BuchTipp
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11.5.2003
Frauen im Gulag
Meinhard Stark

Nora Pfeffer. Neun Jahre Gulag, 13 Jahre Verbannung.

"Heute sind wir große Mode. Wir - und die vielen Toten. Und die wenigen lebendigen Exponate, die den Vorzug haben, ausgefragt werden zu können. Und wir erzählen auch zuweilen aus jenem Leben, um nicht unhöflich zu erscheinen, und auch, damit sich nie wiederhole das Golgatha von Millionen. Und es gibt auch welche unter euch, denen die Tränen über die Wangen rollen bei unsrem Erzählen. Aber bitte, macht euch Gedanken darüber, dass wir dabei unsre Wunden spüren, in den Eingeweiden unserer Seele wühlen und grausame Schatten heraufbeschwören, als ob sie wieder lebendig wären."

Nora Pfeffer gehört zu den 37 Frauen, den "wenigen lebenden Exponaten", die Meinhard Stark von ihrem Leben in Stalins Straflagern erzählt haben. Insgesamt hat der deutsche Historiker 91 Zeuginnen-Aussagen zusammengetragen, zu den Interviews kommen noch schriftliche Zeugnisse, veröffentlichte - und bisher unveröffentlichte, wie zum Beispiel das Tagebuch von Sofia Main, die in der Lagerhaft ein Kind gebar. Sie durfte ihren Alik nur zum Stillen sehen.

"Im Kinderhaus ist es kalt. Der Wind weht direkt ins Fenster und die Tür des Stillzimmers. Alik hat sich an mich gedrückt wie ein Mäuschen. Nicht einmal seine Händchen hat er rausgestreckt. Die armen Kinder, sie frieren. Wie oft ist er ganz blau angelaufen. Ja, der Januar war ein schwerer Monat. In der Kälte und bei Hunger war es schwer, das Kind siebenmal zu stillen, bei 200 Gramm Brot und einer einzigen warmen Mahlzeit abends zwischen neun und zehn Uhr."

Und die "warme Mahlzeit" bestand meist nur aus einer wässrigen Brühe, in der ein paar sandige Kartoffelschalen schwammen, häufig genug auch Ungeziefer. Alle waren immer hungrig, stündlich, täglich, und das jahrelang. Antonie Satzger erzählt:

"Hunger ist schrecklich, der kann dich zum Wahnsinn, wirklich zum Wahnsinn treiben. Das ist ein furchtbarer Kampf, Krampf, Schmerz."

In den Gulag konnte jeder und jede kommen. Menschen vom Dorf, die sich der Kollektivierung in der Landwirtschaft verweigerten, Gläubige, vermeintliche Oppositionelle, darunter politische Exilanten aus aller Welt, zum Beispiel Antifaschisten aus Deutschland und Österreich, von denen mehrere hundert nach einigen Jahren Gulag-Haft an Nazideutschland ausgeliefert wurden, wo sie sofort ins KZ kamen, wie Margarete Buber-Neumann. Interniert wurden auch Verbrecher, Prostituierte und angebliche Kriminelle, deren Vergehen im Ährenlesen nach der Ernte bestand, Deutsche aus Ostpreußen, Sowjetbürger, die in Deutschland in Kriegsgefangenschaft oder im KZ gewesen waren und dafür nach dem Krieg mit erneuter Haft büßen mussten. Hinzu kamen die Ehefrauen sogenannter Volksfeinde, die einfach in Sippenhaft genommen wurden, darunter auch Schwangere. Meinhard Stark:

"Nach seriösen Schätzungen hat die Regierung der UdSSR bis Stalins Tod ca. 15 Millionen Menschen im Gulag interniert, von denen annähernd 20 Prozent, d.h. jeder fünfte, umgekommen sind. Weitere fünf Millionen Personen sind in Verbannungsgebiete deportiert worden. Unter den Opfern befanden sich mindestens drei bis vier Millionen Frauen und Mädchen."

Die Haftbedingungen waren für Männer und Frauen gleich, und damit für die Frauen wesentlich härter. Sie hatten bei der unmenschlichen Zwangsarbeit dieselben Normen zu erfüllen wie die Männer, ob beim Straßenbau, Holzfällen oder Erzabbau unter Tage - und nur bei Normerfüllung gab es die volle, ohnehin viel zu geringe Essensration. Außerdem waren die Mädchen und Frauen sexuellen Übergriffen und Massenvergewaltigungen schutzlos ausgeliefert; unter den katastrophalen hygienischen Bedingungen litten sie besonders und vor allem unter der Trennung von ihren Kindern, über deren Schicksal sie häufig nichts erfuhren. Trotzdem berichten die weiblichen Überlebenden von einer größeren Sterblichkeit unter Männern. Der Autor Meinhard Stark:

"Es gab einen Grad von Erschöpfung, wo männliche Häftlinge nur noch essen und schlafen wollten. Frauen versuchten auch in diesen verzweifelten Situationen einen Ausweg zu finden und sich einen Rest von Würde zu bewahren. Weibliche Häftlinge gingen etwa bei der Organisation und Zubereitung zusätzlicher Speisen wagemutiger und geschickter vor. Mit der Hungerration gingen viele Frauen disziplinierter um als die Masse der männlichen Häftlinge, die das Brot oft hastig und auf einmal hinunterschlangen. Und nicht zuletzt kümmerten sich weibliche Gefangene auch um ihre persönliche Hygiene intensiver und gewissenhafter als Männer."

Was kann ein Mensch ertragen? Die Zeugnisse der Gefangenen machen einen immer wieder fassungslos. Wie, um Himmels Willen, haben sie das nur ausgehalten? Die Häftlinge wurden physisch und psychisch vernichtet, durch Hunger, Sklavenarbeit, Ungeziefer, Seuchen und unerträgliches Klima, durch Terror, Demütigung, Denunziation und eine absolute Willkür, die alle Sicherheiten zerschlug. Ihre Persönlichkeit, das Individuum schlechthin sollte zerstört werden. Und warum das alles? Die Sozialistin Susanne Leonhard, die zehn Jahre Gulag überlebte, schrieb bereits Ende der 40er Jahre:

"Erstens Ausschaltung jedes politischen und weltanschaulichen Gegners, das heißt jedes Menschen, der in Gedanken an einer Regierungsmaßnahme Kritik übte und von dem zu befürchten gewesen wäre, dass er eventuell unter gewissen Umständen sich mit anderen Gleichgesinnten zu einer oppositionellen Gruppe zusammenschließen könnte. Zweitens sollten diese rigorosen Maßnahmen als Mittel zur Abschreckung dienen und die Bevölkerung zum bedingungslosen Kadavergehorsam erziehen. Drittens aber brauchte man Arbeitssklaven und holte sie sich, wo und wie man konnte."

Meinhard Stark beruft sich in seinem Buch nicht nur auf Zeugenaussagen, er hat auch zahlreiche Akten ausgewertet, darunter die gesamten Häftlings- und Verwaltungsakten eines regionalen Lagerarchivs in Kasachstan, aus denen er ausgiebig zitiert. Minutiös zeichnet er den Weg von der nächtlichen Verhaftung über die Untersuchungshaft, den Transport ins Verteilungslager bis zum Straflager nach. Nichthistorikern mögen manche Details über die Lagerverwaltung als überflüssig erscheinen. Über die internierten Frauen schreibt Stark durchgängig mit Respekt, Zuneigung und um Verständnis bemüht, nur selten wagt er ein Urteil.

Der Autor leuchtet den Kosmos des Gulag bis in den letzten Winkel aus, die Welt drum herum bleibt weitgehend im Dunkel. Und so hat dieses Buch trotz seiner Materialfülle den Effekt, dass man mehr wissen möchte: Wie ist es den Frauen nach der Haft ergangen? Haben Sie ihre Familien wiedergefunden? Wie konnten sie nach diesen Erfahrungen weiterleben? Dieses Interesse zu wecken ist nicht zuletzt das große Verdienst des Buches.
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