BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
23.11.2003
Die Wut der arabischen Welt
Ein Buch über den europäisch-arabischen Konflikt von Bernard Lewis
vorgestellt von Michael Groth

Coverausschnitt Robert Lewis: "Die Wut der arabischen Welt", Campus Verlag (Bild: Campus Verlag)
Coverausschnitt Robert Lewis: "Die Wut der arabischen Welt", Campus Verlag (Bild: Campus Verlag)
Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2003

Den Anhängern simpler Sprüche, wie sie der Pop-Autor Michael Moore derzeit in Deutschland verbreitet, wird Lewis' schmaler Band wenig Freude bereiten. Die "Krise des Islam", so der englische Originaltitel des Buches, ist ein differenziertes Werk - einfache Antworten oder gar Schuldzuweisungen werden vermieden. Warum ist der Konflikt zwischen den Islamisten - wohlgemerkt: nicht dem Islam - und dem "Westen" eskaliert? Der Autor verweist auf ein völlig unterschiedliches Verständnis von Geschichte:

"Der für die Geschichte der westlichen christlichen Welt so entscheidende Gegensatz von regnum und sacerdotium - von weltlicher und geistlicher Herrschaft - hat im Islam keine Entsprechung. Noch zu Mohammeds Lebenszeit fanden die Muslime zu einer zugleich politischen und religiösen Gemeinschaft zusammen, deren Oberhaupt der Prophet war. Als solches herrschte er über ein Land und über ein Volk, sprach Recht, erhob Steuern, befehligte Armeen, führte Krieg und schloss Frieden."

Muslime, so Lewis, neigen weniger dazu, Nationen in religiöse Gruppen zu unterteilen. Sie teilen stattdessen die Religion in Nationen.

"Wenn islamische Herrscher Europa und Europäer eroberten und regierten und sie dadurch in die Lage versetzten - nicht jedoch zwangen -, den wahren Glauben zu erkennen, war das für Muslime völlig legitim. Dass jedoch Europäer in islamische Länder eindrangen und Muslime nicht nur regierten, sondern - schlimmer noch - versuchten, sie vom wahren Glauben abzubringen, war ein Verbrechen und eine Sünde."

Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 (Bild: AP)
Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 (Bild: AP)
Hier liegt der Kern der, Zitat, "Demütigung", die zum Beispiel Usama Bin Laden in einem Rechtfertigungsversuch für die Terrorangriffe des 11. September anführte. Der Islam bedeutet für seine radikalen Vertreter ein System, das alle Lebensbereiche regelt. Religion erscheint nicht als Glaube und Ethik, sondern als Lebensform und Ideologie. Im 20. Jahrhundert dürfte der von Lewis geschilderte August 1953 einen Wendepunkt markieren. Damals wurde mit Hilfe der CIA in Teheran eine iranisch-nationalistische Regierung gestürzt und der Schah zurück ins Land gebracht. Das war der "Sündenfall", der den großen Gegner Amerika ins Bewusstsein der Islamisten rückte.

Washingtons Unterstützung für Saudi-Arabien und Kuwait im Irak-Krieg Anfang der neunziger Jahre, und die anschließende Stationierung amerikanischer Truppen in der Region brachten das Fass zum Überlaufen. Die Konfrontation Amerikas fiel den Islamisten umso leichter, als der andere große Feind, die Kommunisten in Moskau, sich zu jener aus Afghanistan zurückzog, um sich dem inneren Zerfall zu widmen.

Eine Demokratie hat sich in der arabischen Welt bis heute nicht etabliert. Unverhohlen unterstützt Washington die korrupten Diktatoren der Region. Den Islamisten gilt dies als Beweis von Auflösungserscheinungen der Werte, die sie auf ihre Fahnen geschrieben haben. Diejenigen, die ihre heiligsten Stätten zu schützen haben, machen gemeinsame Sache mit dem Teufel Amerika. Dies zu bekämpfen, ist die Pflicht des "Jihad" - im arabischen Wortsinn "Anstrengung" oder "Bemühung". Die Islamisten betreten das so genannte "Haus des Krieges" dabei nicht im Sinn der Verteidigung. Der "Jihad" wird vielmehr offensiv geführt, als weltweiter Feldzug gegen die, wie Bin Laden schon 1998 schrieb, "Juden und Kreuzzügler".

"Nach dem Niedergang des Panarabismus blieb der islamistische Fundamentalismus als attraktivste Alternative für all diejenigen übrig, die sich nach etwas sehnten, das besser, wahrer und Erfolg versprechender war als die Diktaturen ihrer unfähigen Herrscher und bankrotten Ideologien, die von außen importiert worden waren. Die fundamentalistischen Bewegungen nährten sich aus der Not und der Erniedrigung sowie der Frustration und dem Hass, der nach dem Versagen sämtlicher politischer und wirtschaftlicher Heilmittel aus ihnen geboren wurde, ob diese nun aus dem Ausland gekommen waren oder lokale Imitationen darstellten."

Da der heilige Krieg eine religiöse Pflicht ist, wird er von der "Scharia", der islamischen Rechts- und Werteordnung, genau geregelt. Terrorismus, Mord und Selbstmordattentate werden an keiner Stelle gebilligt. Lewis verweist auf eine schweigende Mehrheit der Muslime, für die die Deklarationen der radikalen Islamisten als eine, Zitat, "groteske Karikatur der wahren Natur des Islam und selbst der Doktrin des Jihad" betrachten:

"Der Koran spricht vom Frieden ebenso wie vom Krieg. Die unzähligen Überlieferungen und Äußerungen, die - einmal mehr, einmal weniger verlässlich - dem Propheten zugeschrieben und teils sehr unterschiedlich interpretiert werden, erlauben vielfältige Auslegungen des Islam, unter denen die militante und Gewalt gutheißende Auslegung nur eine von vielen ist."

Wie lässt sich verhindern, dass der Konflikt weiter eskaliert? Solange die Demokraten in den arabischen Staaten explizit vom Westen, vor allem von Amerika, gefördert werden, solange sind sie in den Augen der Radikalen zu bekämpfen:

"Selbst wenn sie an der Macht sind, verpflichtet ihre Ideologie sie darauf, der islamistischen Opposition demokratische Rechte und Freiheiten zu gewähren. Die Islamisten dagegen fühlen sich, wenn sie an die Macht kommen, dazu keineswegs verpflichtet. Im Gegenteil, ihre Grundsätze zwingen sie geradezu, alle ihrer Auffassung nach gottlosen und subversiven Aktivitäten zu unterdrücken."

Anschlag beim britischen Konsulat in Istanbul, 20.11.2003 (Bild: AP)
Anschlag beim britischen Konsulat in Istanbul, 20.11.2003 (Bild: AP)
Ein Problem, mit dem sich auch die westlichen Demokratien auseinandersetzen müssen. Lewis schrieb sein Buch vor dem Irak-Krieg. Nun sind die Amerikaner in Bagdad, einer der heiligsten islamischen Städte. Selbstmordattentate gehören zum blutigen Tagesgeschäft, dort, wie in Israel und Palästina, jüngst aber auch - nicht zum ersten Mal - in Saudi-Arabien und in der Türkei. Gewalt lässt sich nur bekämpfen, wenn ihre Ursachen verstanden werden. Zu einer friedlichen und diskursiven Auseinandersetzung mit dem Islam liefert das vorliegende Buch einen wertvollen Beitrag.



-> BuchTipp
-> weitere Beiträge