BuchTipp
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Sonn- und Feiertag • 12:50
8.6.2003
Der 17. Juni 1953
Hubertus Knabe

Als es die DDR noch gab, war der 17. Juni ein merkwürdig zwiespältiger Feiertag in Deutschland-West: eher unbeliebt bei Politikern und Würdenträgern, die pflichtschuldig mit Reden im Deutschen Bundestag und öffentlichen Kranzniederlegungen die Einheit der Deutschen in Freiheit beschworen und der Opfer gedachten, die der Arbeiter- und Bauernaufstand gegen das SED-Regime gefordert hatte. Höchst beliebt hingegen beim breiten Publikum, das diesen meist sonnenbeschienenen Tag zum Familienausflug ins Grüne nutzten, oft genug ahnungslos, wem sie diesen arbeitsfreien Tag eigentlich zu verdanken hatten. Prompt wurde dieser Feiertag im Jahr nach der Wiedervereinigung aus dem Kalender gestrichen, wobei sich manche Ostdeutsche verwundert die Augen rieben: Wir haben damals - 1953 - den Aufstand gemacht, ließen sie die Westdeutschen mit einer Prise bitterer Ironie wissen, Ihr habt den Feiertag aus diesem Anlass genossen. Jetzt aber, da wir diesen Tag gemeinsam feiern könnten, habt Ihr ihn uns wieder weggenommen.

Vor diesem Hintergrund kommt ein runder Jahrestag wie der 50. gerade recht, um ein solches für die deutsche Geschichte so wichtige Ereignis aus dem Dunkel des Vergessens zu holen. In mehr als 700 Städten und Gemeinden in der DDR war weit mehr als eine Million Menschen auf den Straßen, um für Freiheit, Demokratie und Wiedervereinigung zu demonstrieren. Was als Arbeiterprotest gegen Normerhöhungen begann, entwickelte sich binnen Stunden zu einer Massenbewegung mit klar umrissenen politischen Zielen. So das Resumee von Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, des ehemaligen NKWD und Stasi-Untersuchungsgefängnisses. Auf fast 500 Seiten liefert Knabe einen umfassenden Überblick über Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des 17. Juni, so der Titel des Buches, dieses, wie er im Untertitel formuliert, deutschen Aufstandes. Seine Ursachen werden so differenziert wie treffend herausgearbeitet, die Geschehnisse in Ostberlin wie in den übrigen Zentren der Rebellion detailliert und packend geschildert, die politischen Konsequenzen überzeugend in den deutschland- und weltgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet. Viele der bislang namenlosen, fast vergessenen Männer und Frauen, die mit ihrer Zivilcourage Geschichte schrieben, erhalten in Knabes Darstellung Namen, Gesicht und Charakter. Und so wird auch, wer die durchaus beachtliche 17. Juni-Literatur aus der Vor-Wende-Zeit kennt, Neues in diesem Buch erfahren, das sich im wesentlichen aus den nun zugänglichen Quellen der DDR-Archive erschließt:

Knabe: "Der Aufstand fand nicht nur am 17. Juni statt. Er begann eher und endete später, zog sich über Wochen hin mit Streiks und kleineren Demonstrationen. Das zweite ist: es war nicht nur ein Arbeiterprotest, sondern auch andere Schichten haben sich daran beteiligt, die Proteste auf dem Lande, insbesondere die Bauernversammlungen, die Demonstrationen bis hin zu mittelalterlichen Szenen, wo der Bürgermeister in den Mistgraben gejagt wird. Das dritte ist, dass die Vorgänge im Politbüro sich teilweise anders darstellen als früher angenommen. Es gab eine starke Opposition, aber weder vorher noch nach dem Aufstand gibt es Dokumente, die belegen, dass Ulbrichts Ablösung vorgesehen war."

Beschämend die Rolle der Intellektuellen, die in öffentlichen Verbundenheitsadressen an die SED-Führung deren Parolen von den Westberliner Hetz-, Terror- und Agentenzentralen übernahmen und die Aufständischen, so Stefan Heym damals im "Neuen", als Achtgroschenjungen, Banditen oder faschistische Knüppelhelden bezeichneten.

Nachdenklich stimmt auch die Distanz, die die Kirchen, ganz anders als im Herbst 89, rund um den 17. Juni an den Tag legten. Kaum ein Pfarrer, der zu den Demonstranten gesprochen hätte, keine öffentlichen Sympathien der Bischöfe, kein Schutz für verfolgte Streikführer - die Kirche ließ die Streikenden im Juni 1953 allein, stellt Knabe fest, und stellt sie in eine Reihe mit der politischen Klasse im Westen, die sich in heute irritierender Weise zurückhielt:

Knabe: "Man muss doch zu dem Schluss kommen, dass der Aufstand eher ungelegen kam und als Störfaktor der Westeinbindung der Bundesrepublik empfunden wurde. Die EVG-Verträge waren schon unterschrieben, aber noch nicht ratifiziert in Paris, und dann stehen auf einmal die Ostdeutschen auf und fordern freie Wahlen und damit auch die Wiedervereinigung. Das passte überhaupt nicht in die westliche Politik, insbesondere auch die der Bundesregierung damals unter Konrad Adenauer. Dann die Überzeugung Churchills, dass die sowjetischen Besatzungstruppen sich doch sehr zurückgehalten hätten."

Angesichts dieser Zurückhaltung des Westens hatten die sowjetischen Panzer leichtes Spiel und die Streikenden keine Chance. Ihr Widerstand war schnell im Keime erstickt. Die Folgen aber waren von langer Dauer: die Furcht der SED vor dem eigenen Volk, und die Resignation des Volkes angesichts der Macht der Gewehre. Diese Traumata dauerten ein Vierteljahrhundert lang, bis das Volk erneut auf die Straße ging, die Panzer der sowjetischen Armee aber in den Kasernen blieben. Für Knabe findet der 17. Juni 1953 deshalb im Herbst 89 seine Erfüllung.

Knabe: "Wenn man die Hauptforderung der Streikenden und Demonstranten als Kriterium nimmt, als freie und geheime Wahlen, dann ist das min der Tat 1989 vollendet worden. Auf der anderen Seite gibt es natürlich gravierende Unterschiede, insbesondere was die Rolle der Arbeiterschaft anbetrifft, die 1989 in organisierter Form nicht in Erscheinung getreten ist. Oder was die Rolle der Kirche anbetrifft, die hier eine gewisse Schutzraumfunktion übernommen hat. Der entscheidende und wichtigste Unterschied ist allerdings der, dass diesmal die russischen Truppen in den Kasernen blieben. Wenn das 1953 schon der Fall gewesen wäre, dann wäre mit Sicherheit die SED damals schon am Ende gewesen."

So bleibt uns Heutigen die Erinnerung an einen Tag, auf den die Ostdeutschen mit Stolz zurückblicken können. Den Westdeutschen hingegen bleibt auch ein Gefühl der Scham angesichts der Rolle, die ihre Regierungen damals spielten. Zu groß war die Kluft zwischen Worten und Taten, als es um konkrete Hilfe für die Brüder und Schwestern von drüben ging.

Legenden, so erweist sich auch in diesem Fall glücklicherweise, haben keinen Ewigkeitswert. Daran zu erinnern ist nicht zuletzt ein Verdienst dieses Buches.
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