BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
7.12.2003
Tariq Ali: Bush in Babylon - Die Re-Kolonisierung des Irak
Diederichs im Hugendubel Verlag, München 2003
Vorgestellt von Reinhard Kreissl

Tariq Ali: Bush in Babylon. Die Re-kolonisierung des Irak. Coverausschnitt (Bild: Diederichs Verlag)
Tariq Ali: Bush in Babylon. Die Re-kolonisierung des Irak. Coverausschnitt (Bild: Diederichs Verlag)
Tariq Ali hat mit seinem Buch Bush in Babylon eine ebenso informative, wie engagierte Darstellung der Probleme des Irak vorgelegt. Er hebt sich damit wohltuend vom Chor jener Experten ab, die im Angesicht bedrohlicher Krisen in hierzulande exotischen Regionen die Öffentlichkeit in den Medien über die eigentlichen Ursachen, die wirklichen Bedrohungen und die dementsprechend angemessene Haltung informieren.

Ali erinnert seine Leser an jene jüngere Vergangenheit, die im realen und medialen Pulverdampf der aktuellen Kämpfe im Irak vergessen wird. Was sich dort abspielt, wird verständlich nur, wenn man so unschöne Worte wie Kolonialismus und Imperialismus in den Mund nimmt. Es ist kein Kampf gegen einen kriminellen Terrorismus, kein Feldzug für Demokratie und Marktwirtschaft, der aktuelle Krieg gegen den Irak ist die aktuelle Form imperialistischer Politik. Man kann ihn nur verstehen, wenn man die Geschichte der Region versteht und diese Geschichte ist geprägt von den Kämpfen gegeneinander und gegen imperialistische Ursupatoren. Ali vermeidet es, die Rolle des stellvertretend Betroffenen zu spielen:

"Die Geschichte wird hier aufgezeigt als Warnung an den Besatzer und den Widerstand Leistenden gleichermaßen. Der Besatzer kann daraus lernen, dass der Irak eine lange Tradition des Kampfes gegen eine Kolonialmacht hat. Der Widerstand Leistende wird, so hoffe ich, die Fehler zukünftig vermeiden und die Tragödien nicht wiederholen, die die Besetzung möglich gemacht haben. Ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, jede einzelne Katastrophe in der arabischen Welt sei Folge der Einmischung des Westens. Oft hat der Westen arabische Schwächen ausgenutzt, um seine Siege einzufahren. Die Wunden, die die arabische Welt sich selbst zugefügt hat, werden in diesem Buch diskutiert, weil es ohne Verständnis ihrer Hintergründe schwierig sein wird, weiter in die Zukunft voranzuschreiten."

Ali behandelt die Geschichte dieser Hintergründe im Hauptteil seines Buches ausführlich. Das Ende des osmanischen Reichs, die panarabische Bewegung, die Interessen der Kolonialmächte, der Kampf zwischen den nationalen Gruppierungen und den hegemonialen Blöcken - diese Faktoren haben das Gesicht des heutigen Irak und seiner Nachbarländer geprägt und ein solches Erbe lässt sich nicht wegbomben.

Bild 1Ali führt seine Leser durch die Geschichte der Region und zeigt dabei, dass sich ihre Probleme nicht auf einfache Formeln reduzieren lassen. Religion und Politik, Kultur und Ökonomie gehen schwer entwirrbare Mischungen ein und die einfache Freund-Feind-Logik greift dabei so wenig, wie die von der UN verhängten Sanktionen gegen das Regime von Saddam nach dessen Angriff auf Kuwait, die Ali als "Rache an einem ganzen Volk" bezeichnet.

Exemplarisch für die teilweise absurden Verbindungen und Konstellationen, die in der Region entstehen, ist der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran.

"Die globale Konstellation der Kräfte in diesem Konflikt war leicht surreal. Das irakische Militär und die Luftwaffe waren weitgehend von der Sowjetunion ausgestattet worden, während ihre iranischen Widersacher über die neuesten und raffiniertesten Waffen verfügten, die ihr Vorgänger, der Schah von den Vereinigten Staaten gekauft hatte. ...Hinter den Kulissen, jedoch unübersehbar, unterstützten die Vereinigten Staaten und Großbritannien den Irak. ...Auf der anderen Seite unterstützten sowohl Muammar al-Gaddafi aus Libyen als auch Assad aus Syrien offen Khomeini. Die Israelis taten dies im Verborgenen und sorgten dafür, dass Ersatzteile... so schnell wie möglich nach Teheran gelangten."

Bei näherem Hinsehen finden sich im Verlauf der Zeit die unwahrscheinlichsten politischen Arrangements und immer wieder auch unerwartete Koalitionen und alles in allem - hier liegt das eigentliche Verdienst von Alis Buch - erschließt sich die Tragik des Konflikts erst in der Zusammenschau von historischen Entwicklungen und aktuellen politisch-ökonomischen Konstellationen. Man mag sich an der alten Maxime orientieren und die Wahrheit über die Katzen bei den Mäusen erfragen, dann erscheint der Überfall auf den Irak aus der Sicht der arabischen Völker als

"eine schauerliche Scharade, als ein Deckmantel für eine kolonialistische Eroberung im altmodischen europäischen Stil, die wie alle früheren derartigen Vorstöße auf denkbar wackligen Fundamenten fußt: auf unzähligen Fälschungen, Gier und kolonialistischen Träumereien."

Bild 1Aber mindestens ebenso interessant ist der Blick auf die weltpolitische Reaktion, auf die Haltung der Europäer und der internationalen Staatengemeinschaft. Der Widerstand gegen die amerikanischen Pläne, der im Vorfeld aus einigen wenigen Ländern zu vernehmen war, brach mit dem Beginn der Invasion zusammen. Letztlich stellten sich alle hinter die Amerikaner.

Ali spart nicht mit Polemik und Ironie im Angesicht dieser Entwicklung. Doch ist der ironische Ton, der im Angesicht einer wenig hoffnungsvollen Realität immer auch als Schutzschild dient, nicht durchzuhalten und so stellt der Autor am Ende seines Buches den Fall Irak in den historischen Kontext der imperialistischen Politik - vergleicht ihn mit den Philippinen, Kuba, Japan und anderen Gesellschaften, die im zwanzigsten Jahrhundert auf die eine oder andere Weise von den Kolonialmächten geprägt wurden.

Hier begegnet einem eine Sprache und Begrifflichkeit, die an vergangene Zeiten erinnert, als Kapitalismuskritik noch salonfähig war und siehe da, vieles von dem wirkt frischer und analytisch präziser als der Techno-Bubble der neueren Politikwissenschaft. Statt im Angesicht des Versagens der internationalen Politik von Multi-Level-Global-Governance, internationalen Beziehungen und supranationalen Aushandlungssystemen zu schwadronieren, spricht Ali die Dinge mit erfrischender Klarheit aus:

"Wenn die UNO die gegenwärtige Weltordnung authentisch widerspiegeln würde, dann gäbe es nur noch ein Veto im Sicherheitsrat: das der Vereinigten Staaten."

Möglicherweise ist eine solche realistische Ernüchterung der erste notwendige Schritt für all diejenigen, die im Angesicht der praktizierten Politik zum Widerstand aufrufen möchten, aber nicht so recht wissen, wo es lang gehen sollte. Bei Tageslicht betrachtet haben gute Argumente noch nie eine schlechte Politik verhindert und von solchen Büchern im Angesicht eines aktuellen Beispiels daran erinnert zu werden, kann zumindest nichts schaden.



-> BuchTipp
-> weitere Beiträge