BuchTipp
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21.9.2003
Generation Z oder:
Von der Zumutung älter zu werden
Reinhard Mohr

Reinhard Mohr hat ein Buch über Reinhard Mohr geschrieben, also über einen 48-jährigen, weißen, unverheirateten, heterosexuellen, linksliberalen Wessi-Mann, der seit ein paar Jahren in Berlin-Mitte lebt, dessen politische Wurzeln auf die Frankfurter Sponti-Szene der 70er Jahre zurückgehen.

Mohr: "Das Buch ist zu 90% autobiographisch..."

...die restlichen 10% handeln von den Reinhard Mohrs unter uns.

Mohr: "Wenn man 'ich' sagt, muss man eine gewisse Egozentrik in Kauf nehmen..."

... die glücklicherweise in diesem Buch zwar nicht gänzlich frei von Larmoyanz aber keineswegs als misanthropisches Gezeter daher kommt.

Mohr: "Ich beschreibe mich in dem Buch selbstkritisch und ironisch..."

... zudem sehr offen und das Ganze auf 220 Seiten mit viel Sprachwitz, pointiert und pointenreich zu Papier gebracht - man muss nicht unbedingt Endvierziger, Single und nicht einmal Mann sein, um seinen Spaß beim Lesen zu haben.

Mohr: "Ich habe es extra so geschrieben, weil ich auch die Lebenseinstellung habe, dass man nicht alles so ernst nehmen sollte (lacht)"

Und so macht sich Mohr hemmungslos lustig über sich und seines Gleichen: den Mann, der irgendwo zwischen dem erste revolutionärem Sponti-Frühling, Marke WG-geprüft und dem zweitem Frühling knapp vorm Rentenloch - ersatzweise Hormonloch - steckt. Bei dem mittlerweile "die Beipackzettel der eingenommenen Medikamente deutlich länger (sind), als die antiimperialistischen Flugblätter von einst". Der sich nicht mehr fragt: "Wer bin ich, sondern immer öfter: wie sehe ich überhaupt aus?". Der erkennen muss, das jetzt die Anderen jung sind und "ihre Körper präsentieren, wie scharfe Waffen". Den Lärm zunehmend stört. Der plötzlich den "Spießer mit Schlafbedürfnis" in sich erkennt, den er doch gerade eben noch verachtet hat. Der den Ehrgeiz des älter Werdenden verspürt, jederzeit sportlich noch locker mit "dem 'jungen Gemüse'" mitzuhalten. Der sich trauernd ins Gedächtnis ruft, dass die schöne junge Frau, der er begehrlich hinterher schaut, seine Tochter sein könnte - kurz: der alle Zumutungen des Alterns erlebt.

Mohr: "Es ist kein Ratgeberbuch. Ich habe versucht, Phänomen des Älterwerdens zwischen 40 und 50 zu beschreiben und da ist viel Stoff drin für Zuspruch und Widerspruch."

Wohl wahr - und zwar sowohl als auch! Vieles an den beschriebenen Phänomen ist so alt wie das Altern selbst. Wieso, warum und - das vor allem - wie altert die Generation Z nun, gemäß der These des Autors - anders? Spezifisch? Unterscheidbar von den Generationen vor ihr? Dazu an dieser Stelle die kurze Klärung einer Definitionsfrage: Wofür steht das 'Z' in Generation Z?

Mohr: "Es könnte auch 'zappenduster' heißen. Ich habe mich aber auf mein erstes Buch von vor 11 Jahren bezogen: Zaungäste. Die Generation, die nach der Revolte kam. Z steht also für Zaungäste. Könnte aber auch für 'Zumutung'' stehen."

'Zaungäste' - so nennt Mohr Menschen der Alterskohorte zwischen den 68ern und 89ern. Und für die heute so um die 50Jährigen sei die nicht hinterfragbare, nicht anzweifelbare, nicht vermeidbare Tatsache, ältern zu werden aus mancherlei Gründen eine besondere, eine indiskutable Zumutung. Erstens - und zweitens und drittens: Altern passt schlicht nicht ins Konzept!

Mohr: "Bei uns, bzw. bei wir war das so, dass wir glaubten, wir wären 'forever young' und stellten dann irgendwann fest, das ist endgültig vorbei. Trotzdem muss man sich um mich keine Sorgen machen; ich hadere nicht mit meinem Schicksal." "Der Zeithorizont wird viel kleiner, dafür steigt aber auch das Gefühl für die Intensität der Augenblicks. Man muss und sollte mehr als früher im Augenblick leben. Wenn man früher das große Glück, die große Utopie, die große Erlösung, die große Vision gesucht hat, suche ich heute eher das kleine Glück, wenn schon das große nicht zu haben ist - aber das sofort."

Die Bezugsgröße 'kleines Glück', individuelles kleines Glück korrespondiert mit anderen Koordinaten des Endvierziger-Lebens: etablierter Beruf. Designerküche. Gern und häufig gepflegter Besuch beim Stamm-Edel-Italiener ("Essen ist der Sex des Alters"). Nicht mehr WG-Alltag ist angesagt sondern Dachwohnung mit Fußbodenheizung. Bedürfnisbefriedigung gemäß der "Utopie des Kommunismus im Einmannbetrieb". Hoppla - ist die in die Jahre gekommene Generation Zaungäste nichts Anderes als die berühmte 'Neue Mitte'?

Mohr: "Sicher. Man kann bösartig sagen, der erfolgreichere Teil der Generation Z ist mitten in der Neuen Mitte, mit all den Erfahrungen aus den 70er und 80er Jahren in unserer Gesellschaft angekommen."

Oh Schreck, befindet man sich da nicht auf einmal in bester geistig-politischer Gesellschaft der eigenen Eltern wieder? Haben die das nicht schon immer gewusst, dass das alles Käse ist, was die ehemals jungen Leute in den 70 und 80 Jahren an neuen Gesellschaftsformen, Moralvorstellungen, Beziehungsmustern, politischen Utopien seinerzeit vehement verteidigt haben?

Mohr: "Viele Dinge, die uns unsere Eltern vorgehalten haben - Anarchie ist doch gar nicht machbar! - da hatten die Recht. Aber sie hatten auch in vielen Dingen unrecht. Gott sei Dank hatten wir 68, denn was vorher gesellschaftlich in Deutschland passiert ist, war wirklich hinter dem Mond. In sofern ist immer der Weg auch wichtig, selbst wenn das Ziel verfehlt wird. Das ist auch ein Phänomen des Älterwerdens: Ich kann nicht dauernd sagen: Ich bin resigniert. Ich habe auch nicht das moralische schlechte Gewissen, dass ich nichts tue für den Fortgang der Welt."

Auch das ein Phänomen des Älterwerdens der Generation Z: Man befreit sich - weitgehend ungestraft - ein gutes Stück von den Zwängen der 'political correctness', des politisch korrekten Redens und Handelns, auch im Privaten. In sofern - und nicht nur in sofern - ist für Reinhard Mohr der Prototyp der Generation Z. der Fernsehunterhalter Harald Schmidt.

Mohr: "Harald Schmidt hat dieses zynische Bewusstsein, was viele von uns haben: resigniert, gleichzeitig doch noch voller Lebensenergie, scharfer Beobachter, der nicht mehr mit dem ideologischen Besteck von früher rangehen kann an Probleme, sondern mit dem unbarmherzigen Blick auf Widersprüche und Peinlichkeiten von heute. Er ist wirklich ein Zaungast, der scharf beobachtet, kommentiert, sich selber aber nicht einmischt."

Auf wen diese Charakterisierung nur annähernd zutrifft oder wer zumindest Harald Schmidt kennt und schätzt - dem sei das Buch wärmstens empfohlen.
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