BuchTipp
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25.12.2003
Thomas Steinfeld (Hrsg.): Deutsche Landschaften
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003
Rezensiert von Tilman Krause

Cover: Deutsche Landschaften (Bild: S. Fischer Verlag)
Cover: Deutsche Landschaften (Bild: S. Fischer Verlag)
Es gab eine Zeit - allzu lang liegt sie noch nicht zurück - da hießen solche Anthologien noch "Mein Deutschland findet sich in keinem Atlas". Auch in dem von Thomas Steinfeld herausgegebenen Sammelband "Deutsche Landschaften" heißt es an einer Stelle bei Burkhard Spinnen, einem der bemerkenswerteren Autoren der mittleren Generation: "Achtung, jetzt kommt ein schweres Wort: Heimat!" Aber es kommt eben doch. Es fällt sogar überraschend oft in diesen 30 Beiträgen, die unser Land vermessen - von der Ostsee bis nach Oberbayern.

Das Wort "Heimat" geht deutschen Schriftstellern anscheinend wieder leicht über die Lippen. Fast beiläufig, ohne allen "auftrumpfenden Trotz", den Thomas Mann einst am Werk sah, wenn deutsche Dichter der Heimatliebe frönten. Und der Jüngste hier, der Literaturkritiker Ijoma Mangold, spricht, ebenfalls eher beiläufig, eine Wahrheit aus, die in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung ist: "Einen Begriff der eigenen Herkunft gewinnt man ja erst, wenn man sich in die Welt hinausbegibt."

Diese Wahrheit haben sie sich alle zueigen gemacht, die hier versammelt sind, über Siebzigjährige wie Martin Walser und Günter de Bruyn bis hinunter zu den Dreißigjährigen, als da wären Zsusza Bank und Stephan Maus. Verhockte, Verstockte schreiben hier nicht, sondern größtenteils Menschen, die sich weniger ihrem augenblicklichen Umfeld als den Landschaften ihrer Kindheit nähern, Gefilden also, die sie geprägt haben, und dann oft auch den Maßstab abgeben dafür, was in ihren Augen Schönheit ist.

Hier wird an Emphase nicht gespart. Von Sehnsuchtsorten und Glücksversprechen ist ausdrücklich die Rede, und die heute in Berlin lebende gebürtige Stuttgarterin Sibylle Lewitscharoff, in ihrer Prosa eher zuständig für das Skurrile als für das Gefühlige, geht sogar soweit, in "ihrer" Landschaft einen Abglanz vom Paradies zu erblicken:

Stuttgarts Reize verdanken sich dem Relief seiner Hügellandschaft. Schaut man mit Augen, die das Paradies ersehnen, einen Stuttgarter Hang hinab, sagt man sich, jawohl, hier liegt es, zumindest ein kleines Abbild von ihm. Natürlich ist es nicht so, dass Stuttgart von Wüste umgeben, seine Grundfeste aus Malachit, die Fundamente aus Saphiren, die Zinnen von Rubinen und seine Tore aus Perlen wären. Verbaut wurden Ziegel, Sandstein, Muschelkalk, Travertin, zunehmend Beton und Glas. In Psalm 65, 13 heißt es in der Übersetzung Luthers: "Und die Hügel sind lustig." Sie sind es! Das Paradies ist nicht ganz in den Himmel entwichen, das Himmlische Jerusalem, beziehungsweise ein wetterabhängiges Bild von ihm, hat sich über Kriegsberg, Killesberg, Krähenwald, Doggenburg, Birkenkopf, Hasenberg, Karlshöhe, Dornhalde, den Frauenkopf gelegt und lächelt einen an, wenn man den Hang hinabguckt.

Nun wird man vielleicht einwenden, es sei kein Kunststück, beim Anblick der Hügellandschaft um Stuttgart ins Schwärmen zu geraten. Aber auch unscheinbarere Gegenden erfahren hier geradezu liebendes Gedenken und eine wohl dosierte Gerechtigkeit, die sympathisch berührt. Hören wir den längst als Wahl-Münchner in die Annalen der Gegenwartsliteratur eingegangenen Hans Pleschinski über die Lüneburger Heide:

Natürlich nicht tot ist so ein norddeutscher Ort, in dem Menschen leben. Heimat- und Gewerbevereine, Nachbarschaften veranstalten sogar eine wahre Flut von Straßenfesten mit immer raffinierteren asiatischen Genüssen. Allerlei Traditionskriminelle halten gleichzeitig die Eigenheimbesitzer in Atem. In einer Bankfiliale der Gegend wurde eine Kassiererin bereits zum dritten Mal als Geisel genommen, fand sich in Weißrussland wieder und besteht nun darauf, in ländlich-rüstiger Art, nach ihrer nächsten Entführung eine Entschädigung zu bekommen. Ist das langweilige Lüneburger Ost-Heide? - War es selten und, wie es so ist, nur für den, der selbst langweilig ist. Partner in zerrütteten Ehen flüchten sich aus Käsdorf übers Wochenende nach Hamburg. Die Amnesty-International-Gruppe pflegt seit Jahren Patenschaften für Straßenkinder in Bolivien. Drei ortsansässige Pastoren gerieten nach ihrem Spargelkauf und Frühschoppen am Himmelfahrtstag im Auto von der Straße ab und wurden mit einem Großgottesdienst gemeinsam beigesetzt. Das Land zwischen der Aller und dem Hannoverschen Wendland ist wie jeder Landstrich voller Gesichter und Geschichten.

So sehr sind die meisten Autoren inzwischen mit ihrem Herkommen versöhnt, dass sie sogar für die immer stärker um sich greifende Zerstörung deutscher Landschaften kaum ein Wort finden. Rühmliche Ausnahmen bilden in dieser Hinsicht Brigitte Kronauer, die sich der Niederelbe bei Hamburg widmet, und Martin Mosebach, dessen Essay über den Rheingau der funkelndste unter den Steinen ist, die in dieser Kette aufgereiht sind. Mosebach ist es auch, dem es sogar gelingt, dem bis zum Überdruss Beschriebenen und Fotografierten neue Seiten abzugewinnen:

Rüdesheim ist immer noch ein touristischer Ort, aber der Überdruck hat nachgelassen. Das einst abstoßende Butzenscheibenwesen wirkt heute recht interessant. Abgetane Moden, überlebte Sehnsüchte bieten ästhetischen Kennern ein reiches Jagdfeld. Hier kann man Kultur-Archäologie treiben. Über der Stadt, mit einem niedrig über die sorgfältig aufgereihten Weinstöcke schwebenden Sessellift erreichbar, erhebt sich das Niederwalddenkmal, die Kolossalstatue einer Germania mit flatterndem Bronzehaar und herrlichem Eichenkranz, aus französischen Kronen gegossen. Solche Bronzeriesen in der Landschaft liebten die hellenistischen kleineren Fürsten in Pamphylien, Lykien und Karien. Es gehört heute zum guten Ton, über die Germania zu spotten, und so sei denn diese soziale Übereinkunft lustvoll gestört durch das Bekenntnis, dass die Germania einen prachtvollen Schmuck der Weinberge darstellt und dass es von solchen Kolossalstatuen viel zu wenige gibt.

Erfreulich wenig ästhetisch oder politisch korrekt kommt diese Anthologie daher. Der Ton ist eher witzig als sentimental. Dennoch bringt das Buch auf eine nun doch geradezu anrührende Weise zu Bewusstsein, wie reich an Schätzen Deutschland ist. Man müsste es nur besser kennen! Dieses Buch bietet einen guten Einstieg dafür.
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