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28.9.2003
Mir selber seltsam fremd
Die Unmenschlichkeit des Krieges - Russland 1941–44
Willy Peter Reese

Herausgegeben von Stefan Schmitz

Rezensiert von Michael Groth

"Das Schreiben ist für ihn Flucht vor dem Kriegsalltag und Verarbeitung der Erlebnisse zugleich", schreibt der Herausgeber der Notizen Reeses, der Journalist Stefan Schmitz.

Im Spätsommer 1941 begegnet der 20 Jahre alte Duisburger auf dem Weg zur Front in Russland zum ersten Mal dem Krieg:

"Septembersonne lag auf dem Bahnsteig der kleinen Stadt. Auf dem anderen Ufer des Flusses begann das russische Reich... Ich setzte mich auf einen Stapel Bretter, fühlte müde die warme Sonne und sah russischen Kriegsgefangenen bei ihrer Arbeit zu. Bärtige Gesichter, ungepflegte Haare, leere Augen und zerrissene Uniformen schufen ein Bild heimatloser Traurigkeit. Jede Bewegung geschah träge widerwillig, und die Wächter fluchten, schlugen sie mit Stöcken und den Kolben ihrer Gewehre. Ich fühlte keinen Zorn über die Misshandlung der Wehrlosen und kein Mitleid mit ihnen. Ich sah nur ihre Faulheit und ihren Trotz; ich wusste noch nicht, dass sie hungerten."

Im Verlauf des Krieges lernt Reese fast jeden wichtigen Frontabschnitt kennen. Ein Szenarium aus Gewalt, Tod, und Furcht:

"Unsere Decken und Mäntel wurden feucht und klamm, mit Lehmbrocken durchsetzt, und die nassen Stiefel ließen sich nicht mehr von den geschwollenen und entzündeten Füßen ziehn. Hauteiterungen entstanden vom Schmutz und den Läusen. Aber wir marschierten, stolpernd, taumelnd, schoben die Karren aus dem Schlamm und schritten stumpf unter Regengüssen, nassem Schnee und flüchtigen Nachtfrösten weiter."

In den immer selteneren Perioden hinreichender Versorgung steigt die Stimmung:

"Die Köche schlachteten Rinder und Schweine unterwegs und requirierten Erbsen, Bohnen und Gurken überall. Aber die Mittagssuppe genügte bei diesen Strapazen nicht. So nahmen wir den Frauen und Kindern das letzte Stück Brot, ließen uns Hühner und Gänse zubereiten, steckten ihre geringen Vorräte an Butter und Schmalz zu uns, beluden unsre Fahrzeuge mit Speckseiten und Mehl aus den Vorratsbunkern, tranken die überfette Milch und kochten und brieten in ihren Öfen, Honig raubten wir in den Kollektivhöfen, Eier fanden wir immer wieder, und Tränen, Flehen und Flüche störten uns nicht. Wir waren die Sieger, der Krieg entschuldigte den Raub, forderte die Grausamkeit, und der Selbsterhaltungstrieb befragte das Gewissen nicht. Frauen und Kinder mussten uns Wasser holen, die Pferde tränken, das Feuer bewachen und Kartoffeln schälen. Ihr Stroh verschwendeten wir für unsere Pferde und unser Nachtlager, vertrieben sie von ihren Betten und schliefen auf ihren Öfen."

Trotz der Versuche des Herausgebers, die russischen Wege Reeses mit ausführlichen Anmerkungen in das Gesamtbild des Russlandfeldzuges einzubetten, bleiben Unklarheiten. Manche Passagen wirken vorläufig. Überraschen kann dies nicht. Die an der Front verfassten Notizen entstanden zum Teil in der Nacht, zum Teil neben der Tagesroutine.

"Kampf, Gefahr und Todesnähe schienen uns wie ein Traum von der Unzulänglichkeit des Krieges Es war nicht erschütternd und mitreißend genug, und doch grinste uns überall das Grauen an. Wir wussten nicht, ob wir eine Materialschlacht erhofft hatten, ob der schnelle Sieg uns beleidigte, oder ob ein geheimes Entsetzen uns sagte, es wäre besser für uns, wenn wir gefallen oder verwundet wären. Nicht die Schlacht machte ds Leiden aus, sondern die Grausamkeit der Kälte, das hilflose Wartenmüssen. Erst wie in einem Erwachen wurde uns dann das Grässliche bewusst: das Töten müssen und das Sterben umher."

Reese hat sein Manuskript bei Aufenthalten in Lazaretten oder während der kurzen Heimaturlaube fertiggestellt.

Herausgekommen ist weder ein Tagebuch, noch ein sogenannter "Tatsachenbericht". Herausgekommen ist ein persönliches Bekenntnis, formuliert in größtmöglicher Not und Schrecken:

"Zwischen den Gefallenen hielten wir Wacht. Die Vollmondsfratze starrte auf die Leichen im Schnee. Verzerrte Gesichter, gestillte Züge, glanzlos aufgerissene Augen, zerschmetterte Schädeln, aufgeschlitzte Bäuche, verspritztes Blut und Gehirn erschienen im Morgengrauen. Wie Totenmasken gingen wir um."

Die Jahre in Russland sind Jahre voller Gefahr und Entbehrungen. Reese fühlt sich unter Druck. Zu viele Gedanken, die es zu Papier zu bringen gilt, zuwenig Zeit. Aus einem umfangreichen, von einer Cousine gesicherten Nachlass zitiert Herausgeber Schmitz auch regimekritische Bemerkungen Reeses. An Desertion denkt der junge Soldat indes offenkundig nicht.

Reese wird 1944 in der Heeresgruppe Mitte eingesetzt. Hitlers Befehl lautete, den Sturm der Roten Armee nach Westen aufzuhalten. Etwa 350.000 Soldaten werden getötet, vermisst, oder geraten in Gefangenschaft: mehr als in Stalingrad. Wenige Wochen, nachdem die Alliierten in Frankreich landen, stirbt Reese an der Ostfront. Ort und genauer Zeitpunkt sind nicht bekannt.

Der Alltag wird kaum noch bewusst wahrgenommen. Reeses letzter Brief an die Eltern mit Datum 21.Juni 1944 schließt mit Optimismus: das Ende komme Schlag auf Schlag, ein schneller Zug werde ihn demnächst nach Hause bringen.

Das Schicksal wollte es anders.

Das Buch schildert, in den Worten des Herausgebers, "das Leid derjenigen, die losgeschickt wurden, um anderen Leid zuzufügen".

Willy Reese wäre heute so alt wie mein Vater. Auch mein Vater nahm am Russlandfeldzug teil. Darüber gesprochen hat er nie: typisch vielleicht für viele Familien in Deutschland. Verstehen bedeutet weder entschuldigen noch gutheißen. Ohne Verständnis aber bleibt ein Fragezeichen zwischen der Generation der Kriegsteilnehmer und ihren Nachkommen. Das vorliegende Buch macht dieses Fragezeichen etwas kleiner.
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