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9.6.2003
Journal intime
Rückkehr nach Berlin 1982/83
Nicolaus Sombart

As time goes by. Auch die achtziger Jahre sind inzwischen Geschichte. Die große Wende am Ende jenes Jahrzehnts lässt in der Rückschau so machen Mythos verblassen. Doch wenn man genau hinzugucken verstand, wirkte schon damals vieles angestaubt und fragwürdig. Man musste nur den fremden Blick haben, musste unbestechlich sein und gleichzeitig bereit, sich auf seine Umgebung einzulassen. Die achtziger Jahre im alten West-Berlin: Da denkt, wer dabei war, an die große Entrümpelung durch die "neue deutsche Welle", denkt an Punks und Hausbesetzer, an die neuen wilden Maler in der "Zeitgeist"-Schau im Gropius-Bau und an die zu Nobilität gelangte "neue" Schaubühne am Lehniner Platz.

Nicolaus Sombart, gebürtiger Berliner des Jahres 1923, aufgewachsen im großbürgerlichen Grunewald und nach dem Krieg 30 Jahre lang Beamter des Europa-Rats in Straßburg, er kommt nach fast 40 Jahren Abwesenheit 1982 in die Mauerstadt zurück. Mittlerweile als Kultursoziologe und Historiker ausgewiesen, erlebt er seine Vaterstadt in der privilegierten Position eines Fellows am neu gegründeten Wissenschaftskolleg, damals die vornehmste Adresse des akademischen Berlin.

Mit allen Sinnen nimmt er die Stadt in sich auf. Schnell lernt er kennen, wen in Berlin zu kennen sich lohnt. Wo etwas los ist, kulturell und gesellschaftlich, trifft man ihn an. Als klassischer Flaneur, neugierig, erotisch disponibel, kontaktfreudig, gibt er sich der Stadt hin. Sie beschert dem Sechzigjährigen das "schönste Jahr seines Lebens", wie er mehrmals emphatisch ausruft. Aber bei aller Begeisterung entgeht ihm doch nicht, dass er sich in einem Biotop befindet, dessen großer Vorzug, die allgemeine Freizügigkeit, ein ganz spezielles gesellschaftliches Klima hervorruft:

"Endlich in den Film 'Die flambierte Frau' ... Einerseits Inszenierung eines Phantasma, die ewige Faszination der Prostitution, der respektablen Nutte. Hier aber zweitens als Aspekt der Berliner Lebenswelt, als Berliner Folklore: dies völlig nahtlose Ineinander-Übergehen von Welt, Halbwelt und Unterwelt. Man könnte sagen, da es in Berlin eine Gesellschaft nicht gibt, sei alles, was sich gesellschaftlich gibt, demi monde, Halbwelt. Das gilt vor allem für die Frauen, wo es die alten bürgerlichen Grenzen und Distinktionen nicht mehr gibt. So genießen hier, wie mir scheint, die Frauen eine größere Freiheit und Autonomie als anderswo. Das scheint mir das Thema des Films. Dazu gehört als Komplement eine auf die Spitze getriebene Verachtung und Verächtlichmachung der Männer ... Berlin als Puff".

Doch nicht nur die Verächtlichmachung der Männer fällt dem Berliner Newcomer auf. Überhaupt registriert er im Kulturleben der Stadt, auf das diese sehr stolz ist und das sie sich sehr viel Geld kosten lässt, eine merkwürdige Nichtachtung des Publikums. Einen ähnlichen Kultstatus wie Robert van Ackerens Film "Die flambierte Frau" genießen zu Beginn der achtziger Jahre die Inszenierungen des Regisseurs Hans Neuenfels, der hauptsächlich an der Deutschen Oper sowie an zwei inzwischen geschlossenen Häusern, dem Schillertheater und der Freien Volksbühne, arbeitet.

"Am Abend im Schillertheater. 'Der Balkon' von Genet in der Inszenierung von Hans Neuenfels. Das Stück ist ja schon recht kompliziert - die Inszenierung tut alles, um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben... Es wird 'verfremdet' und, 'zitiert' - nur nichts direkt und als das erkennbar, was gemeint ist. Dazu: ständiges Brüllen von Nebensätzen und ständiges Auf-der-Bühne-Herumrennen, An- und Ausziehen. Das hat etwas Manisches. Das eigentliche Kennzeichen dieses Stils (des sogenannten Regietheaters), das wurde mir gestern wieder ganz klar, ist die Missachtung des Publikums, teilweise auch der Missbrauch der Schauspieler.(Von dem Autor ganz zu schweigen)... Heute steht auf der Seite des Publikums Ignoranz, auf der Seite des Regisseurs Präpotenz, Machtanspruch, Gewalt."

So geht es fort. Das Berlin, das sich Sombart in jenem Jahr 1982/83 bietet und das ja ganz zweifellos ein sorgloses Berlin der "happy few" darstellt, es wird auf merkwürdige Weise von einer barbarischen Strömung unterspült. Oberflächlich betrachtet, gibt es sich ganz modern, ganz westlich aufgeklärt und zivilisiert. Aber wenn man es sich, noch dazu aus Frankreich kommend, aus der Nähe betrachtet, stellt man fest, dass viele Restbestände deutscher Dunkelheiten noch durchaus gegenwärtig sind, nur eben auf der politischen Skala von rechts nach links verschoben. Davon handelt auch Sombarts Besuch bei dem Bildhauer-Ehepaar Matschinsky-Denninghoff:

"Was sie machen, liegt mir vollkommen fern, ich würde geschenkt nichts davon aufstellen wollen. Industriemüll in teilweise gigantischen Proportionen, aber das ist vielleicht die einzige authentische, für unsere Zeit repräsentative Kunst, Science-fiction-Dekor. Der Mensch ist total eliminiert. Ihr Erfolg zeigt, dass sie richtig liegen... Im Gespräch hat man einen gegenteiligen Eindruck. Irgendwie Gottsucher.... Lebensstil: ,Upper-Bohemians'." -- Anschaulich, ungeschützt, immer subjektiv, oft bis zur Überassimilierung um Verständnis und Einfühlung bemüht, schildert der Neuberliner Sombart das alte Westberlin. Die Schlüssellochperspektive kommt nicht zu kurz.

Aber was das Hauptverdienst dieser unterhaltsam zu lesenden Notate ist: Sie bilden den Grundstock, auf dem eine spätere Kulturgeschichte der achtziger Jahre wird aufbauen können. Und sie bewirken, dass alle Nostalgie verfliegt und der Leser beim Rückblick auf diese Zeit sehr nachdenklich wird.
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