BuchTipp
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26.12.2003
Michael Jürgs: Der kleine Frieden im großen Krieg, Westfront 1914
Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten; Bertelsmann 2003
Rezensiert von: Jörg Friedrich

Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg, Coverausschnitt (Bild: Bertelsmann Verlag)
Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg, Coverausschnitt (Bild: Bertelsmann Verlag)
Den Ersten Weltkrieg verwahren die Deutschen im Dunkeln ihres Gedächtnisses. Im Zweiten ist das Reich untergegangen auf Nimmerwiedersehn und ist ihm der Nimbus des Scheusals des Jahrtausends zuteil geworden. Worum ging es eigentlich 1914/18?

Die Wissenschaft hat sich nahezu geeinigt auf den Begriff eines dreißigjährigen Krieges in zwei Waffengängen. Mag sein, dass dereinst der Kalte Krieg noch dazurechnet und die Periode von 1914 bis 1989 als e i n e Abschiedsgeschichte Europas als Herrin der Welt erscheint. Jedenfalls standen die Verlierer, das Hohenzollernreich, das Nazi- und das Sowjetreich alle an der Schwelle zur Weltmacht.

Die Deutschen waren die vorletzte Nation, die den alten Kontinent zur Basis eines Imperiums erkoren. Sie scheiterten daran so gründlich aber schneller als nach ihnen noch die Russen. In der Ära des industrialisierten Krieges hat diese Basis nicht hinreichend getragen. Der Boden Amerikas entband letztlich die vitaleren Potentiale wie künftig vielleicht China.

Die Industrieschlacht hat zwei Seiten, die Produktivkräfte und die Destruktionsgewalt des Krieges, die mit der Zeit eins werden. Heute siegt die Macht der avancierteren Technologie; das Kriegshandwerk - strategische Phantasie, soldatischer Kampfgeist und Aufopferungswille - ist ein roher Ackerknecht der genialen Apparaturen. Die Waffensysteme führen Krieg. Zunächst sind die gegnerischen Menschen ihr Ziel und zunehmend die gegnerischen Systeme und Infrastrukturen. Diese zwei Stufen des industrialisierten Gefechts, Terror und Technik, stehen im jüngsten Konflikt einander gegenüber, dem so genannten war against terror.

Und nun wäre der Ort des Ersten Weltkriegs eingekreist, aus heutiger Warte ein so archaisches Gelände wie Troja. Zyklopische Artilleriegeschütze. Granatstahlgewitter, MG-Schießstände in Stacheldrahtverhauen und vor allem Schützengräben im Lehm Flanderns und Nordfrankreichs. Die Soldaten tauchen in den Schoß der Erde, weil an ihrer Oberfläche kein Durchkommen mehr ist. Die Atmosphäre ist geladen mit Metallteilen und Gas wie, nach neueren Szenarien, mit Hitzestrahlung, nuklearer oder bakterieller Verseuchung.

Schrecken des Kriegs (Bild: AP)
Schrecken des Kriegs (Bild: AP)
Der militärische Irrsinn von 1914/18 bestand darin, die Soldatenmannschaft aus der Grabenlinie links durch den Geschossvorhang aus Grabenlinie rechts zu treiben und sie zu säubern, d.h. die Schützen niederzumachen mit schlichten Hieb- und Stichwaffen. Das vergleichslos Tödliche des Verfahrens war der Durchbruchversuch der ungedeckten Läufer durch den dichten Kugel- und Splitterschirm der Gegenseite. Darum fuhr man in den nächsten Krieg mit Panzern.

Wo in den aufgeweichten Schlammgruben 1914 rechts und links war, wo Engländer, Franzosen, Belgier und Deutsche lagen, war vom Standpunkt der Strategen im Hinterland äußerst wichtig und vom Standpunkt ihrer Mannschaften äußerst egal. Alle hatten e i n e Richtung: nach gegenüber und e i n e n Feind: das Geschoss.

In England existiert seit längerem eine reiche Erlebnisliteratur, die eine Schlüsselsituation der Moderne aus diesem ihrem Ursprung erzählt, die industrialisierte Massenvernichtung. Ihr Opfer sieht das anfänglich nicht als Kampfgeschehen an, sondern als Schicksal von Hilflosen. Mit der Destruktivität des Materials hat man nichts zu tun außer dem Wunsch, ihm zu entrinnen. Es brauchte noch ein paar Jahrzehnte, dem Menschen eine Vernichtungsmentalität anzuquälen, die der Kapazität seiner Instrumente entsprach.

Michael Jürgs knüpft an die britischen Vorbilder in bekennendem Germanopazifismus an und sucht sich ein dazu passendes und wahrlich bewegendes Detail: Die Weihnachtsverbrüderung der Gegner, die keine Feinde sein wollten, zur Jahreswende 1914/15. Es war Krieg und jeder ging weg. Nicht heim, sondern weg vom Abzug der Geschütze. Zwischen den Gräben entfaltete sich eine Kameraderie der nächstliegenden Dinge. Am nächsten lagen die Toten im Zwischenstreifen, die nur zu bergen waren, wenn das Schießen anhielt. Alsdann steckte allen das gemeinsame Fest der Christenheit im Gemüt mit seinen Lichtern, Liedern und Speisen.

Das teilte man solange miteinander, bis das überwältigende Bedürfnis durchschlug, im Niemandsland Fußball gegeneinander zu spielen. Dieser Sport der Arbeiterklasse ähnelte dem beweglichen Gefechtsbild des 18. und 19. Jahrhunderts noch mehr als dem stumpfsinnigen Ausrottungsgeschehen der Materialschlacht. Gerade sie aber rief den Verbrüderungswunsch herbei, mit dem sich überhaupt kein Krieg mehr führen lässt. Ein Gedanke, der den Autor schier friedenstrunken macht. Nur stelle man sich solch einen Vorgang einmal an benachbarter Stelle bei der 1944er Landung der Alliierten in der Normandie vor. Wehrmacht und US-Army tauschen Arm in Arm ein Bierchen.

Jürgs' Stoff ist historisch hintergründiger als sein Buch, das sich als Rezeptur zur Abschaffung des Krieges versteht, es aber vermutlich nicht ist. Der Weihnachtsfriede von 1914, der sich so nicht wiederholen sollte, ist ein rührendes wie klägliches Aufbegehren des Kanonenfutters gegen die Kanonen. Das, was übrig blieb von den Befürchtungen der Militaristen und den Hoffnungen der Humanisten. Der Streik, den Bertha von Suttner, Jean Jaures, Karl Liebknecht erträumten, der kontinentale Ruf "Die Waffen nieder!", die neuzeitlichen Massenheere bestreiken die neuzeitliche Massenvernichtung, beschränkte sich auf ein sentimentales Intermezzo. Erst heute überlassen die ausgebluteten, ermatteten Parteien Kontinentaleuropas das Sterben den anderen.

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