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18.5.2003
Stürmen für Deutschland
Die Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1945
Dirk Bitzer/Bernd Wilting

Der FC Bayern München gilt als das Aushängeschild des Deutschen Fußballs. Keine Mannschaft wurde so oft Meister, kein Team gewann so viele internationale Trophäen. Kein Verein arbeitet derart profitabel. Und wie kaum ein anderer Club, so die Autoren, hat der FC Bayern auch im dritten Reich eine weiße Weste behalten.

Nürnberg, 12.Juni 1932: Im letzten Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor der Machtübernahme Hitlers stehen sich in der künftigen Stadt der Reichsparteitage zwei sogenannte "Judenclubs" gegenüber. Der FC Bayern München und die Eintracht aus Frankfurt. In der Frankfurter Elf kickt Rudi Gramlich. Sein Sohn erinnert sich im Buch:

"Mein Vater erzählte mir, dass sie in großen Autos durch Fürth gefahren sind und da wurde die Mannschaft schon mit Steinen beworfen und beschimpft: Ihr Judenbuben aus Frankfurt."

Sponsor der Eintracht war seinerzeit der größte Hausschuhproduzent Europas, die Firmenleitung war jüdischen Glaubens. Bis 1933 lebten in der Stadt am Main über 25 000 Juden.

Der FC Bayern gewinnt in Nürnberg mit 2 zu 0 und wird zum ersten Mal deutscher Meister Er hat zwar keine jüdischen Spieler in seiner Meistermannschaft, aber viele jüdische Funktionäre im Verein. An der Spitze den Präsidenten Kurt Landauer. Auch der Jugendleiter Otto Behr ist jüdischer Herkunft. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, tritt Landauer zurück, 1938 muss er kurzzeitig in das Konzentrationslager Dachau, dann kann er in die Schweiz emigrieren, auch Behr verlässt Deutschland.

Hans Schiefele, in den dreißiger Jahren Jugendspieler beim FC Bayern, heute Ehrenpräsident:

"In der Nazi-Zeit, da hat der FC Bayern sehr leiden müssen. Wir mussten auf viele Spieler verzichten, die in Rüstungsbetrieben beschäftigt oder als Wehrmachtssoldaten eingezogen waren. Der TSV 1860 hatte zur gleichen Zeit politisch wohlgelittene Leute und hat viele gute Spieler zusammengezogen."

Dem ehemaligen Bayern-Präsidenten Landauer, er wird 1947, nach dem Krieg, erneut erster Mann des Vereins, widmen Dirk Bitzer und Bernd Wilting ein eigenes Kapitel, wie auch dem FC Schalke 04.

Dominant wie die Münchener in der Gegenwart, war ab 1933 der Arbeiterclub aus dem Ruhrgebiet. Bereits mit der Meisterschaft 1934, so lesen wir, beginnt die Inszenierung Schalkes durch die Nationalsozialisten. In die blau-weißen Vereinsfarben mischen sich braune Töne. Bei der Meisterschaftsfeier spielen Musikzüge der Hitlerjugend. Es gibt einen Fackelzug und zum Finale der Feierlichkeiten das Horst Wessel-Lied und ein gemeinsames Sieg-Heil.

Der Fußball als schönste Nebenbeschäftigung der Welt? Für die Nationalsozialisten war er, wie der Sport insgesamt, Mittel zum Zweck. Um Macht und Überlegenheit zu demonstrieren, um Geist und Körper im Sinne ihrer Ideologie zu ertüchtigen, um das Volk bei Laune zu halten, während auf den Schlachtfeldern des 2.Weltkriegs gestorben wurde.

Fußball unterm Hakenkreuz, das war auch Fußball im Krieg. Es sind dies die Abschnitte in der Dokumentation, die besondere Beklemmung auslösen. Von Spielen deutscher Soldatenmannschaften in den besetzten Gebieten ist die Rede, vom Fußball im KZ. Häftlinge bezahlen einen Sieg über die Wachmannschaften nicht selten mit dem Leben. Die letzte deutsche Meisterschaft wird 1943/44 ausgespielt. Der Dresdner SC, die Mannschaft der Kriegsjahre, gewinnt sie im Berliner Olympiastadion. 76000 Zuschauer sind dabei. Und dabei ist auch die Angst vor möglichen Bombenangriffen der Alliierten. Helmut Schön, einer der Sieger damals und 1974 Trainer der WM-Elf:

"Inzwischen war das längst ein irrwitziger Wettbewerb. Während das Land in Trümmer fiel, Millionen hungerten und starben, sollte noch ein Deutscher Meister ermittelt werden. Wir gewannen 4:0. Aber was bedeutete das schon?"

Stürmen für Deutschland. Die Fernsehjournalisten und Hobby-Fußballer Bitzer und Wilting, , haben beeindruckendes historisches Material und neue Aussagen von Zeitzeugen zusammengetragen und geordnet.

Sie skizzieren ein Bild von Anpassung und vorauseilendem Gehorsam. Wenn sie etwa wiedergeben wie der Deutsche Fußballbund sich mit den Verhältnissen arrangiert, wie sich die Nationalelf in den Dienst der Sache gestellt hat. Nicht immer mit den gewünschten Resultaten. Das Schöne am Fußball ist seine Unberechenbarkeit.

Auch diese Tatsache, ganz konkret eine Niederlage der deutschen Auswahl bei den Olympischen Spielen 1936, vor den Augen Hitlers, verhilft Sepp Herberger auf den Stuhl des Reichstrainers. Nach dem Krieg auch erster Bundestrainer des wieder gegründeten DFB.

Ein knappes Drittel des Buches schließlich gehört dem Neuanfang in Ost und West bis 1954. In der DDR wird dem Sport im Allgemeinen erneut eine politische Rolle aufgebürdet. Dem Fußball im Besonderen stehen die SED-Verantwortlichen misstrauisch gegenüber. Erfolge sind nicht planbar.

Im Westen Deutschlands kommt altes Fußball-Personal, Funktionäre, die schon in der Nazi-Zeit Verantwortung trugen, schnell wieder an den Ball. Der Name Herberger fiel schon, Passagen zu weiteren fragwürdigen Biographien finden sich in der Dokumentation. Das Wunder von Bern lässt diese und andere Lebensläufe zunächst in Vergessenheit geraten.

O-Ton: "Hier sind alle Sender in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin, angeschlossen ist Radio Saarbrücken. Wir übertragen aus Bern das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn."

"Stürmen für Deutschland" ist nicht die erste Publikation zur Geschichte des deutschen Fußballs. Und sie wird nicht die letzte bleiben. 2004 jährt sich der Sieg der bundesdeutschen Mannschaft in Bern zum 50. Mal. Mit dem vorliegenden Buch mögen Sporthistoriker und Formulierungskünstler nicht restlos zufrieden sein. Als populärer Einstieg in eine zwiespältige Materie sind die 231 Seiten zu empfehlen. Nicht nur für Stadionbesucher.
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