BuchTipp
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13.7.2003
Augenzeugenschaft
Bilder als historische Quellen
Peter Burke

Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Das glauben Beamte, und lange Zeit glaubten es auch die Historiker, aber nicht alle. Altes Silber mit seinen Merkzeichen, Gravuren und Benutzungsspuren enthält ebenso Nachrichten über Lebensformen und Mentalitäten wie Möbel oder Architektur. Ein Stadtplan, eine Kulturlandschaft oder auch die tabula rasa des Krieges oder der Revolution sind begehbare Geschichte, die der Historiker, wenn er gut ist, zum Sprechen bringen kann. Doch die meisten Historiker, man sieht es an ihren Büchern und Zeitschriften, sind visuelle Analphabeten. Wilhelm von Humboldt, der zusammen mit Goethe die deutsche Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts prägte, sagte auch einmal, dass ein Historiker, der diesen Namen verdient, auch noch aus der kleinsten Begebenheit, dem kleinsten Zeichen menschlicher Tätigkeit das Ganze des Lebens entwickeln kann. Das mag übertrieben sein. Aber Peter Burke, Cambridge-Don, einer der interessantesten älteren britischen Historiker, ein großer Kenner der Renaissance, sieht das nicht anders. Indessen konzentriert er sich auf den Quellenreichtum der Images, Imagines, der Bilder.

"Dieses Buch beschäftigt sich mit 'Bildern' und nicht mit 'Kunst'", schreibt Burke, den Leser warnend. Der Kunstbegriff ist eine Sache des 19. Jahrhunderts und seiner Erben bis heute, als die ästhetische Funktion der Bilder die Oberhand gewann über die vielen anderen Verwendungen von Bildern. Diese aber sind es, die Burke dem Leser vorführt:

"Unabhängig von seiner ästhetischen Eigenschaft kann jedes Bild auch als historische Quelle dienen. Ob Landkarten, bemalte Teller, Votivbilder, Kleiderpuppen oder Tonsoldaten in den Gräbern früher chinesischer Kaiser - aus all diesen Objekten ist etwas zu lernen."

Allerdings - manche Zeugnisse sind wirklichkeitsnäher als andere. Manche Kulturen bildfreudiger als andere: Der Islam kennt ein Bilderverbot. Im Westen aber hat sich die Zahl der Bilder unentwegt vermehrt und vervielfacht. Die ikonenhafte Malerei des Giotto im 13. Jahrhundert ist der Kunst von Byzanz noch eng verwandt. Danach aber beginnen die Bilder ihr Eigenleben. Burke:

"Dass sich die Bildarten zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten veränderten, macht die Lage kompliziert. Vor allem zwei Revolutionen der Bilderzeugung sind zu berücksichtigen: Die Entstehung des gedruckten Bildes (Holzschnitt, Kupferstich, Radierung usw.) im 15. und 16. Jahrhundert und die Entwicklung des photographischen Bildes (eingeschlossen Film und Fernsehen) im 19. und 20.".

Doch Bilder sind nicht einfach ein Schlüsselloch, um dadurch Realität zu erfahren. Sie sind Ausschnitt, Auswahl, und sie verraten oft mehr über den, der sie festhielt, als über das, was da festgehalten wird. Europäische Haremsbilder des 19. Jahrhunderts spiegeln die schwüle Erotik der Europäer wieder, nicht die Sexsitten arabischer Emire. Der heutige Betrachter muss, nicht anders als gegenüber Texten, Quellenkritik üben - was ja schon beim täglichen Fernseh- und Zeitungskonsum sehr zu empfehlen ist. Action-Bilder aus dem Krieg sind oft gestellt, Porträts inszeniert, Politiker-Szenen finden wie auf der Bühne statt - und im Zeitalter der Foto-Nacharbeit durch Computer ist ohnehin kein Bild mehr gerichtsverwertbar. Bilder, wie Texte, sind relativ zur Wahrheit.

Dazu kommt, dass Bilder in Traditionen stehen, die der Fernstehende nicht leicht erkennt. Burke: "Ehe man versucht, zwischen den Zeilen zu lesen und sie als geschichtliche Zeugnisse zu verwenden, muss man sich zunächst mit ihrer Bedeutung beschäftigen... Sie wurden, von Ausnahmen abgesehen, geschaffen, ohne dass der Maler an den künftigen Historiker dachte. Ihre Produzenten hatten ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Botschaften... Bilder müssen gelesen werden."

Das Problem wird noch größer, wenn es um Macht und Gegenmacht geht, Herrschaft und Auflehnung, Sowjetpropaganda und Samisdat. Die Aufrichtung von Bildern gehört dahin ebenso wie der Bildersturm. In Deutschland hat sich das im 20. Jahrhundert mehrfach ereignet, die Bauhöfe sind voll von Überresten gestürzter Größen, von Wilhelm Zwo bis Wladimir Iljitsch Lenin.

Am wichtigsten aber bleibt das weite Feld der materiellen Kultur und der Lebensformen, sei es dass sie den unseren vorarbeiten, sei es auch, dass sie gänzlich anders sind. Burke unterscheidet in der Betrachtung drei Ebenen: die der Psychoanalyse, die das Unbewusstein Maler und Bild zu ergründen sucht, die des Strukturalismus, welcher die Codes und Zeichen zu entziffern sucht, und die des Post-Strukturalismus, der gerade die Wandelbarkeit der Zeichen und ihre Bedeutung hervorhebt, die Unbestimmbarkeit.

Immer geht es um Bedeutung. Bedeutung aber für wen? Da kommt Burke am Ende seiner gelehrten und streckenweise sehr theoretischen Betrachtung wieder auf die Sozialgeschichte der Kunst zurück. Es geht um den sozialen Kontext. Ein und dasselbe Bild oder Bildwerk kann dann, je nachdem, ganz verschiedene, ja gegensätzliche Bedeutungen annehmen - etwas, was den alten Griechen mit ihrer Liebe zur Doppeldeutigkeit nicht unbekannt war, wo Apollo der Gott der Musen war, aber auch Gott der Zerstörung. Am Ende stellt der Leser die Frage, wozu alle diese Betrachtungen gut sein sollen, und Burke bemüht sich um eine Antwort:

"Ich hoffe, die Leser haben dieses Buch nicht zur Hand genommen, um hier einen praktischen Ratgeber zum Dechiffrieren von Bildern zu finden, als wären es Puzzles, für die es nur eine definitive Lösung gibt. Im Gegenteil: Was dieses Buch zeigen wollte, ist der Umstand, dass Bilder oft mehrdeutig sind, voll verschiedener Botschaften, verschlüsselter und unverschlüsselter."

Wir leben, wie man sagt, im Zeitalter der Bilder, und die meisten leben, trotz Goebbels, Madison Avenue, Hollywood und allen ihren Nachahmern, in einem Zustand der gefährlichen Unschuld. Historiker entziehen sich dem in der Regel, indem sie nur von Geschriebenem Kenntnis nehmen - was ihnen aber ganz offenkundig ganze Kontinente der Realität unzugänglich macht. Aber es geht letztlich nicht um die historische Zunft: es geht um die große Zahl derer, die uns jeden Tag Bilder bieten und damit Botschaften aller Art; verschlüsselte und unverschlüsselte. Der Begriff der Objektivität hat da weniger Platz, als die meisten, vor und hinter der Kamera, denken.
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