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4.1.2004
Li Zhensheng: Ein chinesischer Fotograf in den Wirren der Kulturrevolution. Min Anchee, Duo Duo, Stefan R. Landsberger: Chinese Propaganda Posters
Phaidon Verlag, Berlin 2003 / Taschen Verlag, Köln
Rezensiert von Gabriele Kalmár

Li Zhensheng: Roter Nachrichtensoldat, Coverausschnitt (Bild: Phaidon Verlag)
Li Zhensheng: Roter Nachrichtensoldat, Coverausschnitt (Bild: Phaidon Verlag)
China, Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Land hat sich gerade erst erholt von der beispiellosen ökonomischen Katastrophe und von der Hungersnot, in die es durch Mao Zedongs extravagante Polit-Kampagnen gestürzt war. Allein im so genannten 'Großen Sprung nach vorn' waren schätzungsweise 30 Millionen Menschen verhungert. Die Pragmatiker im Zentralkomitee hatten Mao für einige Zeit in den Halbruhestand gedrängt. Jetzt, 1966, ist er nicht mehr aufzuhalten. Der 76jährige schwimmt wieder im Jangtse und zeigt, dass er noch immer der große Steuermann ist. Es ist sein letzter und gewaltigster Versuch, die Massen und damit sich selbst an die Macht zu bringen, die verharschte Partei aufzubrechen. Mao, Verfechter der permanenten Revolution, will China noch einmal vollkommen umbauen. Er ruft die Studenten auf zur 'Großen proletarischen Kulturrevolution': gegen altes Denken, alte Kultur, alte Sitten und Gewohnheiten. 'Alles', sagt Mao, 'wird Kopf stehen, ich liebe den großen Aufruhr. Diesmal werden die Menschen zu Tausenden sterben.'

Es werden Millionen. Einer ist mittendrin, von Anfang an und an vorderster Front: Der junge Pressefotograf Li Zhensheng. Er arbeitet in der nordostchinesischen Stadt Harbin für das Parteiblatt, als die hysterische Massenbewegung losbricht. Zunächst ist auch er ein Überzeugter, beginnt dann aber zu zweifeln.

"Es war typisch für diese Zeit, dass viele gezwungen waren, Dinge zu tun, für die sie sich später schämten - so auch ich. Ich erinnere mich insbesondere an einen Vorfall der sich ereignete, als ich im Januar 1967 nach Peking fuhr, um die Frage zu klären, welches die wahre Rebellengruppe sei; damals erhielt ich die Armbinde des Roten Nachrichten-Soldaten. Die Sitzung fand im Nationalen Hauptquartier der Roten Rebellen in den Nachrichtenmedien statt ... In einem der Zimmer traf ich auf den Vertreter der rivalisierenden Gruppe Xue Yunfu. Xue war Redakteur in der Abteilung für Politik und Erziehung bei der Zeitung, zehn Jahre älter als ich und ganz in Ordnung. Doch während der Verhandlung meinte er zu dem Beamten aus dem Hauptquartier: 'Ich schwöre bei meiner Ehre, dass wir die wahre Rebellengruppe sind.' Dies machte mich wütend und ohne weiter zu überlegen, griff ich in meine Tasche und zog einen Fen hervor. 'Ihre Ehre ist weniger wert als dieser Fen!' rief ich sarkastisch. Um ihn endgültig zu desavouieren, warf ich die Münze durch die offene Tür in den Hof. Xue war perplex, errötete und stand sprachlos da, was mich mit einer gewissen Befriedigung erfüllte...... Wir müssen versuchen, durch ernsthaftes Nachdenken jenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die gequält wurden."

Li Zhensheng weiß, wie die Gequälten sich fühlen. Im Herbst 1968 erleidet auch er das Schicksal hunderttausender anderer: Er wird namentlich und öffentlich angegriffen. Gegnerische Gruppen intrigieren gegen ihn, Rotgardisten kritisieren und demütigen ihn stundenlang vor mehreren hundert Kollegen. Er wird suspendiert und für zwei Jahre zur Umerziehung aufs Land geschickt. Doch Lis Fotografien sind schon in Sicherheit, versteckt in seiner Wohnung: tausende Bilder, viele dokumentieren mehr als von der Parteipresse erlaubt. Nach einer Hinrichtung:

"Niemand forderte mich auf, Nahaufnahmen der Leichen zu machen, ich tat es aus einem Impuls heraus, und da ich nur ein 35-mm-Weitwinkel-Objektiv hatte, musste ich sehr nahe an sie heran, so nahe, dass ich den Geruch ihres Bluts und ihrer Gehirnmasse riechen konnte ... Als ich die Fotografien der Hingerichteten im matten roten Licht der Dunkelkammer vergrößerte, sprach ich leise zu ihnen: 'Wenn ich den Frieden eurer Seelen stören sollte, bitte stört den meinen nicht...... Ich fotografiere euch, weil ich Geschichte dokumentieren will. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass ihr hingerichtet wurdet.' Bis zum heutigen Tag...spreche ich mit ihnen."

China brodelt. Inzwischen schießt längst die Armee auf die roten Garden, und die bringen sich gegenseitig um. Ein Beben aus Massenmord, Demütigungen, Selbstmorden - man spricht von mindestens vier Millionen Toten. Nach zehn Jahren erst das Ende: Staat, Wirtschaft, innere Ordnung sind ruiniert, Museen, Kulturschätze und Tempel zerstört, die Bildungselite ist ausgelöscht.

"Am 6. Oktober 1976, etwa einen Monat nach Maos Tod, zerschlug das Zentralkomitee der Partei in Peking unter der Führung von Hua Guofeng die Viererbande. Ich erinnere mich deutlich an den Tag, an dem die Nachricht offiziell verbreitet wurde. Ich war in meinem Büro und unbeschreiblich glücklich. Wir alle waren glücklich. Der Sturz der Viererbande bedeutete, dass die Kulturrevolution vorüber war, der Wahnsinn ein Ende hatte."

Die Fotos. Sie zeigen Terror und Angst, Fanatismus und Begeisterung. Sie zeigen eine euphorisierte Jugend und die Demütigung und Qual der Opfer. Sie zeigen die Entfesselung der Massen und die unkontrollierbare Dynamik revolutionärer Prozesse. Wir kennen die Macht der Bilder. Sie bringen dann Erkenntnis, wenn ihr Kontext stimmt. Das geschieht hier, Fotos und Texte von Lis Wahrnehmung der Kulturrevolution vermitteln exemplarisch die Ereignisse von damals, und wer wenig über diesen Abschnitt der chinesischen Geschichte weiß, wird erschüttert sein. Indes - so authentisch das Material ist, so kann es doch nur einen Teil des alltäglichen Schreckens jener Zeit vermitteln. Das Vorwort des international renommierten China-Experten Jonathan Spence hätte dies stärker transportieren können, ist aber seltsam blass geraten. Das Buch: ist rot - lackrot wie die Mao-Bibel, die nicht nur von den chinesischen Massen, sondern auch von den 68ern emphatisch geschwenkt wurde - lackrot wie die Mao-Bibel also, nur größer - und näher dran an der Wirklichkeit.

Chinese Propaganda Posters, Coverausschnitt (Bild: Taschen Verlag)
Chinese Propaganda Posters, Coverausschnitt (Bild: Taschen Verlag)
Schnitt. Ein zweites Buch, noch größeres Format. Auch hier dominiert rot, auf der Titelseite Mao und die Massen. 'Chinese Propaganda Posters' versammelt Bilder einer schönen heilen kommunistischen Welt zwischen 1949 und Anfang der 80er Jahre. Eine heile Welt, die, wie wir wissen, so nicht existierte. Auch in der Zeit der Kulturrevolution malten Künstler, sie malten Illusionen, die der Partei und ihre eigenen. Illusionen, die in riesigen Auflagen in China verbreitet wurden. Das Stildiktat der Propagandakunst hieß hong, guang, liang - rot, hell und leuchtend. Die Macht der Bilder wirkt auch in diesem fulminanten Buch noch nach, das formal und ästhetisch sehr gut gemacht ist. Man erfährt etwas über Aufstieg und Niedergang des chinesischen Propagandaplakats. Doch in einen umfassenden politischen Kontext werden dieses Kunstgenre und seine Inhalte nicht gestellt, Bildbeschreibungen und zwei erstaunlich affirmative Texte von emigrierten Chinesen über ihre Kindheit unter Mao sind hier zu wenig.

Erst wenn man Li Zhenshens Buch 'Roter Nachrichten-Soldat' dazu nimmt, entfalten die 'Chinese Propaganda Posters' ihre Dimensionen. Wir sehen bildgewordene Träume von einer besseren Welt, Verführbarkeit durch Glücksversprechen, Raffinesse der Ideologie. Hier die bunten Plakate mit dem Anspruch - dort die schwarz-weißen Fotos von Li Zhensheng mit der Wirklichkeit. Beides muss zusammen gelesen werden.

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