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28.12.2003
Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten - Ein Leben im 20. Jahrhundert
C. Hanser-Verlag, München 2003
Rezensiert von Hans Ulrich Wehler

Cover: Gefährliche Zeiten (Bild: Hanser Verlag)
Cover: Gefährliche Zeiten (Bild: Hanser Verlag)
Aus dem Englischen von Udo Rennert

Mit einem klassischen englischen Understatement hat der 86-jährige englische Historiker Eric Hobsbawm, fraglos einer der zurzeit bedeutendsten Figuren der internationalen Geschichtswissenschaft, seine Lebenserinnerungen "Interesting Times" genannt. In diesem Fall trifft aber der etwas dramatischere deutsche Titel "Gefährliche Zeiten" den Epochencharakter ungleich besser. Denn Hobsbawm hat ziemlich genau jenes "kurze 20. Jahrhundert" von 1914 bis 1991 durchlebt, für das er selber in seinem letzten Bestseller den Begriff des "Zeitalters der Extreme" geprägt hat.

1917 im ägyptischen Alexandria als Sohn eines englischen Vaters und einer österreichischen Mutter geboren, die er beide nach wenigen Jahren verlor, sodass er von verschiedenen Verwandten großgezogen wurde, ist Hobsbawm zunächst in Wien aufgewachsen, das als Hauptstadt des multinationalen Habsburgischen Großreiches fungiert hatte und nach dessen Untergang als überdimensionierte Zentrale von "Deutsch-Österreich" diente.

Nicht nur im unverwechselbaren Wiener Akzent, sondern im allgemeinen Habitus hat der polyglotte Hobsbawm etwa von einem welterfahrenen, skeptischen Intellektuellen aus der längst verblichenen k.u.k-Monarchie beibehalten. Zum politischen Urerlebnis des jungen Mannes wurden jedoch die nicht einmal zwei Jahre lang währende Zeit in Berlin, wohin seine Pflegeeltern umgezogen waren, gerade als die Weimarer Republik in die Phase ihrer Agonie eintrat und in einem bürgerkriegsähnlichen Chaos, zwischen Rechts- und Linkstotalitarismus aufgerieben, unterging.

Hellwach hat der Schüler des Prinz-Heinrich-Gymnasiums diesen Todeskampf der Republik wahrgenommen. Ohne je ein Wort von Marx gelesen zu haben, entschied sich der 16-Jährige, von der Militanz der KPD beeindruckt und selber dann in kleinen Zellen und bei Demonstrationen politisch tätig, für den Kommunismus - eine Option, die er bis heute beibehalten hat und zu verteidigen weiß. Warum er sich denn weiter einen "alten Kommunisten" statt einen "unorthodoxen Marxisten" nenne, wurde er unlängst bei der Präsentation seiner Erinnerungen in Berlin gefragt. "Aus Trotz" und "auch aus Stolz", antwortete er unter dem Beifall des Publikums.

Als der Pflegevater aus nur zu begründeter Furcht vor den neuen braunen Machthabern 1933 sogleich mit Eric nach England zog, fühlte sich der junge Mann bereits als kampferprobter Linker, der sich, als ihm ein Begabtenstipendium die Tore von Cambridge öffnete, in seiner Universitätsstadt unverzüglich Gleichgesinnten anschloss. Dort wurde er auch mit emotionaler Wärme aufgenommen, und es hat den Anschein, als ob ihm die Kampfgenossen mit ihren Frauen endlich einen Familienersatz geboten hätten.

Überzeugt von der Notwendigkeit des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, zugleich auch begeistert vom sowjetischen Experiment fand sich alsbald ein Freundeskreis von brillanten Köpfen zusammen (außer Hobsbawm etwa E.P. Thompson, Christopher Hill, Rodney Hilton u.a.), die später als "Cambridge Croup of Communist Historians" einen erstaunlichen Einfluss nicht nur auf die englische, sondern auch auf die internationale Geschichtswissenschaft gewinnen sollten, wie er kaum einer anderen Generationskohorte in Europa und Amerika je vergönnt gewesen ist.

In Cambridge hat Hobsbawm in intensiver Arbeit die Grundlagen für seine Kompetenz als Wirtschaftshistoriker gelegt, und bei aller Weite seiner Interessen ist luzide Analyse im Rahmen einer weit verstandenen Politischen Ökonomie seine auffällige Stärke geblieben.

Den Zweiten Weltkrieg hat Hobsbawm ziemlich unspektakulär an der englischen Heimatfront verbracht. Danach fand der promovierte Historiker, dem wenige aus seiner Generation das Wasser reichen konnten, jahrelang keine feste Stelle in der akademischen Welt, in die ihn Neigung und Talent hinzogen. Effektiv mauerte das konservative Establishment gegen den linken Außenseiter. Weder stand King's College zu seinem brillanten Absolventen noch öffnete sich, ungeachtet der vehementen Expansion auch des englischen Universitätssystems, anderswo eine Tür.

Erst 1959 erhielt Hobsbawm eine Stelle am Londoner Birkbeck College, einem Zentrum der Erwachsenenbildung. Nach zahlreichen Publikationen zur englischen Arbeiterbewegung, zu Sozialrebellen und vergessenen Emanzipationsbewegungen begann fast gleichzeitig, 1960, mit dem ersten Band seiner europazentrierten Weltgeschichte, dem "Zeitalter der Revolution", ein kontinuierlicher internationaler Aufstieg. Drei weitere Bände über das Zeitalter des Kapitals, des Imperialismus, der Extreme sollten folgen und seinen Ruf befestigen. Dennoch: Keine der großen englischen Universitäten konnte sich zum Angebot einer Professur durchringen. Dafür überschlugen sich die Einladungen nach Paris, New York und an andere amerikanische Universitäten.

Hobsbawm hat nach 1945 alles andere als eine unauffällige Existenz als Privatgelehrter geführt. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, war er unentwegt als Publizist tätig. Selbst Bewunderer seiner historischen Studien wussten oft nicht, dass er einer der bekanntesten Londoner Jazz-Kritiker war, der unter einem Pseudonym publizierte und unlängst diese Rezensionen endlich in Buchform gesammelt hat. Nicht nur setzte er seine Liebe zum Jazz und zur Musik überhaupt in journalistische Arbeit um, vielmehr griff er auch als politischer Kommentator in zahllose Kontroversen ein, berichtete als unermüdlicher Weltreisender von Linken und ihren Problemen rund um den Globus. Überhaupt führte er ein spannungsreiches Leben mit den drei Schwerpunkten, die er sich als Historiker, Publizist und Musikexperte selber setzte.

Fraglos ist Hobsbawm auf diese Weise im letzten halben Jahrhundert die Inkarnation eines Weltbürgers gewesen - gleichermaßen anerkannt von Professoren und Studenten der Geschichts- und Sozialwissenschaft wie von Jazzmusikern und Anhängern des Marxismus.

Diese weltoffene, urbane Existenz steht in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis zu der Hartnäckigkeit, mit der er seit 1932 an seinem unorthodoxen Kommunismus festgehalten hat. Fast 60 Jahre lang galt ihm die Sowjetunion trotz aller Entartungen der bolschewistischen Parteidiktatur als ein lohnendes Experiment in der Menschheitsgeschichte, von dessen Faszination er sich nie ganz hat lösen können. Diese in Emotion und Fantasie, keineswegs nur im rationalen Denken verankerte Bindung führte freilich nie zu einem grobschlächtigen Marxismus jener Holzhammermethode, wie er etwa in der verblichenen DDR so fatal praktiziert wurde. Vielmehr nutzte er den Marxismus, wie das insbesondere Friedrich Engels gefordert hatte, als kritische Methode so elastisch, dass man Studenten seine politischen Grundüberzeugungen oft erst erklären musste. Sie schlossen auch nicht aus, dass er 1956 und 1968 gegen die sowjetische Gewaltpolitik heftig und öffentlich ebenso entschieden protestierte wie er auch offiziöse Veröffentlichungen der britischen KP einer schneidenden Kritik unterwarf.

So blieb er im Milieu der englischen, ja der internationalen Linken ein widerspenstiger Geist, der seine grundsätzliche Verteidigung des Marxismus als lohnender Methode mit souveräner Unabhängigkeit zu verbinden wusste. Doch die tiefste Wurzel seines politischen Engagements wie seiner unermüdlichen wissenschaftlichen Arbeit blieb, dieser Eindruck drängt sich immer wieder auf, ein hochsensibles, verletzbares Gerechtigkeitsgefühl, das soziale und politische Ungleichheit nicht hinzunehmen bereit war. Wo wachsen bloß Nachfolger für diesen seltenen Typus des weltbürgerlichen, sozialkritischen Intellektuellen mit einer universellen Weite der Interessen heran? Insofern mündet die Lektüre der Erinnerungen des Eric Hobsbawm in einen nostalgischen Rückblick auf einen der letzten Repräsentanten einer seltenen, vielleicht untergehenden Spezies.
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