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21.12.2003
Reinhard Blomert: Die Habgierigen: Firmenpiraten, Börsenmanipulation - Kapitalismus außer Kontrolle
Verlag Antje Kunstmann, München 2003
Rezensiert von Robert Brammer

Cover: Die Habgierigen (Bild: Antje Kunstmann Verlag)
Cover: Die Habgierigen (Bild: Antje Kunstmann Verlag)
Alan Greenspan:

Die Manager konnten einfach nicht widerstehen. Nicht, dass sie gieriger geworden wären - die Entwicklung auf dem Aktienmarkt hatte ihnen einfach mehr Möglichkeiten gegeben, ihre Gier zu befriedigen."

Doch damit sei es nun vorbei, erklärte der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan im Juli 2002 mit Blick auf die Börsenskandale bei Enron und Worldcom.

Geschönte Bilanzen, betrogene Anleger, betrügerische Analysten und Wirtschaftsprüfer - Alan Greenspans Wort von der irrationalen Übertreibung, mit dem er den Schwindel erregenden Höhenflug der Aktienkurse an der Wallstreet charakterisierte, ging in die Geschichte ein.

Doch fast scheint er schon wieder vergessen, der große Börsencrash zu Beginn der Jahrtausendwende. Allein in den USA haben Anleger zwei Billionen Dollar verloren - das ist fast acht Mal so viel wie der deutsche Bundeshaushalt 2004. Ein halbe Million Menschen haben damals ihren Arbeitsplatz eingebüßt und die Rentenkonten von Millionen von Amerikanern wurden praktisch über Nacht entwertet. Blomert:

Die Erinnerung ist in der Tat noch ein wenig getrübt. Ich will nicht sagen verschwunden, weil wir leiden ja alle noch unter dem Konjunktureinbruch. Aber das ist ja auch der Sinn meines Buches, dass ich zeigen will, dass diese Prozesse keine Naturprozesse sind, sondern dass dahinter Gewinn- und Profitabsichten und unlautere Absicht stecken, die man aufklären muss. Und die Aufklärungsarbeit wird einfach zu wenig betrieben.

Die neue Spezies der "Börsenintermediäre", wie sie der Berliner Sozialwissenschaftler Reinhard Blomert nennt, die Berater, Wirtschaftsprüfer, Investmentbanker, Anwälte und Analysten, sie agieren noch immer, als seien sie die Herren des Universums.

Die Vorstände der großen Weltkonzerne müssen ihnen im Vierteljahresrhythmus Rechenschaft ablegen. Mehr Umsatz und Gewinn - weniger Arbeitsplätze, auf diese schlichte Formel bringen die Beratungsfirmen dann ihre Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Aktionäre.

Die Buchprüfungs- und Beratungsfirmen bilden inzwischen ein weltweites Netzwerk und prüfen alle großen Unternehmen, doch niemand überprüft sie. Für das englische Wirtschaftsmagazin "The Economist" bilden diese weltweit agierenden Firmen heute das "back-office", das eigentliche Machtzentrum der multinationalen Konzerne. Blomert sieht in Ihnen wichtige Akteure der ökonomischen Krise. Blomert:

Die Kontrollfunktion der Buchprüfer ist dadurch ausgehebelt worden und die Trennung, die berühmte chinesische Mauer zwischen den Aktien besitzenden Banken und den vermittelnden, beziehungsweise den Analysten ist ausgehebelt worden, was der amerikanische Finanzminister nicht unterbunden hat, sondern sogar noch befördert hat mit dem Hinweis, er will Global Player heranziehen, die so stark, so universal sind wie die europäischen Banken.

Am Beispiel der Firmenfusionen und Übernahmen beschreibt Blomert die volkswirtschaftlichen Fehlentwicklungen. Im Rückblick haben sich mindestens die Hälfte der Fusionen der vergangenen Jahre nicht bewährt. Oft waren diese Übernahmen nur schuldenfinanziert. Auf diese Weise konnten kleine, weniger rentable Firmen größere und potentere schlucken. Verdient haben an den Fusionen allein Investmentbanken, Wirtschaftsprüfungsfirmen, Anwaltsbüros und Beratungsagenturen.

Und die aufgekaufte Firma musste damit rechnen, dass ihr Management ausgetauscht oder entlassen wird, das Unternehmen liquidiert und die Aktivposten mit großem Gewinn weiter verkauft. Das Beispiel Enron: Das siebtgrößte Unternehmen der USA wird von seinem Management mit Hilfe der alles vertuschenden Prüfungsfirma bis auf den Nullwert ausgeraubt.

Blomert beschreibt, wie das US-Unternehmen mit Hilfe strategischer Berater von McKinsey und Arthur Andersen ein Geflecht von immer neuen und nur schwer zu durchschauenden Verbindungen schuf, aus denen Enron dann reale und virtuelle Profite erhielt. Blomert:

McKinsey war ja praktisch federführend im Enron-Fall. Der Chef von Enron war ein ehemaliger McKinsey-Mann. Und Enron war immer ein Vorzeigebetrieb für McKinsey. Die höchsten Renditen erwirtschaftet McKinsey inzwischen in Deutschland. Warum? Man könnte vielleicht denken, dass es sich in Deutschland einfach noch nicht rumgesprochen hat, welche Rolle McKinsey gespielt hat in diesen Skandalen. Sie haben eine ganze Reihe von Unternehmen falsch beraten, schlecht beraten. Und das Problem von McKinsey ist jetzt, dass sie riesige Armeen von Leuten haben, die sie beschäftigen müssen. Und wenn das Vertrauen der Firmen sinkt, dann müssen sie sich auf andere Bereiche beziehen. Und jetzt fangen sie an, den Staat zu beraten. Also die Kommunen zu beraten und zu durchforsten. Also das ist das neue Feld von McKinsey, das vor allem in Deutschland sehr gut läuft im Moment.

Blomert konstatiert, dass die Politik der Deregulierung und des Abbaus aller schützenden Barrieren längst auf Europa übergegriffen habe. Dem EU-Wettbewerbskommissar falle dabei eine Schlüsselrolle zu. Er könne erheblichen Druck ausüben und Gemeinden und Länder zwingen, aus dem Bereich der öffentlichen Grundversorgung - Energie, Wasser, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Kultur - einen Markt für private und gewinnorientierte Unternehmen zu machen. Blomert:

Bis jetzt ist dieser Prozess in Deutschland noch nicht wirklich ins Bewusstsein gedrungen. In England ist man schon viel weiter. Man hat Erfahrungen mit dem Scheitern von Privatisierung. Die Eisenbahnen sind im Sicherheitsbereich inzwischen wieder in staatlicher Hand, weil einfach eine Reihe von Unglücken passiert sind mit vielen Toten. Und ich fürchte, wir müssen das alles erst nachmachen, bevor das bei uns zu einem Bewusstsein kommt, dass das keine Lösung ist.
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