BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
7.9.2003
Mein Manifest für die Erde
Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft
Michael Gorbatschow

Aus dem Russischen von Bernd Rullkötter

Michail Gorbatschow, der wohl größte Weltveränderer seit 1945, sagt heute: "Mit dem Umweltschutz habe ich das Thema meines Lebens gefunden."

Sein Credo, das er soeben bei einem Deutschland-Besuch verkündet hat: "Die Welt in ihrem heutigen Zustand ist nicht nachhaltig. Sechs Milliarden Menschen wollen so leben wie die US-Amerikaner, aber bevor wir dieses Ziel erreichen, kollabiert der Planet. Wir brauchen also einen grundlegenden Wandel."

Der frühere Präsident der Sowjetunion ist immer noch für Überraschungen gut:

Gorbatschow: "Also in ganz Russland ist es heute so, dass man wirkliche jedes Flüsschen, jede Wiese und jeden Birkenhain kämpft. Man stellt ganz hohe umweltpolitischen Anforderungen an die chemische Industrie und die Landwirtschaft. Ich mir zutiefst sicher, auch wenn die soziale Lage der Menschen in meiner Heimat zum Teil äußerst schwierig ist, werden dennoch die ökologischen Probleme nicht aus dem Blickfeld geraten."

Im Westen ist unbekannt, dass Gorbatschow zu seiner Regierungszeit 1.300 Betriebe geschlossen hat - aus ökologischen Gründen. "Es gibt Wichtigeres als Arbeitsplätze", sagt er heute: "Eine saubere Umwelt, unsere Lebensgrundlagen."

Kein Politiker hat in den letzten 20 Jahren so sehr die Welt verändert wie Michail Gorbatschow. Aber heute analysiert er: "Wir führen einen Krieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Diesen Krieg müssen wir beenden." Wenn wir die ökologische Krise nicht meistern, dann erübrigen sich alle weiteren Anstrengungen. Umweltschutz sei nicht alles, aber ohne Umweltschutz sei alles nichts.

Viele anwesende deutsche Politiker sind bei solchen Reden pikiert und mancher Industrieboss schaut verlegen, wenn Gorbatschow als Präsident des von ihm gegründeten "Grünen Kreuzes" beklagt, dass die Industriestaaten über ihren unverantwortlichen Ressourcenverbrauch die Umwelt ausbeuten und die Zukunft unserer Kinder verbrennen.

Gorbatschow ist noch immer ein begnadeter Tabu-Brecher. In diesen Tagen forderte er einen internationalen ökologischen Gerichtshof. "Umweltverbrecher müssen weltweit bestraft werden so wie Kriegsverbrecher", sagt er. Bei unserer letzten Begegnung in Moskau habe ich ihn gefragt, welche historischen Vorbilder könnte das 21. Jahrhundert gebrauchen? Lachend antwortete er: "Jesus und Karl Marx. Das wäre doch eine gute Mischung. Beide kämpften überzeugend für soziale Gerechtigkeit."

Gorbatschow meint, wirklichen Frieden könne es nicht geben, solange die NATO über 100 mal mehr Geld verfüge als die UNO. Er mahnt weitere Abrüstung an.

In seinem neuen Buch "Mein Manifest für die Erde. Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft" bekennt er: "Tschernobyl hat mein Leben verändert." Auf meine Frage, warum aber 17 Jahre nach Tschernobyl sein Nachfolger Putin, aber auch die Regierungen in Frankreich oder Washington noch immer auf Atomkraft setzen, sagt er.

Gorbatschow: "Vielleicht wird sie die Antwort überraschen, aber ich bin auch selber der Meinung, dass wir jetzt ohne Atomenergie nicht zurecht kommen."

Derselbe Gorbatschow hatte mir allerdings früher einmal gesagt: "Tschernobyl hat der russischen Volkswirtschaft 500 Milliarden Dollar gekostet." Gorbatschow übersieht die Fortschritte bei den Wind- und Solartechnologien in Westeuropa, in Japan und in den USA. Und er übersieht die ökonomischen Vorteile der Erneuerbaren Energien. Sonne und Wind schicken keine Rechnung. Den Stoff gibt es umsonst. In Russland spricht Gorbatschow hauptsächlich mit Fachleuten der alten Atom-, Gas- und Ölwirtschaft. Entsprechend einseitig ist seine Argumentation.

In einer Erdcharta, die in Gorbatschows neuem Buch abgedruckt ist, steht die Forderung: "Schäden vermeiden, bevor sie entstehen, ist die beste Umweltschutzpolitik." Das erfordert freilich eine völlig neue Energiepolitik, 100 Prozent Energie aus Sonne, Wind, Erdwärme, Wasserkraft, Biomasse, Strömungsenergie der Ozeane und aus solarem Wasserstoff. Diese solare Energiewende ist in ein bis zwei Generationen möglich, wenn sie politisch gewünscht ist.

Der Untertitel seines neuen Buches heißt: "Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft." Seine Ungeduld darüber, dass in der Tagespolitik zu viel geredet und zu wenig in seine Richtung gehandelt wird, ist diesem Ex-Politiker bei jeder Rede und bei jedem Interview anzumerken.

Auf die Frage: Warum er mit 72 Jahren sich nicht auf seiner Datscha ausruhe, sondern für seine großen Themen Frieden, Gerechtigkeit und Ökologie noch immer rastlos um die Welt reise, meint er:

Gorbatschow: "Wenn Sie die Wahl Ihres Lebens getroffen haben, dann finden sich auch die Zeit und die Kräfte und die Mitstreiter, um die neuen Ideen durchzusetzen."

Michail Gorbatschow will ein Lernender bleiben bis zu seinem Lebensende. Einst war er der mächtigste Kommunist, jetzt hat er eine sozialdemokratische Partei in Russland gegründet und nennt sich selbst einen Grünen. Und mit dem Papst, sagt er, verstehe er sich besonders gut. Gorbatschow arbeitet heute an einer weltweiten Perestroika und an globaler Glasnost.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge