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25.5.2003
Widerwort
Eine Verteidigung der kritischen Vernunft
Christopher Hitchens

Ein ebenso belesener, wie nachdenklicher investigativer Journalist britischer Abstammung nutzt die ehrwürdige literarische Form der Briefe an einen fiktiven Adressaten, um über ein heikles Thema zu räsonieren: was heißt es heute, mit Kopf und Herz Widerstand zu leisten? Hitchens wählt die Rolle des akademischen Lehrers, der an einen Schüler schreibt, ihm auf Fragen nach einer kritischen Praxis der Feder und des öffentlichen Engagements antwortet. Hoch hängen hier die Vorbilder: Swift und Zola nennt Hitchens zu Beginn. Es folgen Rilke, Aldous Huxley und andere. Am Ende verweist er auf die eigentümliche Paradoxie dieses Unterfangens:

"Wenn Sie in mir eine Autorität zum Radikalismus sehen, ist das möglicherweise eine Illusion; wenn ich Ihre Aufforderung ganz unironisch annehme, mache ich mich vielleicht lächerlich."

Damit ist ein schmaler Grat bezeichnet, auf der einen Seite droht das falsche Pathos, auf der anderen der Zynismus. Hitchens will dazwischen schreiben, keinen Ratgeber, keine Abrechnung, sondern Aufklärung als Anregung zum Widerstand im besten alteuropäischen Sinne. Liest man das Ganze am Stück und wohlwollend, so gelingt ihm das auch. Der Gefahr elitär wirkend wollendem bildungsbürgerlichem Namedropping entgeht freilich auch er nicht ganz. Ärgerlich wird das vor allem dann, wenn er Namen und Personen erwähnt, die zwar dem regelmäßigen Leser englischsprachiger Zeitungen, nicht aber einem deutschen Publikum etwas sagen. Hitchens geht es halb biographisch, halb historisch an. Kühne Verbindungen von Homer zu Huxley, vom politischen Eros der griechischen Polis zur Hegel'schen Dialektik, alles im Namen des widerspenstigen Geistes, da lauert die Gefahr, dass manches nur elegant wirkt. Zudem: Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich und auch bildlogisches Denken erfordert eine gewisse Disziplin. Doch man sollte den Anspruch Hitchens nicht nieder mäkeln, auch man ihn manchmal an den eigenen Ratschlag erinnern möchte, den er seinem jugendlichen Leser gibt: Achten Sie stets auf die Sprache. Andererseits - im englischen Original kommt möglicherweise manches, was hier etwas hölzern wirkt, flüssiger daher.

In der Tat ist es eine ziemlich große Herausforderung im Angesicht des real existierenden schillernden Wahnsinns dieser unserer Gegenwart den Versuch zu unternehmen, eine wenn auch bewegliche Plattform des kritischen Geistes zu basteln. Einfache Ziele der Kritik sind schnell ausgemacht: etwa der neue postmoderne Spiritismus, sei es in der Version des Dalai Lama oder des Bagwhan aus Poona. Hier lässt sich zeigen, wie der Geist des Widerspruchs ausgeschaltet werden soll. Dem gegenüber gilt es, die Kultur des Diskurses, des Widerspruchs zu pflegen, Popper wird als Kronzeuge angerufen. Da geht es dann schon manchmal schräg durcheinander, wenn es um die Frage nach der Natur des Menschen geht und die Frage: ist er an sich schlecht und unveränderbar oder kann man ihn zum Guten nötigen:

"Nicht unbedingt: Wir sind Säugetiere, und die Stirnlappen unseres Hirns sind (zumindest jetzt noch, solange wir auf die entsprechende Gentechnologie warten) einfach zu klein, während andererseits die Adrenalinproduktion zu groß ist. Trotzdem - die Zivilisation kann im Prinzip das Bedürfnis verstärken, sich zivilisierter zu verhalten; gelegentlich hat sie es sogar tatsächlich getan."

Solche halb ironischen, halb ernsthaften Kombinationen sind typisch für Hitchens. Auf der einen Seite der grimmige Realismus, der hier in der Verkleidung neurobiologischer Tatsachen auftaucht, auf der anderen Seite das contrafaktische Insistieren auf der Möglichkeit des Guten. Einerseits sehr pragmatisch und erdverbunden, andererseits den Kopf in den Wolken. Immer aber ist kritisches Denken und Schreiben, wendet man es auf den Einzelnen, ein aussichtsloser Kampf, dem meist nur posthumer Lorbeer winkt. Mit Kritik wird man nicht reich und wer Geld hat, ist kein guter Kritiker - dem deutschen Leser fallen hierzu eine Reihe von Fällen ein. Kritik setzt Marginalität, setzt Leiden an der Welt voraus und die Fähigkeit dies ohne Larmoyanz und großtheoretische Selbstüberhöhung auszuhalten. Keep your powder dry - so vermutlich die Formulierung der letzten Zeilen im Original, das ist der Ratschlag, der in der deutschen Übersetzung als Aufforderung das Pulver für die kommenden Schlachten trocken zu halten eher komisch klingt. Solch trockener Sarkasmus erzeugt bei der angelsächsischen Leserschaft möglicherweise das Bild des kritischen Intellektuellen zwischen Humphrey Bogart und Garry Cooper - Figuren, die einem deutschem Publikum vielleicht eher schräg erscheinen mögen, im Kontext der englischsprachigen Kultur aber in einem anderen Licht schillern. Wo hierzulande eher Schiller'sche Volkspädagogik oder Heidegger'sches Gründeln dräut, entsteht hier das Bild des belesenen Lonesome Rider.

Man kann dieses Buch auch in kulturvergleichender Perspektive spannend finden. Hitchins wandert zwischen kontinentaleuropäischen, britischen und amerikanischen Bezügen. Hier schreibt der rasende und räsonierende Reporter, ursprünglich Engländer, aktueller Lebensmittelpunkt Amerika und belesen in allen westlichen Kulturen. Kein ziselierender Homme de lettre, kein teutonischer Tiefgründler, sondern ein angelsächsischer Pragmatiker.

Auch zeigen manche historischen Bezüge Hitchins' eine bemerkenswerte Tagesaktualität. So zitiert er etwa George Orwell, der im Zweiten Weltkrieg als Netzbeschmutzer galt und dessen Ausführungen an die gegenwärtige semantische Kriegführung erinnern:

"Immer, wenn A und B sich im Gegensatz zueinander befinden, bezichtigt man jeden, der A angreift oder kritisiert, er würde B helfen und unterstützen. Und es stimmt ja häufig auch - objektiv gesehen und auf kurze Sicht kann es sein, dass er B die Sache leichter macht. Deshalb, sagen die Parteigänger von A. Mund halten und keine Kritik üben!"

Die einzelnen Kapitel oder Briefe fokussieren zentrale Themen: Religion, das Verhältnis von Masse und Elite, von Wahrheit und Mehrheit und andere Fragen, mit denen sich der kritisch unabhängige Geist in seiner Existenz als marginale Figur auseinandersetzen sollte. Alles in allem nicht nur ein Coffeetable-Buch für die gebildeten Stände, sondern auch ein engagierter und anregender Text, der sicherlich all den Lesern Mut machen kann, denen dieser angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse verständlicherweise abhanden zu kommen droht.
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