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12.10.2003
Reading Lolita in Tehran
A Memoir in Books
Azar Nafisi

Azar Nafisi: Reading Lolita in Tehran (Bild: Random House Trade)
Azar Nafisi: Reading Lolita in Tehran (Bild: Random House Trade)
Verlag Random House, New York (in englischer Sprache)

Rezensiert von Mariam Lau

Im Sommer 1979 ging Azar Nafisi nach siebzehn Jahren zurück in den Iran. Es war das Jahr der islamischen Revolution, und zahlreiche andere linke Intellektuelle, darunter auch mein Vater, hatten ihre Zelte im Ausland abgebrochen und waren mit großen Hoffnungen in Teheran gelandet. Nicht wenige von ihnen hegten wohl insgeheim die Vorstellung, die Mullahs würden ihnen die Mühen des Umsturzes abnehmen und dann so freundlich sein, ihnen die Regierungsgeschäfte in die Hand zu drücken - was sie bekanntlich nicht getan haben.

Nafisi, eine Literaturwissenschaftlerin - die ihre Erinnerungen an das, was nach ihrer Heimkehr geschah, jetzt in ihrem Buch "Reading Lolita in Tehran" publik macht - hatte sich politisch nie vollen Herzens bekennen können. Zwar war auch sie an ihrem College in Oklahoma Mitglied maoistischer iranischer Studentenverbindungen gewesen. Gleichzeitig hatte sie aber mit größter Begeisterung genau die Literatur gelesen, die ihre Genossen als Ausbund an bürgerlicher Dekadenz betrachteten: T.S. Eliot, F. Scott Fitzgerald, John Dos Passos. Und immer hatte sie Sehnsucht nach Persien gehabt. Von Granatäpfeln und Flüssen und Gärten wie in Isfahan geträumt.

Von dem Moment an, als sie in Teheran aus dem Flugzeug stieg, fand sie das Land verändert. Der Flughafen, den sie aus ihrer Jugend als einen hellen, kosmopolitischen Ort kannte, mit hübschen Frauen in eleganten Kleidern auf den Terrassen eines anspruchsvollen Restaurants, stand plötzlich als graue Betonfassade da, auf deren Wänden sich nur ein riesiges Konterfei des bärtigen Führers und die schwarzroten Slogans fanden: "Tod Amerika und dem Zionismus!" Frauen huschten als tief verschleierte Trauervögel durch die Strassen.

"Als ich aufwuchs, in den sechziger Jahren", erinnert sich Nafisi, Tochter des ehemaligen Teheraner Bürgermeisters, "da gab es nicht sehr viele Unterschiede zwischen meinen Rechten und den Rechten von Frauen in westlichen Demokratien. Aber damals war es auch nicht Mode, zu glauben, dass unsere Kultur sich irgendwie nicht vereinbaren lässt mit moderner Demokratie, dass es westliche und islamische Versionen von Menschenrechten gibt, oder gar den Mythos von einem 'islamischen Feminismus'. Deshalb unterstützten wir die Revolution - wir wollten mehr Freiheiten, nicht weniger."

Nafisi heuerte an der Teheraner Universität an und las mit ihren Studenten Nabokov, Austen oder James, mit den erstaunlichsten Ergebnissen. Unter anderem stellte sich heraus, dass das Regime gerade diese Autoren - und nicht diejenigen, die im Westen früher verboten waren, wie Joyce oder Miller - für gefährlich hielt.

"Es ist nicht Profanität, die sie stört, sondern die Präsentation von individueller Würde. Aus der Perspektive von Islamisten und totalitären Regierungen ist genau das absolut bedrohlich: In Romanen trifft man auf Leute, die sagen: wir tun, was wir für richtig halten, wir tun das, was sich für uns richtig anfühlt. Die wichtigste Lektion, die wir von der islamischen Revolution gelernt haben und die sich in allen Romanen Nabokovs wiederfindet, ist, dass Freiheit gar nichts bedeutet, wenn nicht zuallererst das Individuum die Chance hat, sich zu verwirklichen. Meine Generation hat das nicht verstanden, weil wir diese Freiheit hatten. Die Generation meiner Tochter ist dafür ins Gefängnis gegangen, dass sie Lippenstift auf der Strasse trugen, oder ausgepeitscht wurden, wenn sie mit dem Mann, in den sie verliebt waren, Händchen hielten."

Der Roman als genuin bürgerliche, demokratische Kunstform der Mehrstimmigkeit provozierte einige ihrer islamischen Studenten so sehr, dass sie im Unterricht ein fiktives Gerichtsverfahren gegen Fitzgeralds "Gatsby" einleiteten.

Einige ihrer Studentinnen aber, die im Unterricht aus Angst den Mund gehalten hatten, trafen sich mit Nafisi zu einem geheimen Donnerstags-Leseclub. Aus den schwarz verschleierten, verstohlen in ihr Haus huschenden Unberührbaren wurden bei frischem Kaffee und Gebäck junge Frauen mit Locken und Jeans, mit strengen kurzen Haaren, bunten Kleidern und Fingernägeln, sogar eine Blondine kam zum Vorschein - Individuen eben, die in Nabokovs "Lolita" eine Schicksalsgefährtin sahen, die wie sie das Pech hat, der Fiktion eines anderen unterworfen zu werden. Als das Heiratsalter offiziell von achtzehn auf neun herabgesetzt, als der Schleierzwang eingeführt, als immer mehr Fünfzehnjährige ins Gefängnis geworfen wurden, weil zu viele Haarsträhnen hervorsahen, da fühlten sich vor allem die Religiösen unter Nafisis Studentinnen verraten.

"Die Revolution", so glaubt sie, "hat den Menschen die Glaubensfreiheit weggenommen, die Religion politisiert. Eine meiner Studentinnen hatte unter dem Schah ihren Schleier als Ausdruck ihrer religiösen Prinzipien getragen; dass sie nun dazu gezwungen war, hat ihn zu einem politischen statt einem religiösen Symbol gemacht. Meine Großmutter war ihr ganzes Leben lang verschleiert. Heute, wo die Moralwächter in ihren weißen Toyotas durch die Strassen fahren und Frauen auspeitschen, die sich nicht verschleiern lassen, weint sie immer wieder am Telefon und sagt: Das ist nicht der Islam. Ich ärgere mich immer über diese Leute im Westen, die sagen, das sei unsere Kultur - als wenn Frauen gern zu Tode gesteinigt oder das Lachen auf der Strasse verboten bekommen würden."

Viele muslimische Intellektuelle fingen in den achtziger Jahren an, Hannah Arendt oder Karl Popper zu lesen, weil sie mit der eigenen Tradition in eine Sackgasse geraten waren. Es war diese Bewegung, die den Reformer Khatami an die Macht brachte - und sie sitzen heute im Gefängnis, ihre Zeitungen sind verboten. Auch so eine Fehleinschätzung des Westens. Nafisi hat den Iran 1997 wieder verlassen. Heute unterrichtet sie an der Johns Hopkins Universität in Washington, wo sie auf einer Website aktuelle Ereignisse im Nahen Osten debattiert. Was hat die islamische Republik ihr gegeben? "Die Liebe zu Austen und James und Eiscreme und Freiheit".
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