BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
20.7.2003
Unter Männern
Mein Leben in der Politik
Heide Simonis

"Dieses wunderschöne Land, regiert von einer einzigen Frau", Worte eines kopfschüttelnden schleswig-holsteinischen Bauern nach dem Amtsantritt von Heide Simonis im Mai 1993. Worte, die die SPD-Politikerin im Ohr behalten hat, zumal der Herr noch anfügte: "das darf doch nicht wahr sein". "Ist aber wahr" stellt sie mit Genugtuung fest - auch in ihrem jetzt erschienen Buch.

Ein Werk, das sie schrieb, als sich außenpolitisch der Irak-Krieg abzeichnete, später auch begann und innenpolitisch die Reformdebatte ihrem Höhepunkt entgegensteuerte. Beide Themen liegen Heide Simonis am Herzen. Das merkt der Leser. Geht sie doch in ihrem Buch darauf ein, noch ehe sie zu ihrem persönlichen Werdegang kommt:

"Nichts wäre fataler, als weiter so zu wursteln wie bisher und nur hier und da ein paar Reparaturen vorzunehmen", schreibt sie in Bezug auf die Reformdebatte. Es müssten jetzt grundlegende Reformen angepackt werden, wolle man nicht das Zusammenbrechen der Sozialsysteme riskieren.

Streit hat sie nie gescheut. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, auch nicht in der eigenen Partei oder mit Verbänden und Organisationen. Früher sei sie häufig mit Aussagen zitiert worden, wie:

"Ich bin Politikerin geworden, weil ich Zoff liebe" oder "Mich fasziniert Macht" - erinnert sie sich in ihrem unterhaltend geschriebenen Buch und bekennt dann: die Freude am Zoff sei aber nicht ihre Leitmelodie. Mehr komme es ihr darauf an, Menschen zu überzeugen, sie zum Mitmachen und zum Engagement zu ermutigen. 10 Jahre ist Heide Simonis jetzt Ministerpräsidentin. Hat sie die Funktion verändert? In einem Punkt bestimmt, räumt die Politikerin ein, wenn sie schreibt:

"Die wichtigste Veränderung meines Selbstbildes im Laufe der letzten zehn Jahre besteht sicher darin, dass ich die Rolle der 'Landesmutter' akzeptiert habe, gegen die ich mich anfangs heftig sträubte. Landesmutter - das klang für mich so bieder und gediegen, machte irgendwie alt. - Bevor ich Ministerpräsidentin wurde, befand ich mich immer in Rollen, in denen ich Partei ergreifen musste in Kontroversen und Konflikten. In der Rolle der 'Landesmutter' steht dagegen das moderierende Element im Vordergrund: Alle Individuen und alle Gruppen im Land haben das gleiche Recht darauf, mit ihren Interessen berücksichtig oder zumindest angemessen wahrgenommen zu werden."

Heide Simonis erzählt in ihrem Buch über ihre Kindheit und Jugend, dann über ihren Werdegang in der SPD, die sie 1976 für den Bundestag aufstellte, im Kreis Rendsburg-Eckenförde. Ein Wahlkreis, der seinerzeit als schlicht nicht zu gewinnen galt - und den sie doch für die Sozialdemokraten eroberte.

Es folgen Einblicke in den Parlamentarismus. Simonis erinnert sich in ihrem Buch an die ersten Monate im Haushaltsausschuss, die zunächst mehr Frust als Lust brachten: Als sie für die meisten Herren im Ausschuss 'die Kleine' war.

Trotz zahlreicher von ihr betonter Fortschritte sieht Heide Simonis Deutschland und Europa noch immer weit entfernt von einer Gesellschaft, in der die politischen Spitzenpositionen zwischen Männern und Frauen einigermaßen gleichgewichtig verteilt sind. Sie beklagt, dass das, was Männer untereinander für 'okay' hielten, bei Frauen oft als 'zickig' angesehen werde. Dann hieße es: "Die nervt, die stresst" - und das, so die Erkenntnis von Heide Simonis, mögen die Jungs gar nicht.

Doch wer denkt, in "Unter Männern" kommt es zur Abrechnung mit der Herrenwelt, der täuscht sich. Nur auf wenigen Seiten geht die Autorin auf das Thema "Frauenpower" ein. Dort analysiert sie u.a. den Aufstieg von Frauen in politische Spitzenämter weltweit: so Golda Meir in Israel, Margarat Thatcher in Großbritannien, Gro Harlem Brundtland in Norwegen.

Der Höhepunkt des eigenen Aufstiegs kam für Heide Simonis am 19.Mai 1993.

2 Wochen nach dem Rücktritt von Björn Engholm als Ministerpräsident Schleswig-Holsteins trat sie dessen Nachfolge an.

"Am Anfang war es ein Gefühl, als wäre ich bei Nacht und Nebel von einem Dampfer ins kalte Wasser geschubst worden. Trotzdem hatte ich die Zuversicht: 'Du kannst schwimmen, du wirst es schaffen, oben zu bleiben.'"

beschreibt Heide Simonis ihr Empfinden in jenen Stunden.

Der politische Alltag mit zweimaliger Wiederwahl durch die Bürgerinnen und Bürger des nördlichsten deutschen Bundeslandes, bescherte ihr Höhen und Tiefen, die sie in ihrem Buch nachvollzieht. Das manchmal nicht einfache Verhältnis zum grünen Koalitionspartner bleibt dabei ebenso wenig ausgespart, wie das Verhältnis zu den Medien.

Der Preis des Amtes, was das "Private" angeht, war hoch, räumte die Ministerpräsidentin jüngst in einem Interview ein:

Simonis: "Wann lade ich mal wieder ein, eigentlich nahezu gar nicht mehr. Wann werden wir eingeladen? Dann muss immer erst der Kalender abgestimmt werden. Also fallen viele Sachen weg. Wann geht man mal hin und macht etwas ganz anderes als Politik (Kino, Bücher lesen oder sonstige Sachen)?"

10 Jahre Ministerpräsidentin sind zudem nicht spurlos vorbeigegangen, zum Teil allerdings durch die Kassenlage bestimmt:

Simonis: "Der Glanz ist ganz bestimmt weg. Nun will ich nicht sagen, dass es dem Björn genauso gegangen wäre. Aber auch bei ihm wäre die Situation so gekommen, wie sie jetzt bei mir ist. Dass man sich überlegen muss, wie machen wir denn all unsere schönen Pläne, angesichts der leeren Kassen? Wie setzen wir das um? Genau, dass es schwieriger wird oder zumindest so schwierig bleibt, wie im Moment, das reizt mich daran."

Das klingt nicht nach Aufhören, auch wenn die Politikerin in ihrem Buch sich selbst und anderen den Ratschlag gibt, auch schon mal über die eine oder andere Alternative nachzudenken, wenn man noch mitten im politischen Geschäft steht. So bewahre man sich eine gewisse Souveränität und erinnere sich selber von Zeit zu Zeit daran, dass man nicht völlig identisch mit seinem Posten sei, sondern auch jenseits davon noch Lebensvorstellungen und Existenzmöglichkeiten habe.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge