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24.8.2003
Querschüsse
Downsize This!
Michael Moore

Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm & Heike Schlatterer

"Downsize this" - böse und aggressiv fordert dieser Befehl, Personal abzubauen oder etwas fertig zu machen. Und Michael Moore spielt mit diesem Befehl. Er spürt der Kehrseite des Wirtschaftswachstums der Neunziger Jahre in den USA nach, den Schäden für die Kommunen und ihre Bewohner. Seit seinem ersten Dokumentarfilm 1989 lässt ihn das Thema nicht los.

"Roger and Me zeigt, wie General Motors, der reichste Konzern der Welt, meine Heimatstadt Flint in Michigan zerstörte, indem er 30.000 Arbeiter entließ, obwohl er gerade Rekordgewinne machte."

Und Michael Moore, der Provokateur, will die Verantwortlichen stellen - mit seinen eigenwilligen Methoden des "Downsize", des "Sich-Wehrens". So führt er den damaligen GM-Chef Roger Smith vor, wie er sich dem Gespräch verweigert.

"Roger hat es nie nach Flint geschafft, aber viele andere Leute sind dort angekommen. Heute lebt, wie es den Anschein hat, jeder in seinem eigenen Flint, Michigan."

Er zählt Beispiele über Beispiele auf und wundert sich, dass die Menschen sich nicht wehren, auch wenn sie mit ihren Fabriken von Ort zu Ort wechseln, um immer wieder von neuem arbeitslos zu werden.

"Es wäre zu erwarten, dass neue politische Parteien entstehen, um die Zerstörung des amerikanischen Traums aufzuhalten. Aber all diese Annahmen sind falsch."

Der Autor zeigt sich auf dem Buchdeckel, wie er ein Sprengstoffpaket mit brennender Lunte von sich weg hält. Denn er hat beobachtet, dass sich zerstörte Träume nicht in der Politik, sondern in der Gewalt ein Ventil suchen und die Gesellschaft zersetzen.

"Sie lassen ihre Wut an sich selbst aus ... oder sie lassen ihre Wut an ihren Nachbarn aus."

Es war ein Mann aus Moore's Heimatregion, Golfkriegsveteran, arbeitslos und Mitglied einer militanten Gruppe, der 1995 einen Bombenanschlag in Oklahoma City verübte. Und der Journalist findet, dass sich die Fotos gleichen - von dem zerstörten Bundesgebäude und der zerstörten Autofabrik in Flint.

"Was ist Terrorismus? Wenn ein Mann einen Möbelwagen mietet, ihn mit Sprengstoff belädt und ein Gebäude in die Luft jagt, ist das zweifellos ein terroristischer Akt ... Wie aber soll man es nennen, wenn ein Unternehmen das Leben von Tausenden zerstört?"

Weder Gewerkschaften, noch Demokraten oder Republikaner würden sich für die Probleme der Menschen aufrichtig einsetzen. Und deshalb bliebe die Hälfte der Bürger an Wahltagen zu Hause.

"Es haut einen wirklich um: Unsere zwei Parteien sind praktisch identisch. Es gibt nur noch Republikraten."

Es fehle die Alternative. Im Wahlkampf 2000 hatte sich Michael Moore dann für Ralph Nader engagiert, den Präsidentschaftskandidaten der Grünen. Man warf ihm vor, lediglich Al Gore und die Demokraten geschwächt zu haben. Doch der Filmemacher rechtfertigt sich, das selbst Bill Clinton keine andere Politik als Vater und Sohn Bush gemacht habe.

"Was aber tat Bill, als er selbst auf dem großen Stuhl im Oval Office Platz genommen hatte? Was jeder Spießer mit Selbstachtung mit einem neuen Auto tut - er machte eine schwungvolle 180 Grad Wende, dass die Reifen nur so kreischten."

Überhaupt, so schlägt er vor, sollte man nicht Parteipolitiker ins Parlament wählen, sondern lieber gleich die einflussreichen Lobbyisten der Wirtschaft.

"Auch wenn wir sie nicht sehen können, sind sie doch Tag für Tag dort und sorgen dafür, dass der Kongress genau das tut, was die großen amerikanischen Konzerne wollen."

In Washington machen sie die Gesetze, in Städten und Gemeinden kassieren sie Steuervorteile und Subventionen.

"Warum fällt uns bei dem Wort Sozialhilfe immer zuerst die alleinerziehende schwarze Mama ein ...?"

Diese Vorstellung sei rassistisch und falsch. Denn das meiste öffentliche Geld komme der privaten Wirtschaft zugute, rechnet er vor.

"Aber wenn ich herausfinde, das jedes Jahr 1.388 Dollar meines hart verdienten Geldes an Konzerne gehen, die Steuern hinterziehen, Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, die Umwelt zerstören und obendrein Rekordgewinne einfahren - dann will ich die Sozialhilfekönige zur Strecke bringen."

Darum hat Michael Moore Steckbriefe der negativen Grössen des Geschäftslebens geschrieben. Der Leser kann sie bei Bedarf auch ausschneiden.

"Ich meine, wir sollten den Begriff 'Verbreche' neu definieren. ... Wenn die Konzernchefs die Verschmutzung von Luft und Wasser billigend in Kauf nehmen und damit verheerende Umweltschäden anrichten und letztlich Tausende umbringen, sollte das ein Verbrechen sein."

Der jüngste Stromausfall zwischen New York und Ottawa wird den Autor bestätigt haben. Eine falsche Wirtschaftspolitik, sagt er, zehrte die Finanzkraft der Regionen aus und führte dazu, dass die Infrastruktur in Stadt und Land vernachlässigt wurde.

"Diese Erkenntnis, das es in den Vereinigten Staaten Orte gibt, denen es vielleicht schlechter geht als der Dritten Welt, mag für viele ein Schock sein, aber sie ist heute nur allzu wahr."

Doch schließlich beflügelt die Not der Kommunen selbst ihn, mit einem Werbeprospekt in eine neue Branche einzusteigen.

"Neben dem Bau und Betrieb privater Gefängnisse schließt sich die Mikes Strafvollzug AG den vielen anderen Gefängnissen an, die mit großen US-Unternehmen zusammenarbeiten und billige Arbeitskräfte ... zur Verfügung stellen."

Und natürlich würden dadurch anderswo normal bezahlte Arbeitsplätze gefährdet. Kurzum, Michael Moore entdeckt einen öffentlich finanzierten Kreislauf, zu rationalisieren und Arbeitsplätze zu vernichten.

"Warum lassen wir so etwas zu? Es ist unrecht, wenn man mit der Arbeit anderer Leute Geld macht und sie feuert, nachdem man das Geld gemacht hat."

Michael Moore empört sich, mal schnoddrig, mal faktenreich. Er arbeitet nicht politisch korrekt, verliert den Faden und verzettelt sich, analysiert nicht distanziert und kühl. Der Leser wäre gutberaten, bereits informiert zu sein. Seine Gesellschaftskritik ist dabei durchaus ernstgemeint und ernst zu nehmen. Auch wenn er sie mit Satire mischt, von der er einräumt, dass manche sie nicht verstehen.

"Vielleicht ist es Zeit, die anderen wegzurationalisieren - die Vorgesetzten, den Unternehmensvorstand, den Konzernchef. ... Verpfeift sie."

... beispielsweise wenn sie Gesetzesverstöße begehen.

" ... Seid nicht zu fleißig ..."

... aber Vorsicht, warnt er, dass die Firma nicht bankrott geht und die falschen Leute entlassen werden.

"Bewahrt alles auf."

Denn Führungskräfte hinterlassen jede Menge Belege, die man gegen sie verwenden kann. Im Börsencrash an der Wall-Street scheinen einige seine Ratschläge beherzigt zu haben. Denn anders wäre so mancher Insider- und Bilanzskandal wohl nicht bekannt geworden. Auf seine eigenwillige Art will Michael Moore so den Bürgersinn wieder erwecken.

"Ich gründe meine eigene Miliz, ... eine Art Allzweckgruppe für diejenigen, die nicht gleich zum Gewehr greifen."

Und das war 1997.
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