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16.11.2003
"John F. Kennedy - Ein unvollendetes Leben"
Ein Buch von Robert Dallek
Vorgestellt von Klaus Schroeder

Robert Dallek: "John F. Kennedy - Ein unvollendetes Leben" (Bild: DVA - Deutsche Verlagsanstalt)
Robert Dallek: "John F. Kennedy - Ein unvollendetes Leben" (Bild: DVA - Deutsche Verlagsanstalt)
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003

Der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der 1917 geborene John Fitzgerald Kennedy, gehört zweifelsohne zu den herausragenden Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer westlicher Politiker verkörperte er die Hoffnung auf eine bessere Welt. Durch unzählige Veröffentlichungen glorifiziert, entstand ein Mythos, der vor allem auf der Optimismus und Tatkraft ausstrahlenden Erscheinung und der Haltung Kennedys in der Kuba-Krise beruht. Selbst hartnäckige Kritiker, die auf die Diskrepanz zwischen medialem und tatsächlichem Wirken hinweisen, konnten dieses positive Bild nicht ernstlich beschädigen.

Der Historiker Robert Dallek von der Universität Boston hat nun eine neue Kennedy- Biografie vorgelegt. In dieser Biografie wird erstmals Kennedys komplette Krankenakte ausgewertet. Darüber hinaus stellt Dallek Mutmaßungen an, wie eine zweite Amtsperiode des 1963 ermordeten Politikers hätte aussehen können.

Einige der gesundheitlichen Probleme Kennedys waren seit langem bekannt, aber erst jetzt wird ihr ganzes Ausmaß sichtbar: Kennedy litt unter bisweilen unerträglichen Rückenschmerzen, hatte chronische Dickdarm- und Harnweginfektionen, kämpfte gegen Magenschmerzen, Gewichtsverlust und Schlaflosigkeit. Kennedy stand zeitlebens unter ärztlicher Beobachtung, war mehrfach dem Tode sehr nahe und musste täglich unzählige Medikamente einnehmen. Eine Offenlegung seines angegriffenen Gesundheitszustandes hätte ihn die politische Karriere gekostet. Deshalb waren er und seine Umgebung sorgsam darauf bedacht, dieses Geheimnis zu wahren, was erstaunlicherweise gelang.

Ausführlich beschreibt der Autor, dessen generelle Sympathie für Kennedy immer wieder aufscheint, die Familienverhältnisse, das hiervon stark geprägte Selbstverständnis und den nach außen hin mühelos erscheinenden schnellen politischen Aufstieg Kennedys. Persönliche und politische Aspekte hängen untrennbar zusammen, da der von irischen Einwanderern abstammende Kennedy-Clan zu einer der mächtigsten Familien der USA aufgestiegen war.

"Als Nutznießer des legendären Reichtums seines Vaters, einer Ausbildung in Harvard und einer heldenhaften Karriere bei den Streitkräften, ... war John F. Kennedy ein Vorbild für die Hoffnungen, die alle Einwandererfamilien für sich und ihre Kinder hegten. Und selbst wenn sie nicht erreichen konnte, was die Kennedys an Wohlstand und Berühmtheit erreicht hatten, dann war es eine stellvertretende Befriedigung für sie zu erleben, dass der junge Kennedy als Mitglied der amerikanischen Elite akzeptiert wurde."

Dallek gelingt es eindrucksvoll, Kennedys Aufstieg darzustellen; allerdings werden die rüden Methoden amerikanischer Wahlkämpfer nur am Rande erwähnt. Vorwürfe an die Demokraten, den Sieg Kennedys bei der Präsidentenwahl 1960 nur durch fehlerhafte Auszählungen und Wahlmanipulation erreicht zu haben, wischt Dallek kurzerhand beiseite: "Der Sieg war knapp, aber er repräsentierte den Wählerwillen." Tatsächlich aber hatte Kennedy nicht einmal die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erreicht.

Mit seiner Antrittsrede, die von Dallek zu Recht als "Meilensteinrede" bezeichnet wird, und der der berühmte Satz: "Und so, meine amerikanischen Mitbürger, fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt" entstammt, weckte Kennedy hohe Erwartungen. Freilich konnte er ihnen nur zum Teil gerecht werden. Zu zahlreich waren weltweit die Konflikte, zu konfliktgeladen die inneramerikanische Situation und vor allem zu starrsinnig die Gegenseite im Kalten Krieg. Kennedy sah sich in Chruschtschow mit einem sowjetische Kommunisten konfrontiert, der geradezu ungeniert Expansionspolitik betrieb. Anfangs irritiert von der mangelnden Gesprächs- und Kompromissbereitschaft des Generalsekretärs, der ihn zudem für einen dekadenten Jüngling hielt, zeigte Kennedy während der Kuba- Krise 1962 eine wohlausbalancierte, keineswegs abenteuerliche Stärke, die der Sowjetunion die Grenzen ihrer Expansionsmöglichkeiten aufzeigte. Obschon Kennedy alles tat, um eine atomare Auseinandersetzung zu verhindern, zögerte er nicht, mit einem nuklearen Krieg als letztem Mittel zu drohen. Die oberste Prämisse, an der er sich auch während dieser Auseinandersetzung orientierte, hatte er schon in seiner Antrittsrede skizziert:

"Alle Völker, ob die uns gut oder böse wollen, sollten wissen, dass wir jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jede Mühsal in Kauf nehmen, jedem Freund beistehen, und jedem Feind entgegen treten, um die Fortdauer und den Sieg der Freiheit zu sichern ..."

Spätestens nach der Kuba- Krise war dem Präsidenten klar geworden, dass der Kalte Krieg ein globaler und alle Aspekte umfassender geworden war. Während seiner kurzen Amtszeit häuften sich bedrohliche Auseinandersetzungen: In Mittel- und Südamerika opponierten von kommunistischer Seite unterstützte Bewegungen gegen USA-freundliche Regime, in Afrika begann die Sowjetunion eine politische und ideologische Offensive und vor allem in Südostasien ging der internationale Kommunismus zum militärischen Angriff über. Vietnam wurde nach Korea zum Symbol eines vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes, das dank massiver Unterstützung durch die Sowjetunion und China ganz unter kommunistischen Einfluss zu geraten schien. Die westliche Welt befürchtete nach dem Fall Südvietnams einen Dominoeffekt zugunsten des Kommunismus. Kennedy wurde in den Sog dieser Auseinandersetzung hineingezogen mit Verbündeten, die nicht gerade für die Ideale der westlichen Welt standen.

Den außenpolitischen Bemühungen Kennedys widmet Dallek breiten Raum, erheblich kürzer fällt die Darstellung der Innenpolitik aus. Hier stieß Kennedy einiges an, wie die Aufhebung der Rassendiskriminierung, die Durchsetzung der Bürgerrechte oder eine bessere Sozialpolitik. Aber alles blieb im Handgemenge unterschiedlicher Interessen auf halbem Weg stecken. Kennedy besaß bei den Demokraten keine Hausmacht, so konnte er sich politisch letztlich nur auf seine medial vermittelte persönliche Ausstrahlung stützen. Er war ein Meister der Selbstinszenierung und im Umgang mit den Medien geschickter als alle Politiker vor und die meisten nach ihm.

"Das Entscheidende war aber wohl, dass Kennedy im Fernsehen genauso glaubwürdig wirkte wie im persönlichen Kontakt. Kennedys Art zu sprechen, seine Wortwahl und Modulation, sein fester Blick brachten seine Zuschauer dazu, ihn beim Wort zu nehmen."

Kennedy faszinierte mit seinem Auftreten nicht nur das politische Publikum, sondern auch und vor allem Frauen. Er selbst war geradezu sexbesessen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit und an jedem mehr oder weniger geeigneten Ort unterhielt er sexuelle Beziehungen. Unter seinen Gespielinnen waren Sekretärinnen, Praktikantinnen, aber auch Schauspielerinnen und Journalistinnen. Dem britischen Premier Macmillan erklärte er, er bekäme fürchterliche Kopfschmerzen, wenn er nicht alle drei Tage eine Frau hätte. Seine Frau, die durch ihre ebenfalls herausragende mediale Ausstrahlung nicht unwesentlich zum politischen Erfolg Kennedys beigetragen hatte, tolerierte auf Diskretion bedacht die Promiskuität ihres Mannes.

Im November 1963 wurde Kennedy in Dallas ermordet. Dallek hält es für unerheblich, ob es sich um die Tat eines Einzeltäters oder um eine Verschwörung handelt - er widmet diesem Vorgang nur wenig Platz. Breiteren Raum nehmen dagegen Spekulationen ein, welchen Gang die Weltgeschichte bei einer - durchaus wahrscheinlichen - zweiten Amtsperiode Kennedys genommen hätte. Das Urteil fällt durchweg positiv aus: Kennedy hätte den langjährigen Krieg in Vietnam verhindert, die Sowjetunion zu stärkerer Kompromissbereitschaft bewegt, innenpolitisch vieles zum Besseren gewendet. Doch diese Annahmen bleiben spekulativ, sind wenig begründet. Angesichts der Stärke von Interessengruppen und politischen Flügeln hätte es auch unter Kennedy zu Entwicklungen kommen können wie unter seinem Nachfolger Johnson.

In der Schilderung der Entscheidungsfindung im Weißen Haus, wo der junge Präsident sich immer wieder hin- und hergerissen zeigte zwischen verschiedenen Optionen seiner diversen Berater, liegt die Stärke dieses Buches. Es wird deutlich, wie die Spielräume auch des mächtigsten Mannes der westlichen Welt eingegrenzt bleiben.

Die zwar gut lesbare, aber mitunter etwas langatmig und kleinteilig geratene Biografie Dalleks leidet letztlich an der zu starken Sympathie des Autors für John F. Kennedy. Das gilt vor allem für seine mehrfach wiederholte Einschätzung, weder der Gesundheitszustand noch die sexuellen Abenteuer hätten die politische Handlungsfähigkeit des Präsidenten beeinflusst. Wer ohnehin mit Kennedy sympathisiert, findet in diesem Buch eine Bestätigung seiner Wertschätzung.


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