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27.7.2003
Mythos Rhein
Kulturgeschichte eines Stromes
Gertrude Cepl-Kaufmann / Antje Johanning:

Der Rhein ist zur Zeit wieder relativ sauber und lebendig. Bis auf den Stör sind alle 64 Fischarten, die früher im Rhein schwammen wieder zurückgekehrt. Was die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins kürzlich auf ihrer Jahrespressekonferenz in Bonn stolz mitzuteilen hatte, hätte noch gut in den "kleinen, sentimentalen Rückblick" auf den "demokratischen Rhein" gepasst, mit dem die beiden Düsseldorfer Literaturwissenschaftlerinnen Gertrude Cepl-Kaufmann und Antje Johanning ihr großartiges Buch über den "Mythos Rhein" beendet haben.

Der Strom, so resümieren die Autorinnen ihren ungewöhnlich kenntnis- und lehrreichen kulturhistorischen Streifzug durch gut 2000 Jahre rheinischer Geschichte, "der Strom, der wie kaum ein anderer europäischer Fluss zur internationalen Müllabladestelle verkommen war, bewirkte schließlich auch ein Umdenken, dessen positive Folgen heute am gleichen Fluss zu sehen sind."

Vom Dichten und Denken und vom Denken und Umdenken der am Rhein lebenden oder vom Rhein angezogenen Dichter und Denker handeln die meisten Kapitel dieses im Ergebnis sehr politischen Buches. Das beginnt nach einem nicht ganz so leicht lesbaren Abriss der Vor-Früh- und mittelalterlichen Geschichte ganz sanft und wunderschön bebildert mit der "Konstruktion der Rheinlandschaft in Kunst und Literatur", wobei man noch einmal daran erinnert wird, dass es zunächst niederländische und britische Maler und Dichter waren, die schon zur Mitte des 17. Jahrhunderts - gut zehn Jahre vor den Deutschen - den Rhein als romantische

Erst die Aufklärung und die Romantik, so die Autorinnen, hätten "in je eigener Weise den Rhein zum Herzstück eines zukünftigen Europas verklärt". "In beiden Epochen" sei "diese westeuropäische Fokussierung an politische Begegnungen mit dem Nachbarland Frankreich gebunden, sei es in affirmativer Hinwendung oder als trennende Kontroverse. Nur wenige Jahre, das Jahrzehnt vor 1800, reichten aus, um aus einer zunächst scheinbar glücklichen Verbindung zweier politischer Größen, die sich in besonderer Weise auf den Rhein als geopolitische Markierungslinie beziehen konnten und wollten, Feinde zu machen, die über eineinhalb Jahrhunderte lang ein beträchtliches Maß an kämpferischer Energie aufgebracht haben, um ihrer Rolle als 'Erbfeinde' gerecht zu werden."

Diese "kämpferische Energie" kommt nach der keineswegs nur widerstrebend akzeptierten Einverleibung des zunächst französisch besetzten Rheinlandes durch Preußen nach 1815 in einer großen Zahl dichterischer und architektonischer Machwerke zum Ausdruck, die - wie die Autorinnen zurecht feststellen - geradewegs "jene Hybris erzeugten, die sich im Dritten Reich vollends in seinen dämonischen Untertönen realisierte."

So wie das von Max Schneckenburger geschriebene blutrünstige Lied von der todesbereiten "Wacht am Rhein" im Vorfeld des deutsch-französischen Kriegs von 1870 eine "ungeheure" Popularität erlangte, so dumpf nationalistisch wurde auch nach Sieg und Reichsgründung weitergedichtet. Von einem gewissen Wilhelm Millowitsch zum Beispiel, einem Urahn des legendären Kölner Volksschauspielers "Willy":

"Wie wuchtig klingt das deutsche Wort Durch alle Lande jetzt, Es klingt zu unsern Feinden, dort Wo man uns tief verletzt. Und stets wird's uns're Losung sein, Dem Feind in's Ohr sie gellt 'Der Deutsche fürchtet Gott allein Und sonst nichts in der Welt.'

Germania hört's auf steiler Höh' Dort hoch am Niederwald, Und Furcht fasst Frankreichs Reisige Beim Anblick der Gestalt. Fest steht und treu die Wacht am Rhein Ob West, ob Norden bellt 'Der Deutsche fürchtet Gott allein Und sonst nichts in der Welt.'"

Allerdings, auch deutsche Dichter und Denker von etwas größerer Reputation als Schneckenburger und Millowitsch haben an dem penetranten und tendenziell militanten Mythos vom "Geliebtesten" aller deutschen Ströme mitgestrickt. Erst im deutsch-französischen Expressionismus und Dadaismus nach dem Ersten Weltkrieg gab es mit dem Versuch, den Rhein zum "Sinnbild eines neuen Europa" zu machen, eine wenn auch politisch erfolglose Gegenbewegung. Und erst mit der völligen deutschen Ernüchterung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem tödlichen Mythos Rhein gründlich aufgeräumt. Ganz im Sinne Heinrich Heines, der das entgegen der damals herrschenden Meinung schon um 1830 versucht hatte, zitieren die Autorinnen unter anderen Peter Rühmkorf mit den Zeilen:

"Die Loreley entblößt ihr Haar am umgekippten Rheine... Ich schwebe graziös in Lebensgefahr grad zwischen Freund Hein und Heine."

Das den lesenswerten Band abschließende Kapitel über den "demokratischen Rhein" der immerhin fünfzig Jahre währenden, friedlichen Bonner Republik ist mit nur acht Seiten und seinen kurzen Verweisen auf Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll etwas knapp geraten und sollte deshalb bei einer eventuellen Fortschreibung des Buches ein bisschen vertieft werden.
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