BuchTipp
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Sonn- und Feiertag • 12:50
6.7.2003
Hamburg 1943
Literarische Zeugnisse zum Feuersturm
Volker Hage, Hrsg.

"Neue Schreckensnachrichten treffen aus Hamburg ein. Bei den Phosphorangriffen soll der Asphalt zu brennen beginnen, so dass die Fliehenden in ihn einsinken und zu Kohle verglüht werden. Sodom ist erreicht."

Ernst Jünger im fernen Paris konnte nicht ahnen, dass das britische Bomberkommando dem Angriff auf Hamburg den Decknamen "Gomorrha" verliehen hatte. Feuer regnete vom Himmel und verdarb die große Stadt. Über 2000 Meter hoch loderten die Flammen, sieben Kilometer türmte sich senkrecht die Rauchwolke auf. Während die Luft wie durch einen riesigen Kamin in den Nachthimmel raste, saugte am Boden ein Orkan allen Sauerstoff aus den Schutzräumen. Der Hamburger Feuersturm vom Juli 1943 steht - wie Dresden oder Tokio - für das Grauen des modernen Bombenkriegs. In wenigen Stunden verwandelte er die Stadt in eine Wüstenei.

"Wo früher der Blick auf Häuserwände stieß, da dehnte sich eine stumme Ebene bis ins Unendliche. War es ein Friedhof? Aber welche Wesen hatten dort ihre Toten beigesetzt und ihnen Schornsteine auf die Gräber gestellt? Schornsteine, die wie Ehrenmale, wie Dolmen oder mahnende Finger als einziges aus dem Boden wuchsen. Atmeten die darunter Liegenden durch diese Schornsteine den blauen Äther ein?"

Hans-Erich Nossack erlebte den Untergang als Zuschauer. Der Gang des Rückkehrers durch die Trümmerwüste gehört neben der Flucht aus den Kellern zu den Schlüsselszenen der Literatur über die Katastrophe. Berichte aus dem Zentrum des Orkans dagegen sind selten. Wer dort war, ist nicht mehr wiedergekommen oder seine Sprache war durch das Nichtbegreifen für immer gelähmt. Dennoch gibt es zahlreiche Berichte, Erzählungen, Romanpassagen von Zeitgenossen und Nachgeborenen. Volker Hage, Literaturkritiker des "Spiegel", hat sie zusammengestellt und instruktiv kommentiert. Der Untergang der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg war kein literarisches Tabu. Neben bekannten Autoren wie Klaus Mann, Wolfgang Borchert, Hubert Fichte, Ralph Giordano oder Klaus Modick findet man auch einen Bericht von Gretl Büttner, die im Auftrag der Hamburger Luftschutzleitung ihre Irrfahrten durch die brennende Stadt festhielt:

"Die Hammerlandstraße war voller Menschen. Sie hockten auf den Treppenstufen der Böschung, sie saßen an Bäume gelehnt, sie lagen mit hilfeheischend aufgereckten Armen auf dem Pflaster. Tote, nur Tote. Viele von ihnen hatte die Glut in phantastische, irrsinnige Stellungen gezwungen. Langsam und wie an Ketten ging der Blick von den verrenkten Gliedern zu den nicht mehr menschlichen Gesichtern. (..) Viele hatten sich vor der mordenden Glut und kurz vor ihrem Tode die Kleider vom Leib gerissen. Sie waren nackt, ihre Körper schienen unversehrt."

Texte der Verheerung versetzen den Leser in eine extreme Sinnenwelt. Sie handeln vom Getöse der Explosionen, von der Gier des Feuers, von der Angst, bei lebendigem Leibe begraben oder geröstet zu werden. So übermächtig war der Schrecken, dass nicht einmal die Kinder mehr weinen konnten. Im Höllentanz der Elemente bebte die Erde, in den Bäckereien kochte der Zucker, in den Kanälen brannte das Wasser. Am Morgen vertrieb kein Sonnenstrahl die bleierne Düsternis. Erst als alles Brennbare vertilgt war, verglimmte das Feuer. Auf den Urzustand der Kreatur wurden die Menschen zurückgeworfen. Doch kaum etwas verstört den Leser mehr als die nüchternen Berichte über die Toten. Hubert Fichte notiert aus Sektionsprotokollen:

"Leiche 1. Die Haut des Kopfes wie auch des sonstigen Körpers fühlte sich glashart an, ist vollkommen ausgetrocknet, braun bis schwarz verfärbt und lässt sich wie eine dünne, sperrige, hie und da noch etwas elastische Holzplatte abbrechen. Leiche 2. Der Herzmuskel schneidet sich auf Frontalschnitt wie harter Käse. (...) Leiche 32. Gegen 12 bis 15 Jahre alter Junge. Die Zunge ist festgeklemmt zwischen den rechten Zähnen, eingetrocknet, hart, schwarz. Das Herz, ein kleiner mäßig geschrumpfter, kuchenförmig abgeplatteter, zerreißlicher Körper. Auch die Milz ist nicht mehr zu finden, nur noch Schmiere."

Gibt es eine Poetik des Grauens, eine Ästhetik der Todesarten? Allzu wohlfeil ist das Gerede, das Unvorstellbare entziehe sich der Darstellung. Nahezu alle Schreibweisen des Extremen dokumentiert dieser Sammelband: die anrührende Elegie, den halbherzigen Sarkasmus, die vereisten Protokollsätze, die expressive Lautmalerei, stammelnde Reihen von Adjektiven, die hilflose Metapher von der Feuerbestie, von der Todesangst umstellter Tiere. Manche Autoren bemühen sich um einen Panoramablick, andere bleiben ganz von den Einzelheiten ihres Erlebens in Bann geschlagen. Wer dem großen Brand entrinnen konnte, war für immer gezeichnet. Wolf Biermann, fünfzig Jahre nach seiner Rettung:

"Kein Gesicht, keine Farbe, keinen Geruch, keine Situation habe ich je aus dem Gedächtnis verloren. Die Erinnerung an dieses Inferno ist mir eingebrannt wie nichts sonst. Sechseinhalb Jahre war ich damals, und so alt blieb ich mein Leben lang. Ich hielt in dieser hellen Nacht bis zum dunklen Morgen ein gedeckeltes Aluminiumeimerchen in der kleinen Faust. Es war eine Art Milchkanne, in der aber Mirabellenkompott schwappte. Meine Mutter hatte mir den Henkel in die Hand gedrückt, als der Fliegeralarm kam. (...) Ich bin der, das merkt euch, der sein Eimerchen festhält."

Über 40.000 Tote hinterließ der Feuersturm, rund 900.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Fast die Hälfte der Gebäude lag in Schutt und Asche, 24 Krankenhäuser und 58 Kirchen waren zerstört. Über die Juli-Nächte 1943 ist erstaunlich viel geschrieben worden. Es ist nicht wahr, dass eine erzählerische Annäherung an die Katastrophe unmöglich sei. Doch erst nach sechzig Jahren scheint die Zeit gekommen, die Literatur über das eigene Unheil wieder ins offizielle Gedächtnis der Deutschen aufnehmen zu können.
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