BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
14.12.2003
John P. Birkelund: Gustav Stresemann - Patriot und Staatsmann
Europa Verlag, Hamburg und Wien 2003
Rezensiert von Michael Gerwarth

John P. Birkelund: Gustav Stresemann (Bild:  Europa Verlag)
John P. Birkelund: Gustav Stresemann (Bild: Europa Verlag)
Aus dem amerikanischen Englisch von Martin Ruf

In Krisenzeiten besinnen sich irritierte Nationen mitunter gern an vermeintlich große Gestalten aus ihrer Geschichte. Sie dienen gleichsam als Balsam für die geschundenen Seelen, die sich angesichts der als deprimierend empfundenen gesellschaftlichen Wirklichkeit nach einer versöhnenden Erinnerung sehnen. Zählt Gustav Stresemann, der langjährige Außenminister der Weimarer Republik und Friedensnobelpreisträger auch zu "unseren Besten"?

Zu Lebzeiten war er menschlich umstritten, wurde vom politischen Gegner heftig bekämpft, gar gehasst. Als angeblicher Erfüllungspolitiker - so der Vorwurf - habe er die nationalen Interessen Deutschlands zugunsten einer Übereinkunft mit den Alliierten geopfert. Dagegen rühmen andere wie der frühere Außenminister Hans Dietrich Genscher Stresemanns politische Weitsicht. Er habe ähnlich wie Otto von Bismarck eine klare Zielsetzung erkennen lassen. Genscher:

Bismarck und Stresemann sind Persönlichkeiten, die nach meiner Überzeugung jeder für sich und in ihrer Zeit in ihrer Außenpolitik die Fähigkeit zur Weitsicht gezeigt haben - gerade auch, was deutsche Selbstbeschränkung und Verantwortung betrifft. Ganz sicher kann man von jedem von ihnen für die Außenpolitik Lehren ziehen.

Tatsächlich fand der "Vernunftrepublikaner" Stresemann in der jungen Bundesrepublik viel Zustimmung; man sah in ihm einen Vorkämpfer der europäischen Integration.

In jüngster Zeit sind wieder bemerkenswerte Bücher über Stresemann erschienen. Positiv dabei: es sind nicht nur großartige deutsche Autoren wie Eberhard Kolb darunter, sondern auch französische und britische Historiker wie etwa der Oxford Historiker Jonathan Wright, dessen Buch "Gustav Stresemann. Weimar's Greatest Statesman" leider noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Jetzt folgt mit John Birkelund ein Amerikaner. Stresemann ist für ihn der visionäre Politiker, der:

... sich die Zukunft Deutschlands nur durch die Einbindung in die internationale Staatengemeinschaft und Weltwirtschaft erfüllen konnte. Dadurch wurde Gustav Stresemann zu einem Staatsmann, der ein Europa und ein Handelssystem vorausahnte, wie es erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand.

Über 15 Jahre lang hat sich Birkelund mit Stresemann beschäftigt, dabei ermutigt von angesehen Historikern wie Gordon A. Craig, Henry A. Turner und auch Volker Berghahn. Herausgekommen ist eine solide Beschreibung über Leben und Leistung von "Weimars größten Staatsmann" (Jonathan Wright). Zahlreiche Quellen wurden ebenso akkurat ausgewertet wie die umfangreiche Forschungsliteratur. Das alles liest sich wohltuend unkompliziert und dürfte auch bei einem größeren Publikum auf Interesse stoßen.

Wer war dieser Gustav Stresemann, der sich vom wilhelminischen Monarchisten und kriegsbegeisterten Patrioten zum Weimarer "Vernunftpolitiker" wandelte? Birkelund schildert anschaulich Stresemann Weg aus bescheidenen Verhältnissen im Berliner Südosten, berichtet über seine Zeit als Schüler und Student dann als Syndikus des Verbandes Sächsischer Industrieller und schließlich als hoffnungsvoller Nachwuchspolitiker der Nationalliberalen Partei. Der junge ehrgeizige Stresemann will auf neuartige Weise Politik als Beruf ausüben.

Er hatte die Nachteile seiner Herkunft und seiner begrenzten Schulbildung überwunden und war sich seiner Fähigkeiten als Redner, Führungsgestalt und Organisator bewusst, und es dauerte nicht lange, bis sie sogar in der anspruchsvollen Berliner Gesellschaft Eindruck machten. Hinzu kam ein unbändiger Optimismus, der ihm das Gefühl gab, dass ihm alles gelingen konnte, welche Sache er auch vertrat und welche Beziehungen er auch anknüpfte.

Doch nach der Niederlage und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches war Stresemanns rasch erworbenen Führungsrolle im deutschen Liberalismus stark gefährdet. Es ging um Stresemanns Eintreten für Annexionen. Die Auseinandersetzungen im liberalen Lager führten am Ende zur Herausbildung von zwei Parteien - die linksliberale Deutsche Demokratische Partei und die von Stresemann geführte Deutsche Volkspartei, die seit 1920 die deutlich stärkere war. Birkelund schreibt zuverlässig über diese Vorgänge ohne die "politischen Schwerpunkte" zu vernachlässigen: die kurze Kanzlerschaft im Krisenjahr 1923 und die nachfolgenden sechs Außenministerjahre bis zum Tod des erst 51-jährigen im Oktober 1929.

... seine Leistungen in seiner kurzen Zeit als Kanzler waren so beachtlich wie die nur irgendeines vergleichbaren Politikers in der jüngeren deutschen Geschichte. Dass er nur sieben Wochen nach Amtsantritt den Widerstand an der Ruhr aufgab, war zweifellos die mutigste Leistung seiner Karriere. Sie führte zu einer ganzen Reihe von ökonomischen und politischen Entscheidungen, die innerhalb weniger Monate die Inflation beendeten, die Währung stabilisierten und den Dawes-Plan auf den Weg brachten. Seine Entscheidung, den Separatismus im Rheinland einzudämmen, dem Kommunismus in Sachsen und Thüringen Einhalt zu gebieten und die Revolution der Rechten in Bayern zu stoppen, führten letztlich zum Sturz seiner Regierung, doch sie bewahrten die Einheit der Nation.

Stresemann selbst hatte anlässlich der Reichstagswahlen im Mai 1928 die Lage Deutschlands so beschrieben:

Tausendfach sind die Schwierigkeiten, unter denen wir leben - außenpolitisch, innenpolitisch und wirtschaftlich. Unsere Grenzen sind nicht mehr wie einst geschützt, uns fehlt die Wehr, um Heimat und Haus, Land und Volk zu sichern. In diesen Zeiten großer bewegender Fragen, von denen unsere Zukunft abhängt, gibt es für uns ... nur einen Leitstern: die Ansprüche der Zeit zu befriedigen, frei von Illusionen und in sachlicher, nüchterner Arbeit und jener Realpolitik, die in Wirklichkeit das höchste an Idealismus ist, weil sie das heiße Herz da bändigt, wo uns der kühle Verstand vorwärts zu bringen vermag.

Als deutscher Außenminister kämpfte Stresemann um die Zurückgewinnung der deutschen Souveränität. Sein außenpolitisches Konzept knüpfte bewusst und programmatisch an das Vorbild Bismarcks an. Nicht nationale Mythen gaben dabei den Ausschlag, sondern die im Vergleich zur Reichsgründungszeit unveränderte geopolitische Situation Deutschlands in Europa. War das die Stunde des europäischen Staatsmannes Stresemann, der in den Locarno-Verträgen einen Ausgleich mit den Westmächten herbeiführte?

Für John P. Birkelund keine Frage. Stresemann habe mit seiner Politik seinem Land erneut einen Platz in der internationalen Gesellschaft gesichert. Und er macht kluge Gedanken über den Zusammenhang von Stresemanns Innen- und Außenpolitik.

Dabei war die Außenpolitik für ihn nicht nur Instrument zur Wiedergewinnung der deutschen Machtstellung, sondern sie sollte auch zur Konsolidierung der Republik führen. Ein ganz ähnlicher Gedanke findet sich in einer Äußerung des deutschen Außenministers Joschka Fischer aus dem Jahre 2000. Es ging Stresemann darum, so Fischer:

... die Handlungsfähigkeit und Souveränität Deutschlands schrittweise wiederzugewinnen mit dem Ziel, Deutschland als gleichberechtigte Großmacht in ein mitteleuropäisches Gleichgewichtssystem zu integrieren, ohne zwischen West und Ost wählen zu müssen.

Gustav Stresemann war insofern mehr als ein außergewöhnlicher deutscher Parteiführer und Außenpolitiker. Doch nur selten würdigt die Geschichte Führer gescheiterter Nationen. John F. Birkelund gelingt dies mit seiner lehrreichen Biographie über Stresemann ganz hervorragend.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge