchaus der alleinige Schöpfer des barocken Stadtschlosses war und dass sein Werk in einem Atemzug genannt werden kann mit den anderen großen Schlossprojekten der Zeit, sei es der Umbau des Louvre in Paris oder das Stadtschloss in Stockholm.

"Schlüter dürfte präzise Kenntnisse von Berninis Louvre-Projekt besessen haben. Vielleicht begriff er sich in dessen Nachfolge, als er die Umformung des Berliner Schlosses in Angriff nahm. Vor allem dürfte er gesehen haben, dass er vor der Verwirklichung einer Aufgabe stand, die nur ganz wenigen Architekten jemals anvertraut wurde und an der Bernini in Frankreich gescheitert war."

Nach zwölf Jahren oft ideologisch geführter Debatte über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist nun der Blick frei für die Qualität des Bauwerks, für die Komposition der Fassaden und Portale. Dazu bietet Hinterkeuser neben seinem akribischen, aber gut lesbaren Text eine Fülle von Zeichnungen und Fotografien noch der kleinsten Details. Sie führen dem Leser das Bauwerk auf höchst sinnliche Weise vor Augen.

Denn es ist ja eine interessante Beobachtung, dass selbst passionierte Anhänger einer Rekonstruktion wesentliche Elemente des Barockbaus nicht genau beschreiben können - etwa die Zahl der Geschosse oder die Struktur der Fassaden.

Dabei rekonstruiert Hinterkeuser nicht nur die stilistischen Einflüsse. Durch seine detaillierte Beschreibung der Planungs- und Baugeschichte fühlt sich der Leser dem Geschehen so nahe, als sei er auf einer Baustelle des neuen Berlin.

"Seit der Grundsteinlegung (Mitte des 15. Jahrhunderts) war der Bau immer wieder verändert, modernisiert und erweitert worden. Dabei wurde die ältere Bausubstanz meist in die Umbauten einbezogen. Radikale Abrissmaßnahmen sind kaum zu beobachten. Selbst Schlüter war bestrebt, die Vorgängerstrukturen soweit wie möglich in seinem Umbau aufgehen zu lassen. Als er nach Berlin kam, präsentierte sich das kurfürstliche Residenzschloss als vielteiliges Konglomerat mehrerer Bautrakte und Anbauten aus verschiedenen Epochen, die sich nur ansatzweise einem Gesamtkonzept unterordneten. Die Energie und den Willen zur weitgehenden Vereinheitlichung brachten erst Friedrich I. und sein Hofbildhauer und Schlossbaudirektor Schlüter auf. ... Schlüters Umbau des Renaissanceschlosses zum Königspalast sollte für 250 Jahre - bis zur völligen Vernichtung des Schlosses - der folgenreichste bleiben."

Man muss daran erinnern, dass Untersuchungen zum Berliner Stadtschloss jahrzehntelang ein entlegenes Forschungsgebiet waren. Der Bau schien in den Tiefen der preußischen Geschichte versunken. Goerd Peschken, der heutige Nestor der Schlossforscher, begann seine Recherchen anhand von Fotos und wenigen Plänen. An die Archive im Ostteil Berlins und in Potsdam kam man nicht heran. Aber auch im Westteil des Landes interessierte sich bis 1989 kaum jemand für dieses Thema. Geld für die Veröffentlichung von Peschkens Standardwerk über das Schloss gab es erst nach dem Fall der Mauer, der zuletzt erschienene dritte Band wurde vom Schlossverein des Hamburger Kaufmanns Wilhelm von Boddien finanziert. Hinterkeuser hat für die Veröffentlichung seines Buches ebenfalls Unterstützung vom Förderverein erhalten. Nur so war es möglich, den aufwendig produzierten Band für einen vergleichsweise günstigen Preis auf den Markt zu bringen. Und auch Hinterkeusers Studie darf den Rang eines Standardwerkes beanspruchen. Er baut erkennbar auf den Arbeiten Peschkens auf, auch wenn er manche von dessen Schlussfolgerungen nicht teilt. Etwa Peschkens These, dass es vor Schlüter bereits Masterpläne für einen einheitlichen Umbau des Schlosses gegeben habe, von denen der Barockbaumeister in seinem Werk einiges übernommen habe. Hinterkeuser kommt zu dem Schluss:

"Peschkens Rekonstruktionsversuche in dieser Hinsicht sind rein spekulativer Natur. Viel wahrscheinlicher ist, dass im ausgehenden 17. Jahrhundert vor Schlüters Eingreifen niemals nach einem einheitlichen Plan gebaut worden ist."//

Bei aller Sachlichkeit in der Darstellung ist Hinterkeusers Buch unverkennbar eine Hommage an Andreas Schlüter, den ersten bedeutenden Baumeister Berlins, der die Stadt als gebrochener Mann verließ - fünfzehn Jahre, nachdem er den gewaltigen Umbau des Schlosses in Angriff genommen hatte.

Er wurde 1707 aus dem Hofdienst entlassen, weil der von ihm entworfene Münzturm des Schlosses zusammengebrochen war. Von dieser Schmach hat sich Schlüter nie mehr erholt. Nach dem Tod Friedrichs I. folgte Schlüter 1713 einem Ruf nach Sankt Petersburg, wo er ein Jahr später starb.

Nicht in seinen kühnsten Träumen hätte sich Schlüter ausmalen können, dass das Berliner Schloss zweieinhalb Jahrhunderte nach seinem schmachvollen Abschied aus der Stadt zerstört und gesprengt werden würde.

Und noch weniger hat er sich vorstellen können, dass ein deutsches Parlament drei Jahrhunderte nach seinem Tod beschließen würde, dass seine Fassaden und der später nach ihm benannte Schlüterhof rekonstruiert werden sollen. Wie auch? Wir selbst haben es uns noch vor zehn Jahren kaum vorstellen können.
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