BuchTipp
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31.8.2003
Der Auftritt
Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne
Gregor Schöllgen

Die deutschen Historiker, in früheren Zeiten stimm- und meinungsgewaltig, waren in den Tagen der Wiedervereinigung und danach nur schwach vernehmbar. Ihre Kollegen von der Politikwissenschaft beherrschten das Feld. Als umso erfreulicher ist daher nun zu konstatieren, dass mit dem Erlanger Historiker Gregor Schöllgen ein jüngerer Wissenschaftler die Herausforderung angenommen hat, den Standort der deutschen Außenpolitik wenige Monate nach dem Irakkrieg zu beschreiben. Dazu hat er soeben den Essay mit dem beziehungsreichen Titel: "Der Auftritt" - 'Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne' vorgelegt. Dem Buch sind viele Leser zu wünschen. Schöllgen zeichnet noch einmal den atemberaubenden Weg nach, den Deutschland nach 1949 und dann um ein Vielfaches beschleunigt, seit der Wiedervereinigung außenpolitisch zurücklegte. Als Historiker schaut er auf Fakten, lässt sich von politischer Rhetorik nicht beeindrucken und stellt nüchtern fest, dass wir uns nach wie vor in einem Zeitalter der Nationalstaaten bewegen. Europa, schreibt Schöllgen frech und gegen den herrschenden Trend: "Europa wurde erfunden, um die Deutschen zu bändigen". Die Irak-Krise und ihre Vorgeschichte ist für Schöllgen der beste Beweis, dass die Mittelmacht Deutschland, geführt von einer rot-grünen Bundesregierung, zu neuem Selbstbewusstsein gefunden hat:

"Aber mit Gerhard Schröder hat mit Gerhard Schröder hat ausgerechnet der erste Hausherr des neuen - Berliner - Kanzleramtes eine außenpolitische Gangart gewählt, die an diejenige der Staats- beziehungsweise Regierungschefs von Frankreich oder Großbritannien erinnert. Nicht nur dass er, noch von Bonn aus, die deutschen Interessen in Europa stärker zur Geltungen bringen wollte und gegenüber den europäischen Gemeinschaften so auftrat, wie man das bislang vom französischen Staatspräsidenten gewohnt war. Schröder war vor allem auch der erste Kanzler, der den USA die Stirn bot, als er in der Irak-Krise klarstellte, die deutsche Außenpolitik werde in Berlin, und das hieß im Kanzleramt, gemacht."

Schöllgen erinnert daran, dass niemand anders als Willy Brandt schon vor einem knappen Vierteljahrhundert mehr europäisches Selbstbewusstsein gegenüber den USA empfahl:

"Ähnlich ließ sich jetzt, gut zwei Jahrzehnte später, einer seiner politischen Enkel, zugleich sozialdemokratischer Erbe im Kanzleramt, vernehmen, nur das Gerhard Schröder zu diesem Zeitpunkt noch amtierte und ein Land vertrat, das seit der Vereinigung und verglichen mit den Tagen Brandts und Schmidts erheblich an politischem Gewicht zugelegt hatte. Es war dann auch nicht nur die Irak-Frage, die Absage an eine militärische Beteiligung Deutschlands; es war dieser selbstbewusste Ton, der auf beiden Seiten des Atlantik aufhorchen ließ und manchen, zumal kleineren Partner in Europa an des Kanzlers Seite brachte. Ungeplant hatte Deutschland damit die Führungsrolle als Gegenmacht der USA übernommen. So gesehen, spielte die Bundesrepublik jetzt tatsächlich die Rolle einer europäischen 'Großmacht', in die sie mit der Vereinigung potentiell geraten war."

Schöllgen ist der Ansicht, dass wir Zeitzeugen einer tiefgreifenden Zäsur in den transatlantischen Beziehungen sind, weil die USA nicht mehr in Europa gebraucht werden, jedenfalls nicht für die klassischen Aufgaben, wie die NATO sie für sich definiert hatte. Dies ist die Stunde Europas. Schöllgen skizziert die Lage am Ende so:

"Die Irak-Krise hat den Klärungsbedarf dramatisch erhöht; sie hat einer überlebten Epoche das überfällige Ende bereitet und eine andere, noch weitgehend unbekannte eingeläutet. In dieser neuen Epoche geht es vordringlich um die Formulierung eigenständiger europäischer und damit zwangsläufig auch um das Hintanstellen traditionell nationalstaatlich definierter Sicherheitsinteressen. Wegen seines politischen Gewichts, wegen seines weltweiten militärischen Engagements, wegen seiner historisch begründeten Reputation in der Dritten Welt und wegen der Erfahrung, welche die Bundesrepublik während des Ost-West-Konflikts mit Souveränitätsverzichten gesammelt hat, ist Deutschland wie kaum ein zweites Mitglied der Europäischen Union gefordert, daran federführend mitzuwirken. Seit der Vereinigung hat das Land die Statur für diese Rolle, seit der Irak-Krise auch das Selbstbewusstsein, sie mit Augenmaß auszufüllen. Sie anzunehmen, ist ein nationales Interesse."

Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch längst überfällige Diskussionen über die deutsche Außenpolitik auslöst.
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