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26.10.2003
Für die Freiheit eine Gasse
Aus dem Leben eines liberalen Bürgers
Barthold C. Witte

Barthold C. Witte Für die Freiheit eine Gasse - Aus dem Leben eines liberalen Bürgers (Bild: Hohenheim Verlag, Stuttgart-Leipzig 2003)
Barthold C. Witte Für die Freiheit eine Gasse - Aus dem Leben eines liberalen Bürgers (Bild: Hohenheim Verlag, Stuttgart-Leipzig 2003)
Rezensiert von Jochen Thies

Barthold C. Witte, der frühere Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, hat ein munteres Buch geschrieben. Es sind die Erinnerungen eines windungsreichen Lebensweges, wie er es an einer Stelle formuliert. Sensationelle Enthüllungen darf man von dem Pfarrersohn, der zunächst als
Geschäftsführer der Friedrich-Naumann-Stiftung amtierte, ehe er als Seiteneinsteiger in den Auswärtigen Dienst wechselte, nicht erwarten. Das Interessante an dem Buch ist vielmehr das Normale, die Beschreibung eines Lebensweges der Falkhelfergeneration in der Bonner Republik.

Besonders gut gelingt Witte die Beschreibung der Jugendjahre im Westen Deutschlands. Witte sagt über seinen Jahrgang 1928, dass er einerseits ein intaktes Elternhaus hatte, andererseits einen intakten Führerglauben bis zuletzt. Witte hat nach dem Krieg das Glück, als Student bald ins Ausland zu kommen, Netzwerke zu knüpfen, die ihn dann auch bald in die Politik führen. Bei der Liberalen Hochschulgruppe in Mainz, die er mitbegründet, lernt er den Übervater Theodor Heuß kennen und
bewegt sich in einer Kerngruppe, in der sich mit Karl-Hermann Flach und anderen bereits die Köpfe der kommenden FDP befinden. In wechselnden Bündnissen - so kann man sagen - macht Witte nach und nach Karriere und wird gleichzeitig ein intimer Kenner des deutschen Kulturbetriebes. Über Hans-Dietrich Genscher, seinen Förderer, schreibt er:

Genscher war kein einfacher, vielmehr ein fordernder, überaus anspruchsvoller Chef, der, wenn ihm etwas nicht passte, unüberhörbar seinem Unmut Luft machte. Wer mit ihm näher zu tun hatte, musste überdies mit seinem Elefantengedächtnis rechnen, in dem, je länger er amtierte, auch das gespeichert war, was der zuständige Beamte noch nie vernommen oder schon vergessen hatte. Seine Donnerwetter waren gefürchtet und gingen gelegentlich auch auf den Falschen hernieder. Doch wussten die, welche eng mit ihm zusammenarbeiteten, stets, dass er nach dem Donnerwetter
eine neue Chance geben würde, ja noch mehr, dass er treu war.


Als stellvertretendem Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt fällt dem Schöngeist Witte eine undankbare Aufgabe zu:

Über den Planungsstab, genauer über meinen Schreibtisch, liefen alle Berichte des
Bundesnachrichtendienstes, die für das Auswärtige Amt bestimmt waren. Ihr hoher Geheimhaltungsgrad war manchmal richtig, in anderen Fällen aber nur Verdeckung eines auch
sonst bekannten Sachverhalts: Alle Behörden, auch die geheimsten, kochen am Ende nur mit Wasser. Die Pullacher geheime Behörde, für welche lange Zeit der Name ihres Chefs, des Exgenerals Reinhard Gehlen, als Synonym galt, war mir freilich nicht fremd. Als ich das Netz der Auslandsvorhaben der Friedrich-Naumann-Stiftung ausbaute, teilten mir einige in ferne Länder entsandte Mitarbeiter höchst vertraulich mit, sie seien von einem Korrespondenten des BND angesprochen worden mit dem Wunsch, ihm ihre Erfahrungen und Informationen einschließlich ihrer Monatsberichte an die Godesberger Zentrale mitzuteilen. Ich wandte mich sogleich an einen Freund aus LSD-Tagen, von dem ich wusste, dass er hauptamtlich für Pullach tätig war, und schlug ihm vor, der BND solle meine Mitarbeiter in Ruhe lassen, um ihre Arbeit nicht zu gefährden, und könne sich bei Bedarf direkt an mich wenden. So geschah es.


Witte legt seine Zurückhaltung ab, als es um die Charakterisierung von Hildegard Hamm-Brücher geht, die 1976 Staatsministerin im Auswärtigen Amt wurde. Sie galt als schwierige Chefin. Und
da ihr Genscher nur die Pflichtreisen in die Dritte Welt überlies, hielt Hildegard Hamm-Brücher nach anderen Feldern Ausschau, auf denen sie sich profilieren konnte. Zusammen mit dem beamteten Staatssekretär Peter Hermes entdeckte sie als Wirkungsgebiet - die auswärtige Kulturpolitik. Barthold C. Witte zu den Folgen:

Genscher, seiner Maxime der zwei Wege getreu, ließ beide gewähren, sich öfter streiten und den Streit auf uns abladen. Ich fand mich als Parteifreund und Bewunderer von Hildegard amm-Brücher bald in einer besonders ungemütlichen Situation. Sie zitierte mich nach Wohlgefallen und hatte stets ein neues Projekt im Sinn. Sagte ich mit Blick auf die Kassenlage Nein, war ich ein phantasieloser Bürokrat. Sagte ich Ja, musste anderswo Geld weggenommen werden. Also entzog ich mich ihr so weit wie möglich. Später erzählte mir Genscher mit lächelndem Vergnügen, Frau Hamm-Brücher habe von ihm mindestens fünfmal meine Abberufung verlangt, die er natürlich verweigerte. Trotzdem hat Hildegard Hamm-Brücher viel bewirkt, um die auswärtige Kulturpolitik aus dem tiefen Loch herauszubringen, in das sie geraten war. Sie war immer ein Darling der Presse gewesen und nutzte, solange sie - sechs Jahre lang - als politische Vertreterin der auswärtigen
Kulturpolitik wirkte, ihre glänzenden Kontakte zu den gesendeten und geschriebenen Medien für eine zugkräftige Kombination von Selbstdarstellung und Sachinformation.


In einem fiktiven Gespräch mit seiner Frau fällt am Ende des Buches die Frage, ob Witte im Leben die Wirkung erzielt habe, die er sich vorgenommen hatte. Seine Antwort: "Der Geist weht, wo er will".
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