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19.10.2003
Die Gangster aus dem Osten
Neue Wege der Kriminalität
Jürgen Roth

Jürgen Roth: Die Gangster aus dem Osten (Bild: Europa-Verlag)
Jürgen Roth: Die Gangster aus dem Osten (Bild: Europa-Verlag)
Rezensiert von Udo Ulfkotte

"Ich erkläre in voller Verantwortung, dass es keine russische Mafia im Ausland gibt. Es ist ein Mythos."

So Wladimir Gordijenko, Chef der Abteilung für Kriminalitätsbekämpfung in Moskau. Er vertritt erstaunlicherweise die gleiche Auffassung wie das Bundeskriminalamt. Auch dort glaubte man bislang, dass es eine organisierte Russen-Mafia in Deutschland gar nicht gibt. Wer das Buch "Die Gangster aus dem Osten - Neue Wege der Kriminalität" liest, der wird jedoch eines Besseren belehrt. Roth dokumentiert anhand zahlreicher Fälle, wie straff organisierte Mafia-Banden aus Russland ihre Strukturen in Deutschland aufgebaut haben. Die geplante Osterweiterung wird der Europäischen Union vor diesem Hintergrund wohl nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch massive Probleme bescheren. Das ist eine der zentralen Thesen des Buches. Immerhin sind nach Angaben von Roth in Deutschland schon mehr als 600 Firmen von russischen Kartellen gegründet worden. Auf 280 Seiten hat der Autor eine beeindruckende Fülle an Fakten und neuen Erkenntnissen dazu zusammengetragen. Experten wie Hermann Lutz, Präsident der Europäischen Polizeigewerkschaften, zeigen sich von der Arbeit sehr angetan. Lutz über das Buch:

"Wenn es Jürgen Roth in diesem Buch gelungen ist, Ausmaß und Qualität der Organisierten Kriminalität aus dem Dunkeln in unser aller Leben zu bringen, wie schockierend muss dann erst die Realität aussehen? Mehr als Jürgen Roth kann man wahrlich nicht tun, um wachzurütteln."

Vor Jahren schon hatte das Bundeskriminalamt in einer unter Verschluss gehaltenen theoretischen Studie erarbeiten lassen, wie sich die russische Organisierte Kriminalität zukünftig in Deutschland entwickeln könnte. Eine der Kernaussagen: Kriminelle russische Gruppen könnten die in Deutschland lebenden Migranten für ihre Zwecke zu gewinnen suchen. Die Realität hat die Studie längst überholt. In den Gefängnissen von Bremen bis Heilbronn haben die einsitzenden Häftlinge aus dem Osten nicht nur die Herrschaft in der Gefängnishierarchie übernommen, sondern auch die traditionellen Verhaltensregeln der Russen-Mafia.

Roth: "Die Kernpunkte der Regeln sind einfach, aber wirkungsvoll. Dazu gehören: keine Zusammenarbeit mit Polizei und Beamten des Jugendknasts, keine Aussagen bei der Polizei, absolute Verschwiegenheit, was auch für Opfer und Zeugen gilt. Verboten ist das Begrüßen von JVA-Bediensteten und Polizei. (…) Die deutschrussischen Neuzugänge werden innerhalb kürzester Zeit mit diesen Regeln vertraut gemacht und unterliegen einem Kontrollsystem, mit dem Fragen zu ihrer Person und den Straftaten überprüft werden."

Neben Geldwäsche, Prostitution und Rauschgifthandel ist es vor allem der Wachstumsmarkt Schutzgelderpressung, an dem die Russen-Mafia in Deutschland kräftig mitverdient. Niemand redet darüber, weil alle Angst haben und die Polizei in der Regel wenig machen kann. Eine Form dieser Schutzgelderpressung sind sonderbare Inkasso-Büros der "Russen-Mafia". Roth beschreibt eines der Unternehmen, das für 1000 Dollar etwa Folgendes anbietet:

"Wenn die Außenstände immer noch nicht beglichen wurden, müssen wir wohl etwas deutlicher werden. Beispiel: Der Schuldner und seine Familie werden privat aufgesucht … mal ein nettes Wort mit den Eltern, dem Bruder, der Schwester, den Kindern. Da schleicht hier oder dort mal eine Person um das Haus oder die Firma."

Das Buch beschreibt nicht nur in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Erpressungen und Entführungen. Es warnt vor allem vor dem Fall der EU-Grenzen, die heute noch einen Teil dieser kriminellen Syndikate in ihrem Ausbreitungsdrang bremsen können. Europa ohne Grenzen zu den östlichen Nachbarstaaten, das ist für Roth ein Eldorado für grenzenlos operierende Verbrecherbanden. Seine Empfehlung an die Behörden:

"Es ist illusorisch zu glauben, dass die deutschen oder österreichischen Sicherheitsbehörden dagegen gewappnet sind. Ehrlicherweise sollte man deshalb Delikte wie Drogen-, Waffen-, Menschenhandel, Betrug und Korruption einfach legalisieren. Das ersparte viel Ärger und noch mehr Kosten."

Mafia-Fachmann Roth schildert zudem dubiose Verbindungen - auch über den russischen Präsidenten Putin gibt es brisante Details. In Deutschland ist die Tambow-Mafia im Zusammenhang mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Darmstadt gegen die Aktiengesellschaft "St. Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG" (SPAG) im hessischen Mörfelden bekannt geworden. Das an der Frankfurter Börse notierte Unternehmen steht im Verdacht, in international organisierte Geldwäsche-Geschäfte verwickelt zu sein. Besonders pikant: der heutige russische Präsident Wladimir Putin gehörte bis zum Jahre 2000 dem Beirat der SPAG an. Unter Leitung des Bundeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft Darmstadt durchsuchten mehr als 200 Beamte bundesweit 27 Firmen und Wohnungen - auch die Zentrale der Aktiengesellschaft SPAG.

Roth geht bei seinen Ausführungen zur Russen-Mafia zwar nicht so weit, bezogen auf Deutschland von einem "gekaperten Staat" zu sprechen. Er fordert uns jedoch dazu auf, eine sich abzeichnende Gefahr endlich ernst zu nehmen. Denn Mitarbeiter der Russen-Mafia haben in Deutschland weiterhin eher wenig zu befürchten. Weil Innenminister Schily in Moskau ein Dokument unterzeichnete, wonach künftig Ermittlungsergebnisse des Bundeskriminalamts direkt an die Moskauer Miliz weitergegeben werden, ist auch die Russen-Mafia stets über deutsche Ermittlungen bestens unterrichtet. Dazu heißt es in dem Buch:

"Nun darf die Mafia in Russland beziehungsweise deren Dach, der Kreml, direkt von den Erkenntnissen des BKA partizipieren."

Man spürt auf jeder Seite, dass sich der Autor über viele Jahre in das brisante Thema eingearbeitet hat. Sein Stil, Zeugen sprechen zu lassen, Quellen miteinander zu vergleichen und immer wieder nachzuhaken, ist beeindruckend. Gepaart mit der Fähigkeit, Fakten miteinander zu verknüpfen, ist hier ein Buch entstanden, dass in keinem Bücherschrank fehlen sollte. Auch im Bundeskriminalamt dürfte man es inzwischen mit großem Gewinn gelesen haben.
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