BuchTipp
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1.1.2004
Manfred Rommel: Das Land und die Welt
Hohenheim Verlag, Stuttgart 2003
Rezensiert von Geert Müller-Gerbes

Manfred Rommel: Das Land und die Welt, Coverausschnitt (Bild: Hohenheim Verlag)
Manfred Rommel: Das Land und die Welt, Coverausschnitt (Bild: Hohenheim Verlag)
Es ist schade, jammerschade, dass dieser Mann nicht mehr mitmischt. Dass er keine Funktion mehr hat, nicht mehr bestimmen oder anregen oder fügen kann.

Manfred Rommel, ehedem Stuttgarter Oberbürgermeister und das für fruchtbare 22 Jahre, ist das, was man gewöhnlich ein schwäbisches Schlitzohr nennt. Ein Gniz. Einer, der lächelnd Wahrheiten sagt, die anderen die Zornesröte ins Gesicht treiben, der Gewohntes auf den Kopf zu stellen vermag, der blitzschnell handeln kann, wenn es brennt und der behäbig schwätzt, wenn er andere in Sicherheit wiegen will über die eigenen Ziele. Ein Schwabe, wie er im Buche steht.

Bücher schreiben ist das Einzige, was diesem Manne noch geblieben ist nach den Jahren seiner aktiven politischen Zeit. Heute leidet er unter Parkinson, was ihn körperlich hindert, aber den Geist offenbar schärft. Sein neuestes Buch ist ein Blätter-Buch. Ein Buch zum Drin blättern mit der Folge, dass man bei jedem Kaptitel hängen bleiben kann, gleichgültig, wo man es aufschlagt. Das ist selten bei Büchern von gewesenen Politikern. Die sind meist dick und schweifig und nichts sagend.

Nicht so bei Manfred Rommel. Er schreibt klar, direkt und vor allem ehrlich und mit Mutterwitz.

Die Schwaben sollen mit 40 gescheit sein. Seit meinem 40. Geburtstag misstraue ich Volksweisheiten wie dieser, ein Misstrauen, das sich bis zu meinem 70. Geburtstag vertieft und vergrößert hat. Abgesehen von diesem plötzlich auftretenden Misstrauen habe ich seit meinem 40. Wiegenfest keine positiven Veränderungen in mir festgestellt. Auch die Volksweisheit "Wer vom Rathaus kommt, ist klüger" hat sich in mir nicht bestätigt, denn sonst müsste ich, nachdem ich 22 Jahre lang vom Rathaus nach Hause gekommen bin, ungewöhnlich gescheit sein. Es fragt sich im Übrigen, ob die Behauptung, der Schwabe würde erst mit 40 gescheit, ein Kompliment ist oder eine Beleidigung.

Und wie leicht wären die Streitigkeiten zwischen Regierung und Opposition beilegbar, beherzigte man eine der Rommelschen Einsichten:

Alle Fähigkeiten, Vorurteile und Gewohnheiten des Schwaben sind in der Politik nützlich. Die Fähigkeit zu dichten, fördert die Phantasie, um politische Pläne zu schmieden und sie ohne größeren Schaden nicht auszuführen. Die Neigung zur Philosophie erleichtert den Rückzug in die Undeutlichkeit und Vieldeutigkeit. Die Sparsamkeit trägt dazu bei, dass die zunächst durchaus vorhandene positive Reaktion auf versprochene Leistungen und Steuersenkungen rasch verpufft. Werden gleichzeitig Ausgaben erhöht und Einnahmen gekürzt, hilft ein Hinweis auf die dem politischen Prozess innewohnende Dialektik. Der Metaphysik entspringt die Hoffnung, dass die Mathematik letztlich doch nicht stimmt. Und ohne die sekundären Tugenden und die Funktionslust funktionieren kein Staat und keine Partei so richtig.

Das Buch handelt von Menschen und Mächten, vom Ländle in Deutsch-Südwest und von der großen Politik. Und immer wieder sind es einzelne Personen, die entscheiden. Mit allen ihren Eigenheiten und Eigenarten und Schrulligkeiten und Egoismen. Da ist es dann hilfreich, wenn sich so einer wie Rommel mit seiner schlitzohrigen Leichtigkeit über Verkehrsprobleme auslässt und mit Immanuel Kant über die Utopie eines störungsfreien Öffentlichen Nahverkehrs bei verstopften Straßen sinniert:

Der Geist bewegt sich, auch wenn der Körper bleibt, wo er ist. Immanuel Kants Mobilität zum Beispiel war spirituell und nicht körperlich, denn nur sein Geist durcheilte das Universum, während sein Körper daheim in Königsberg verweilte. Auf den Spuren von Platos Ideenlehre schreitend meinte Kant, der Mensch könne nicht die Welt so erkennen, wie sie ist, sondern nur so, wie sie ihm erscheint. Er schied folgerichtig zwischen dem Ding an sich und der Erscheinung. Der Verkehr gehört eindeutig den Erscheinungen an. Das reicht aber nicht. Wenn ich in der Erscheinung eines Staus stecke, braucht es nicht auch noch der Stau an sich zu sein. Letzterer kommt gelegentlich auf der Autobahn Stuttgart-Karlsruhe vor.

Rommel stellt Kant wieder auf die Füße und weist den Tagträumern ihren Irrtum nach:

Einige Extremisten des öffentlichen Nahverkehrs freuen sich über den Stau, solange in ihm nicht auch die Busse und die Bahnen stecken bleiben. Ihre Idealvorstellung ist: Der Individualverkehr steckt im Stau, und der öffentliche Personennahverkehr, angefüllt mit glücklichen Fahrgästen und gelenkt von einem schadenfroh dreinblickenden Personal, fährt flüssig an diesem vorbei.

Es ist klar, dass es so nicht geht, und flugs ist Rommel wieder bei der Realität. Auch Busse bleiben im Stau stecken, wenn die Straße verstopft ist. Aber nur dann. Trotz Kant.

Viel ist die Rede von den Philosophen, derer die Schwaben zahlreiche hervorgebracht haben, ja sogar sich heute noch selbst dafür halten. Auch Rommel selbst schließt sich nicht aus und wagt einen kühnen Bogen:

Philosophen, Nietzsche, Hegel zum Beispiel, haben jedoch großen Einfluss auf die Politik gehabt, manchmal auch in einer Richtung, die sie nicht vorausgesehen hatten. Karl Marx las Hegel und stellt dessen Lehre von der geschichtlichen Wirkung des Geistes vom Kopf auf die Füße. Mit einigem Mut zur Vereinfachung, an dem es einem früheren Bürgermeister nicht fehlt, lässt sich sagen: Ohne Hegel keinen Marx, ohne Marx keinen Lenin, ohne Lenin keinen Gorbatschow und ohne Gorbatschow keine Wiedervereinigung.

Es ist schade, dass aktive Politiker keine Zeit haben, Bücher ihrer ehemaligen Kollegen zu lesen. Die Erkenntnisse des Manfred Rommel wären in jedem Falle hilfreich, in Berlin ebenso wie in München. Aber leider sitzt derjenige, der wüsste, wie es geht, nicht mehr im Zentrum der Macht. Er hat da übrigens nie gesessen, sondern war immer nur Oberbürgermeister von Stuttgart. Der Stadt hat es wohl getan. Und vor allem Manfred Rommel, der längst nicht mehr nur der Sohn des berühmten Feldmarschalls ist, schon seit Jahren nicht mehr. Nein, dieser Mann ist eine Bereicherung auf einer sehr menschlichen Ebene, die auch der Politik gut täte.
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