BuchTipp
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15.6.2003
Ein Nerz und eine Krone
Die Lebenserinnerungen des deutschen Fräuleinwunders
Susanne Erichsen und Dorothée Hansen

"Als ich 1947 abgerissen, verlaust und mit Hungerödemen überzogen aus der Sowjetunion nach Hause zurückkam, hätte niemand - und schon gar nicht ich - sich vorstellen können, dass ich nur drei Jahre später an einer Schönheitskonkurrenz teilnehmen würde. Und dennoch stand ich hier. Ich war kein Einzelfall. In diesen Jahren entwickelten sich wahre Bilderbuchkarrieren, die auch jenen Hoffnung machten, denen es schlechter ging."

Susanne Erichsen gewann die Wahl. Als erste Miss Germany hat sie 1950 alle Konkurrentinnen aus dem Feld geschlagen, und dabei war sie nicht mal blond. Und doch galt sie als Inkarnation des deutschen Fräuleinwunders, auch als sie einige Jahre später in den USA als Mannequin und Modemacherin erfolgreich war. Wie kam das? Was war an dieser aparten, dunkelhaarigen Schönheit mit den Mandelaugen, dem mokanten Lächeln und der superschmalen Taille so besonders deutsch?

Das ist es ja: äußerlich nichts. Lebensgeschichtlich gesehen aber alles. Und da Miss Germanys Aufstieg immer auch begleitet wurde von Geschichten und Legenden über ihre Vergangenheit, viele also wussten, was diese bemerkenswerte Frau so alles mitgemacht hatte, darf man den Schluss ziehen, dass zumindest damals eine Karriere in der Welt des Laufstegs und der Titelfotos mehr voraussetzte als gutes Aussehen: Eine Miss Germany und eine Botschafterin deutscher Mode im Ausland musste auch etwas über das Land aussagen, aus dem sie kam, über seine Hoffnungen und sein Schicksal. Und das tat Susanne Erichsen - schon durch ihre Lebensgeschichte.

"Noch bevor ich einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, kannten die versammelten Journalisten und Fotoreporter bereits meinen gesamten Lebenslauf. Sie wollten die Deutsche sehen, die aus den Kohlenschächten der sowjetischen Lager auf den Laufsteg internationaler Modenschauen gefunden hatte. Ein Raunen ging durch die Menge, als ich im Blitzlichtgewitter die Gangway hinunterschritt. Ich fühlte mich gut, beinahe wie ein Star."

"Die kleine Suse aus Berlin-Steglitz", wie sie sich selber nennt, wird 1925 geboren. Der Vater, ein Opernsänger, macht sich bald davon, der Stiefvater kommt nur mal grade so mit dem Mädchen aus. Aber er ist Anlass für das große Abenteuer ihrer Kindheit: die junge Sowjetunion braucht Fachkräfte aus dem Ausland, deutsche sind besonders begehrt. Der neue Mann der Mutter ist ein talentierter Ingenieur. Er bekommt das Angebot, für eine begrenzte Zeit in Leningrad zu arbeiten, sagt zu und zieht samt Familie in die Fremde. Suse lernt das ABC bei einem Russlanddeutschen, stromert durch die Stadt, schließt Freundschaft mit einem Straßenjungen und erfährt entsetzt, dass es Menschen gibt, die Hunger leiden.

"Meine Mutter hat von diesen Abenteuern wenig mitbekommen. Sie wunderte sich nur über den Gestank, den meine Kleider verströmten und über die Läuse, die sich auf meinem Kopf eingenistet hatten. In langen Tiraden schimpfte sie dann auf Leningrad, diese heruntergekommene Stadt, auf die Armut, den Dreck, gegen den selbst eine gute deutsche Hausfrau machtlos war."

Zurück in Berlin durchläuft Suse eine normale Schulkarriere. Nach dem Abitur möchte sie beim Film arbeiten, als Cutterin, aber der Krieg durchkreuzt ihre Pläne. Dabei hat ihre Familie noch Glück - alle kommen mit dem Leben davon. Und die neunzehnjährige Suse trifft mitten in den Trümmern Berlins einen Beschützer, der um ihre Hand anhält. Die beiden heiraten in einem der letzten noch arbeitsfähigen Standesämter. Aber jetzt kommt die Sowjetarmee in die Stadt. Nicht einmal die Hochzeitsnacht ist dem jungen Paar vergönnt. Beide werden in einen Zug gesteckt, der sie angeblich in Sicherheit bringen soll, in Wahrheit aber in ein russisches Gefangenenlager verschleppt. Eine Zeit der Entbehrungen, der Verhöre und der Schwerstarbeit beginnt.

"Dieser Ort hier schien vergessen vom Rest der Welt. Wir befanden uns in Stalinogorsk, in jenem großen Sammellager ungefähr 200 Kilometer südlich von Moskau, in dem viele deutsche Kriegsgefangene und Deportierte, politisch verfolgte Polen, Ukrainer und Russen interniert waren."

In diesem Lager erlebt Susanne Erichsen die Hölle auf Erden. Von ihrem Mann ist sie schon getrennt worden, jetzt muss sie Mörtel und Steine schleppen, Kohle fördern, gegen Erfrierungen kämpfen, sie erkrankt an Diphtherie, hat nie genug zu essen, bekommt nie genug Schlaf. Zu den körperlichen Qualen treten die schmerzlichen Erfahrungen mit Aufsehern und Leidensgenossen, die in diesem Milieu der Todesangst ihre Menschlichkeit verlieren und zu Denunzianten und Dieben werden. Aber es gibt auch die anderen: die ihr letztes Brot teilen und helfen, wo ihnen niemand mehr hilft. Durch den Einsatz eines Mitgefangenen, eines alten Wiener Juden, der ihr den Weg zu einem Sondertransport Richtung Westen ebnet, entkommt Susanne. Abgezehrt, zerlumpt und krank trifft sie im Nachkriegsberlin ein. Zwei Jahre hat ihr Martyrium gedauert.

"Wenig erinnerte an die Stadt meiner Kindheit und Jugend. Der alte Glanz war in den Trümmern untergegangen. Armut bestimmte das Bild. Doch selbst hier fielen wir Schattengestalten in unseren Lagerklamotten auf. Mitleidig streiften uns die Blicke der Menschen in der S-Bahn.

Susanne findet ihre Eltern, die übrigens keine Nazis waren. Sie lässt sich gesund pflegen und ist nach einem knappen Jahr wieder auf den Beinen. Sie will da weitermachen, wo sie bei Kriegsbeginn aufhören musste: als Cutterin beim Film. Das elterliche Zuhause wird ihr zu eng, sie geht nach München, wo sie auf der Straße von einer Hut-Designerin als Modell entdeckt wird. Die nächsten Stationen heißen: Aufstieg zum vielgebuchten Mannequin, Miss Germany 1950, Model in New York, eine eigene Modefirma und schließlich eine Schule für Models und Fotomodelle in Berlin. Die Frau, die schon sterbenskrank und ohne rechte Pflege auf der Pritsche in einem russischen Gefangenenlazarett ihr Ende kommen sah, wurde zur Königin des Laufstegs und zur weltweit bewunderten Grande Dame der Mode.

Im Grunde ist ihre Karriere eine Art Metapher für die Karriere Deutschlands. Aus der Niederlage und der Todesverachtung ging es steil nach oben. Susanne Erichsen hat dabei die Bodenhaftung, das Wissen um die Verletzlichkeit und Kurzlebigkeit von Ruhm und Glanz sowie einen gesunden Selbstzweifel nie verloren. Sie starb 2002. Dorothée Hansen hat ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet.
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