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3.8.2003
Einspruch!
Wider den organisierten Staatsbankrott
Oswald Metzger

Metzger: "Ich fühle mich derzeit den Grünen näher als je zuvor.."

..., was nicht heißt, das Oswald Metzger ein typisch 'grünes' Buch geschrieben hat - hat er nicht. Wer den Haushalts- und Finanzexperten aus seiner Parlamentszeit in Erinnerung hat, wird das auch nicht erwartet haben. Als 'grünes' Prinzip zieht sich durch Metzgers Thesen vor allem das der Nachhaltigkeit, das - seiner Meinung nach - aus der Umwelt- auf die Haushalts-, Finanz-, und Sozialpolitik übertragen werden muss.

Metzger: "Wichtig ist für mich, dass ökologische Postulat auf die Organisation des Sozialstaates zu übertragen. Es geht dabei auch um Generationengerechtigkeit. Die Gattung Mensch muss heute finanziell so leben, dass die Kinder und Kindeskinder die Zinsen der heutigen Verschwendung und die Renten zahlen müssen."

Und dies führt Oswald Metzger im Hauptteil seines Buches umfassend aus - pointiert und fast ausnahmslos auch für Nicht-Fachleute verständlich. Überschrieben mit 'Abschied vom Schlaraffenland' und 'Der öffentliche Haushalt in der Verschuldungsfalle' begibt er sich in sämtliche Arenen der aktuellen Reformdiskussionen - nicht zu vergessen der Finanzierung laufender und anstehender Reformvorhaben - und bricht sie in Einzelkapitel herunter: Vom Arbeitsmarkt und verwandten Diskussionen wie dem Kündigungsschutz, über die Krankenversicherung, inklusive der grundsätzlichen Mahnung an die Versicherten, sich vom 'Vollkasko-Denken' zu verabschieden, über die unterfinanzierten Renten und Pensionen und dem sich für ihn daraus ergebenden Zwang 'länger zu arbeiten, mehr vorzusorgen und weniger zu konsumieren', bis hin zur Staatsverschuldung als Generationenproblem und der Kritik an den 'Neo-Keynesianern', die die Theorien des berühmten Ökonomen John Maynard Keynes immer nur dann im Munde führten, wenn es darum gehe, neue Schulden zu machen, aber Keynes tunlichst vergäßen, wenn es darum ginge, diese in konjunkturell besseren Zeiten auch zu tilgen - all das ist in Metzgers Buch lesbar, bisweilen amüsant formuliert zusammengetragen.

Metzger: "In dem Buch habe ich für breites Publikum Reformen und finanzpolitische Aspekte zusammengefasst und auch deren Bezüge zueinander sichtbar gemacht. Dies gibt es in dieser Form selten."

Stimmt. Er hat zudem eigene Reform-Vorschläge zu machen und beschränkt sich nicht nur auf die Analyse häufig benannter Missstände. Wen nur das interessiert, der sollte einfach erst bei Seite 67 in das Buch einsteigen.

Denn davor geht es im ersten Teil um die Mechanismen des Politikbetriebs und Oswald Metzgers eigene Rolle in diesem Betrieb, bevor er - wohl kaum endgültig und bekanntlich nicht wirklich freiwillig - Ende letzten Jahres ausgestiegen ist. Er war von seinem Landesverband nicht für einen erfolgsversprechenden Platz auf der Landesliste zu den Bundestagswahlen nominiert worden und verzichtet darauf hin ganz auf eine Kandidatur.

Auf den ersten 66 Seiten des Buches rechnet ein (vorübergehender) Outsider mit den Berufsparlamentariern und den sie begleitenden, sie benutzenden, ihnen umgekehrt zur Profilierung nutzenden Medien ab - und zwar mit dem Wissen des Insiders. Das Ganze ist nicht frei von Eitelkeit. Stellenweise ist es nur erträglich, weil Metzger das sehr wohl weiß und ausdrücklich zugibt.

O-Ton Metzger: "Ein Hang zur eitlen Attitüde und zur Profilneurose ist natürlich auch bei mir vorhanden, das will ich nicht bestreiten, aber ich bin auch selbstreflektierend und verfüge über genug oberschwäbische Bodenhaftung, um nicht abzuheben."

In Kapiteln mit Überschriften wie "Politik und Kompetenz - ein Widerspruch" und "Die Sitzungswoche der Schmarotzer" und "Wo bleibt in der Politik das Volk" findet der Leser / die Leserin alle so liebgewonnen Klischees von den profilneurotischen, mediengeilen, inkompetenten, substanzlosen Politikern wieder und bestätigt. Und dann - nicht zu vergessen - ist da auch noch Oswald Metzgers politische Beziehungsgeschichte mit dem ihm zuletzt in herzlicher Abneigung zugetanen Ober-Grünen Joschka Fischer, bzw. Joseph Fischer, wie er ihn im Buch konsequent nennt.

Metzger: "Niemand kann mit Fischer vertraut sein, das muss klar und deutlich ausgesprochen werden. Und weil das so ist, kann ich Ihn auch mit dem korrekten Namen Joseph und nicht mit dem vertrauten Joschka ansprechen. Im übrigen hat Fischer nur Nützlichkeitsbeziehungen zu jemandem - nur so lange der ihm nützt."

Häufiger noch als an Joseph Fischer arbeitet sich Metzger an den 'Gutmenschen' ab. Ungezählte Male taucht diese Spezies in allen Teilen des Buches auf:

Metzger: "Gutmenschen in Politik und Gesellschaft haben ein Anspruchsdenken etabliert, das schwer aus der Welt zu schaffen ist. Es ist im Grunde falsches Denken, wenn man annimmt, dass der Staat für alle Müheseligen, Armen und Beladenen zuständig ist. Es führt dazu, dass sich niemand mehr selbst hilft."

"Schütteln Sie jetzt den Kopf? Fragen Sie sich, was ich als Politiker ausgerechnet bei den Grünen suche?" - nimmt der Autor den nicht ganz unwahrscheinlichen Einwand einiger Leser im Epilog seines Buches vorweg. Für Oswald Metzger selbst stellt sich die Frage nicht. Er ist und bleibt Grüner, schreibt er. Wenn es eines Etiketts für sein Weltbild bedürfe, so könne er mit 'ökolibertär' leben - will sagen der Verbindung von Liberalismus, den er nicht bei der real existierenden FDP politisch beheimat sieht, und einem ökologischen Leitbild nachhaltiger Entwicklung. - Klingt doch gut, oder?
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