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1.6.2003
Die Globalisierung und ihre Gegner
Claus Leggewie

Claus Leggewie ist selbst engagiert. Und der Leser wird es merken. Er lehnt nicht rundweg ab, sondern ist interessiert zu gestalten. Und darum arbeitet er im wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland mit.

"Und diese sieht sich nicht als Gegner von Globalisierung, sondern möchte eher eine alternative Variante entwickeln."

Obschon sie eine Protestbewegung ist, so versucht der Politologe nachzuweisen, wurde für sie der Krawall auf der Strasse nicht Methode. Diesem Klischee der Fernsehbilder widersprächen ihre Prinzipien.

"... ein strikt gewaltfreies Vorgehen, die argumentative Auseinandersetzung und ein fantasievolles Aktionsrepertoire, das auf Überraschungscoups, aber nicht auf Fausthiebe und Schlimmeres setzt."

Klare Standpunkte wie diese erwarten auch Studenten von einem Professor. Seine doppelte Rolle als wissenschaftlicher Beobachter von außen und Berater von innen empfindet Claus Leggewie selbst als problematisch.

"Darf man analysieren, worin man selbst mit Herz und Verstand involviert ist, und kann man andererseits eine Bewegung analysieren, ohne sie auszuforschen."

Recht anschaulich beschreibt er, wie der freie Handel und die moderne Technik die Welt verändert hat. Ergründet das Schlagwort Globalisierung und verwirft es als unbrauchbar.

"Präziser erscheinen mir die Begriffe Entgrenzung, Globalisierung, Hybridität."

Oje. Nicht der engagierte Politologe und Weltbürger machen dem Leser das Rollenspiel von Claus Leggewie schwer, sondern der dozierende Hochschullehrer. Seine Begriffe, sicher wissenschaftlich wohl definiert, durchziehen den Text wie schwierige Hindernisse. Und wer will schon ein kleines Buch mit Hilfe großer Lexika lesen.

"Das Plastikwort Globalisierung werden wir damit sicher nicht los."

... so räumt auch der Autor ein. Die nationalen Grenzen sind durchlässiger geworden - für Waren, Dienstleistungen und Kapital wie früher schon für Film und Musik.

"Sie ähneln, bildlich gesprochen, Magnetfeldern oder Wolken, für die unscharfe und flüchtige Grenzen charakteristisch sind."

Die Menschen sind besser informiert, können reisen und telefonieren. Und sie nutzen die Vorteile des Wettbewerbs an den Märkten für ihre Einkäufe und Reisen. Vieles wurde preiswerter.

"Darin haben die Befürworter Recht: Konsumentensouveränität als Variante von Wahlfreiheit ist eine Voraussetzung politischer Freiheit und Demokratie."

Nationale Grenzen schützen weniger. Arbeitsplätze gehen verloren. Wanderarbeiter können hin- und herreisen und leben in mehreren Gesellschaften zugleich. Umweltschäden lassen sich nicht allein regional abwenden.

"Globalisierung lernen wir so von ihrer anderen Seite kennen, sie ist nicht beschränkt auf Unternehmensfusionen, Internet-Kommunikation und Finanztransaktionen. Auch religiöse Gemeinschaften wandern um den Globus."

Claus Leggewie sieht religiöse, nationalistische, emotionale Reflexe auf diese neue Welt mit Sorge. Die richtige Antwort geben für ihn schon seit langem die privaten Nichtregierungs-Organisationen. Mit Internet, Handy und Medienarbeit mobilisieren sie das Weltgewissen und machen ihre eigene weltweite Politik.

"Der Globalisierung von oben wirkt ein transnationales Netzwerk von unten entgegen, das alternative Programme sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und demokratischer Partizipation propagiert und implementieren hilft."

Gestützt auf die Initiative französischer und brasilianischer Aktivisten entstand in den letzten fünf Jahren eine neue soziale Bewegung, die sich selbst immer wieder durch ihre große Resonanz überrascht. Vor allem schuf sie sich mit dem jährlichen Weltsozialforum in Porto Alegre einen Mammutkongress.

"Auch hier schlägt das Selbstverständnis von Attac durch, nämlich Volksbildungsanstalt, Pressure Group und Protestbewegung in einem zu sein."

Die Kritiker der Globalisierung verlangen Mitsprache und öffentliche Kontrolle der Politik in den exklusiven Clubs von Regierungen, Konzernen und internationalen Behörden wie Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds und Weltbank. Sie formulieren gemeinsame Projekte wie eine Devisensteuer gegen Spekulation ...

"... die Beseitigung der Offshore-Steueroasen, die Stabilisierung der Leitwährung Dollar, Yen und Euro in einem Währungskorridor, Kapitalverkehrskontrollen und die Aufrüstung der Banken- und Börsenaufsicht."

Die NGOs sind mittlerweile als Berater akzeptiert und eingebunden. Sie beeinflussen internationale Politik und wirken demokratisch, aber nur stellvertretend. Denn die Bürger haben nur lokal und national, nicht aber weltweit eine Stimme.

"So treffend Nichtregierungsorganisationen auf das Demokratiedefizit internationaler Regime hingewiesen haben, so sehr springt ihr eigenes Legitimationsdefizit ins Auge."

Claus Leggewie glaubt nicht an supranationale Parlamente, hat für eine weltweite Demokratie keinen überzeugenden Vorschlag entdeckt. Als Notlösung empfiehlt er den global agierenden Bürgerinitiativen, besser mit nationalen Parlamenten zusammenzuarbeiten, auf Foren oder per Internet mit der Basis, mit betroffenen Menschen über ihre Anliegen zu diskutieren. Er empfiehlt, die Techniken der Globalisierung kreativ zu nutzen.

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