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5.10.2003
Helmut Schmidt
Ein Leben für den Frieden
Michael Schwelien

Michael Schwelien: Helmut Schmidt - Ein Leben für den Frieden
Michael Schwelien: Helmut Schmidt - Ein Leben für den Frieden
Rezensiert von Helmut Hohrmann

Was haben der ehemalige sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt und der letzte Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Michail Gorbatschow, gemeinsam? Beide - so der ZEIT-Journalist Michael Schwelien - haben politische Veränderungen von "epochalem Ausmaß" eingeleitet und "diese lange gegen alle Widerstände vorangetrieben", aber beide sind aus dem Amt getrieben worden, "bevor sie die Früchte ihrer Politik genießen konnten."

Diese Früchte namens Abrüstung, Ende des Ost-West-Konfliktes und Wiedervereinigung Europas fielen zu Beginn der 90er Jahre Schmidts Nachfolger im Kanzleramt, Helmut Kohl, und Gorbatschows Nachfolger, Boris Jelzin, gewissermaßen in den Schoß, ohne dass die mühseligen Vorarbeiten dazu von der Bevölkerung und den Geschichtsschreibern recht gewürdigt wurden.

In seinem sehr persönlich gefärbten biografischen Essay über Helmut Schmidts "Leben für den Frieden" outet sich Schwelien ganz unverblümt als jüngerer Zeitgenosse, der dem Nachfolger Willy Brandts im Amt des Bundeskanzlers zunächst höchst skeptisch gegenübergestanden habe. Wegen dessen hochnäsiger Antipathie gegen die studentische Protestbewegung der späten 60er und frühen 70er Jahre, vor allem aber wegen Schmidts zielstrebigen Eintretens für eine westliche Nachrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen, um die sowjetische Vorrüstung im Bereich dieser Waffen zu stoppen oder gar rückgängig zu machen. Als damaliges Mitglied des Sozialistischen Büros und als Anhänger der Friedensbewegung stand der Autor lange in Opposition zu Schmidt.

Weil Schwelien jedoch als ZEIT-Redakteur mit dem zum ZEIT-Herausgeber avancierten Altbundeskanzler seit 1984 wöchentlichen Kontakt und viele intensive Gespräche gehabt hat, ist sein Buch inzwischen von einem vertieften Verständnis für die politische Lebensleistung des bald 85jährigen Hamburgers geprägt, ein Verständnis freilich, das bisweilen schon in Verehrung übergeht. So heißt es bei Schwelien noch ehe er seine 360seitige biografische Skizze Helmut Schmidts überhaupt begonnen hat, schon auf Seite 17:

"Er war der fähigste und intelligenteste Kanzler, den die Bundesrepublik Deutschland je hatte. Dass große Teile seiner eigenen Partei in der bedeutendsten außenpolitischen Entscheidung seiner Amtszeit, den erwähnten Nato-Doppelbeschluss, nicht hinter ihm standen, schmerzte ihn, es lag aber auch an ihm selbst. Die Kehrseite von Schmidts ungeheurer Auffassungsgabe ist die Ungeduld, die Kehrseite seines Pflichtbewusstseins die Arroganz."

Michael Schwelien portraitiert Helmut Schmidt vorwiegend in journalistischer Manier. Das hat den großen Vorteil, dass sich sein Buch flüssig lesen lässt und nicht so trocken und faktenlastig daherkommt wie die jetzt ebenfalls erschienene, auf zwei, fast tausendseitige Bände angelegte Schmidt-Biografie des Heidelberger Historikers Hartmut Soell. Dabei kommt dann allerdings auch manches zu kurz, was bei Soell zur Not noch nachzuschlagen wäre. So etwa die konsequente Arbeit des hamburgischen Bundestagsabgeordneten seit 1953 in Bonn, zunächst als einflussreicher Verkehrsexperte, dann sehr bald als strategisch denkender sozialdemokratischer Sicherheitspolitiker, der dann - nach kurzer aber ruhmreicher Amtszeit als Hamburger Innensenator und Flutkatastrophenmanager - als SPD-Fraktionsvorsitzender in den Zeiten der Großen Koalition rhetorisch fast alle im Bundestag in den Schatten stellt.

Schwelien geht es nicht so sehr um chronologische Abläufe und Vollständigkeit. In seiner Würdigung des zweiten sozialdemokratischen Bundeskanzlers springt er wiederholt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück, nicht nur um Kontinuität und kleinere Brüche in Helmut Schmidts nach wie vor einflussreichem politischen Denken darzustellen, sondern auch, um Schmidts sozialdemokratische Nachfahren, Lafontaine, Scharping und Schröder sehr kurz und meistens verletzend daran zu messen. Denn an das politische Lebenswerk seines Helden reichen die natürlich nicht annähernd heran.

Besonders angetan ist Schwelien zurecht von der beharrlichen und - wie sich erst später herausstellen sollte - der geradezu visionären euroapolitischen Arbeit des Kanzlers Schmidt, der in engstem Einvernehmen mit dem damaligen französischen Präsidenten Valery Giscard d´Estaing die Grundsteine für eine gemeinsame europäische Währung legte.

"Es war das erste Mal, daß ein Deutscher auf dem europäischen Parkett selbstbewusst auftrat, sich nicht ängstlich England und Frankreich unterordnete und zugleich ein angemessenes Verhältnis zu Amerika fand...Schmidt unternahm im Herbst 1973 bereits die ersten Schritte in Richtung einer neuen Währungsordnung, die zum Beginn des Jahres 2002 in der Einführung des Euros gipfeln würde. Er führte einen Block von EG-Staaten an, die ihre Währungen gemeinsam floaten ließen - dies auch ein erster Versuch, das Brüsseler Prinzip der Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen zu ersetzen...Doch für die beharrliche Schaffung einer neuen Währung wird niemandem ein Denkmal gesetzt."

Denkmäler für Helmut Schmidt, der ja im Herbst 1982 nach knapp achtjähriger Amtszeit als bislang einziger Bundeskanzler mit einem konstruktiven Misstrauensvotum von CDU/CSU und FDP abgewählt wurde - sie versucht Michael Schwelien in seinem Buch gleich an mehreren Stellen anzuregen. Mit einem äußerst packenden Kapitel etwa über die Entstehung des deutschen Linksterrorismus und die auch in den dramatischsten Situationen besonnene Krisenbewältigung durch Kanzler Schmidt. Und mit den Kapiteln über den fast einsamen Kampf des pragmatischen, unideologischen Sozialdemokraten für eine angemessene soziale und ökonomische Reaktion der Deutschen auf die schon in den 70er Jahren sichtbaren Herausforderungen der Globalisierung und schließlich: für eine Fortsetzung der west-östlichen Entspannungspolitik in den Zeiten eines fast unbremsbaren Rüstungswettlaufs. An beiden Projekten ist Schmidt nach Schweliens Darstellung wohl als Kanzler nicht aber als Politiker gescheitert, weil er mit beiden Projekten auf der politisch letztendlich richtigen Spur war.

"Die Verwirklichung seines Friedensziels hatte Schmidt über sein Amt gestellt. Er war damit der einzige deutsche Bundeskanzler, der nicht im entscheidenden Moment populären Reflexen nachgab, sondern für den Frieden, so wie er ihn erkämpfen wollte, unterging."
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