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2.11.2003
Putin und das neue Russland
Viktor Timtschenko

Viktor Timtschenko: Putin und das neue Russland (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Viktor Timtschenko: Putin und das neue Russland (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag, München 2003

Rezensiert von Ernst Rommeney

Als klug, nüchtern, sportlich und populär charakterisiert Viktor Timtschenko seinen Altersgenossen. Das ein künftiger Präsident Russlands cleverer sein werde als der polternde Boris Jelzin, habe er vorausgesehen. Doch ihm bleibt bis heute ein Rätsel, wie der unbekannte Kreml-Mitarbeiter Wladimir Putin an die Spitze der Macht gelang. Wahrscheinlich habe er Jelzin, dessen Familie und Fördererkreis versprochen, sie strafrechtlich zu schonen.

Timtschenko: "Ich kenne Herrn Putin persönlich nicht und aus seiner Umgebung habe ich mit keinem Menschen gesprochen."

Der Journalist also lässt nicht Insider sprechen. Er muss beobachten, auswerten, folgern und im Zweifel rätseln wie auch andere seiner Zunft.

Timtschenko: "Meine Absicht war die Analyse und für die Analyse habe ich genug Fakten in offenen Quellen gefunden."

So entdeckte er in dem öffentlichen Putin, der Mitte 1999 Premier und zur Jahrtausendwende Präsident wurde, einen Politiker, der raffiniert wie ein Judo-Kämpfer vorgeht, der seine sportliche Neigung zu einer Lebensphilosophie ausgebaut hat.

Timtschenko: "Er ist ein politischer Pragmatiker. Und so, wie ich es beobachte, kann ich sagen, dass alles, was er angekündigt hat, hat er auch durchgeführt. Das heißt, in seinem Sinne hält er immer sein Wort."

Er habe sich - bislang erfolgreich - vorgenommen, den Reformstau der Jelzin-Jahre aufzulösen und das gedemütigte Volk der Russen wieder aufzurichten. Zuallererst suchte er sich eine neue Mannschaft, vorzugsweise aus Politikern unter 50 Jahren, gut ausgebildet, auslandserfahren - kurz professionell, aber ohne Parteikarriere und nicht korrupt.

Timtschenko: "Es kommen viele Leute vom KGB und es kommen viele Leute von der Leningrader bzw. St. Petersburger Verwaltung. Das sind zwei Stationen in Putins Leben. Und er hatte nur dort Leute, denen er vertrauen kann."

Die neureichen Industriellen verdrängte Wladimir Putin aus dem Zentrum der Macht. Zuletzt erteilte er dem nunmehr festgenommenen Chef des Ölkonzerns Yukos seine Lektion, ließ darüber sogar seinen Stabschef im Streit ziehen. Dafür, dass die Oligarchen sich politisch zurückhalten, bot er ihnen an, das illegal erworbene Vermögen nicht anzutasten. So stoppte er die Kapitalflucht, brachte die Wirtschaft in Schwung und erhielt Steuerzahler.

Timtschenko: "Es ist ein Dilemma. Was soll man machen, um den Oligarchen den Zugang zur Politik zu verbieten?"

Er nahm den Unternehmern auch die Medien und kontrolliert sie nun selbst, veränderte die Parteienlandschaft und baute seinen Einfluss im Parlament aus. Die gesellschaftliche Opposition tut sich schwer mit seinem Erfolg. Und Viktor Timtschenko argwöhnt, dass der Präsident - beabsichtigt oder nicht - auf das Einparteiensystem hinarbeitet.
Timtschenko: "Ich habe nie gesagt, dass Putin ein Demokrat ist. Um seine Ziele zu erreichen, muss er nicht zwangsläufig auch Demokrat sein."

Er legte auch den Regionen und ihren Gouverneuren Zügel an, in dem er die russische Föderation in sieben Verwaltungskreise - identisch mit den Militärbezirken - einteilte und dem Kreml unterstellte.

Timtschenko: "Er vertritt eindeutig neoliberale Positionen, aber er ist der Meinung, diese Gesetze können nur dann funktionieren, wenn sie Rahmenbedingungen haben. Und diese Rahmenbedingen versteht er als starker Staat - effiziente, effektive Staatsstrukturen."

Putin bekämpft als Saubermann die Korruption und nahm sich eine Justizreform vor, senkte die Steuern und änderte das Bodenrecht, sanierte den Haushalt und tilgt zügig die Auslandschulden - unterstützt vom einem einträglichen Energiegeschäft und guter Konjunktur.

Timtschenko: "Putin hat das Land wirtschaftlich umgekrempelt. Und sechs bis acht Prozent wirtschaftlichen Wachstums pro Jahr zeigen, dass es dort aufwärts geht."

Eine Marktwirtschaft strebt er an, kehrt den sozialistischen Geist mit neoliberalem Besen aus, vergisst aber nicht sein Konzept, sozial und protektionistisch abzusichern. Auch als Patriot kann ihm niemand den Rang ablaufen.

Timtschenko: "Diese politischen und militärischen Verluste, die Russland in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hinnehmen musste, will Putin jetzt wettmachen und durch wirtschaftliche Stärke dann an die politische und militärische Stärke kommen."

Der neue Mann im Kreml brachte Russland auf die weltpolitische Bühne zurück. Er fördert die Handelspolitik, konzentriert sich auf die nahen Nachbarn und ihre Bodenschätze, wirbt um alte Partner wie China, Indien und den Iran. Er forciert die Abrüstung, um sich finanziell zu entlasten, die Armee und die Rüstungsindustrie neu zu organisieren. Und er näherte sich Westeuropa, den USA und schließlich sogar dem Nordatlantik-Bündnis an.

Timtschenko: "Putin ist ein sehr guter Diplomat. Und alles, was er hier in Europa sagt, muss nicht unbedingt umgesetzt werden. Gute Beziehungen sind gut für die politischen Geschäfte. Und die pflegt er sehr sorgsam."

Wie gerufen, so Viktor Timtschenko, kam Waldimir Putin die Allianz gegen den Terror. Er unterstützte den amerikanischen Militäreinsatz in Afghanistan, andernfalls hätte Moskau dort eines Tages selbst erneut intervenieren müssen. Und vor allem konnte er den eigenen Krieg gegen die abtrünnige Republik Tschetschenien rechtfertigen. Die Stimmung in der Bevölkerung drehte. Und dies offenbart die Kehrseite Putinscher Politik: sie zeigt den Menschenrechten unverändert die kalte Schulter.

Timtschenko: "Der Mensch steht für Putin nicht an erster Stelle. An erster Stelle steht der Staat und dann lange Zeit nichts mehr und irgendwo kommt der Mensch. Das ist Stalinismus in der Putin'schen Politik. Und das möchte ich nicht bestreiten."

Nein, das bestreitet Viktor Timtschenko wirklich nicht. Nur hält er für naiv und idealistisch, wer von Wladimir Putin erwartet, ein Demokrat zu sein. Gleichwohl sympathisiert die Analyse des Journalisten mit den ersten Jahren des Präsidenten, indem sie eine Erfolgstory erzählt. Deren Anfang wie auch deren Ende ein Rätsel bleibt. Niemand könne Putin vorwerfen, all seine Macht persönlich zu missbrauchen, gar korrupt zu sein. Doch auch niemand weiß, ob er wirklich nach der zweiten Amtszeit abtreten wird und ob das Land mit ihm zu einer "Spielart" der Demokratie findet, die von den Russen und ihren europäischen Nachbarn gleichermaßen akzeptiert wird. Das Talent dazu hätte der Judokämpfer Wladimir Putin, so wie ihn sein Altergenosse und Landsmann sieht: als klug, nüchtern, sportlich und populär.

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