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11.1.2004
The German Element - Deutsche Einwanderer in den USA
Herausgegeben von John C. Kornblum, Christoph Freiherr Schenck zu Schweinsberg
Vorgestellt von Jochen Thies

Cover: The German Element (Bild: Schenk)
Cover: The German Element (Bild: Schenk)
Schenck Verlag, Hamburg 2003

Dieses Buch kommt zur richtigen Zeit. Denn in den deutsch-amerikanischen Beziehungen baut sich seit knapp zwei Jahren eine Schlechtwetterfront auf, die nicht so leicht abziehen wird. Umso wichtiger wird es daher, daran zu erinnern, dass Nordamerika ein Kontinent der Deutschen ist. Seit den Anfängen der Besiedlung im 16. Jahrhundert fanden über sieben Millionen Deutsche den Weg nach Amerika. Und bei der Volkszählung im Jahre 1990 gaben knapp 58 Millionen US-Amerikaner an, deutsche Vorfahren zu haben. Daher ist der These des Autors zuzustimmen, dass Amerika im Kern eine angelsächsisch-deutsche Nation ist. Die allgemeine Wahrnehmung ist dagegen eine andere, nämlich die von einer ausschließlich angelsächsisch geprägten Nation.

Zur Ankunft der ersten Deutschen heißt es bei Christoph Schenck:

Die ersten deutschen Einwanderer erreichten im Oktober 1683 nach einer gefährlichen und entbehrungsreichen Reise über den Atlantik endlich das Land, in dem sie siedeln wollten. Amerika! Die Strapazen der Seereise waren überstanden, doch die Herausforderungen, die vor den Siedlern lagen, waren enorm. Denn wenngleich der Anblick der bunten Laubfärbung des "Indian Summer" ein prachtvolles Naturschauspiel bot, erschwerten die vielen Bäume den Siedlern den Anfang ganz erheblich. "Es ist alles nur ein Wald", schrieb Francis Daniel Pastorius in die Heimat und drückte damit aus, wie hart es war, der Wildnis Amerikas eine Existenz abzuringen. Noch bevor der Winter einbrach, mussten die Siedler ein Dach über dem Kopf haben. Selbst verglichen mit einem Leben im vom Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Deutschland war dies eine schwere Aufgabe.

Der frühere amerikanische Botschafter in Berlin, John Kornblum, einer der besten Deutschland-Kenner, die die USA je entsandt haben, verblüfft in der Einleitung zu diesem Buch mit der Bemerkung, dass die heutige Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika in der Welt in erster Linie durch den Einfluss Deutschlands bestimmt worden sei. Die Entscheidung Amerikas, in zwei Weltkriege gegen Deutschland einzutreten, habe die USA zu einer Supermacht werden lassen. Die beiden Weltkriege haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Spurensuche nach US-Bürgern mit deutscher Abstammung in den USA schwieriger als bei Amerikanern ist, die - sagen wir - polnische oder italienische Vorfahren haben. Wie es dazu kam, erfährt man auf eindringliche Weise in diesem Buch:

Erst durch den Ersten Weltkrieg wurde das Ansehen der Deutschen und damit ihrer Sprache nachhaltig geschwächt. Mit dem Eintritt der USA in den Weltkrieg am 6. April 1917 machte sich eine antideutsche Haltung breit. Es fiel schwer, die loyalen Deutsch-Amerikaner vom Kriegsgegner "Deutsches Reich" zu unterscheiden. Den traurigen Höhepunkt erreichte diese Stimmung durch den Lynchmord an dem deutschen Bergarbeiter Robert Prager in Illinois. Der aufgehetzte Mob hatte Prager vor seiner Haustür aufgelauert und ihn gezwungen, die amerikanische Flagge zu küssen sowie die Nationalhymne zu singen. Anschließend wurde er gehängt. - In diesem Klima zogen es viele Deutsch-Amerikaner vor, ihren Namen zu amerikanisieren. So wurde Schmidt zu Smith, Schwartz zu Black, Neumann zu Newman und Weißkopf zu Whitehead. Aber auch deutsche Städte- und Ortsnamen wurden von der Landkarte verbannt. So wurde aus Berlin in Iowa die Stadt Lincoln.

Zu den prominentesten Nachfahren deutscher Einwanderer, die ihre Namen amerikanisierten, gehörten die Präsidenten Hoover und Eisenhower. Christoph Schenck versteht es geschickt, anhand von acht exemplarischen biographischen Erzählungen, die Geschichte der deutschen Aus- und Einwanderung nach Amerika dem Leser zu vermitteln.

Auch die Traumfabrik Hollywood wäre ohne deutsche Beteiligung, ohne Carl Lämmle, der Remarques Roman "Im Westen nichts Neues verfilmte", nicht zustande gekommen.

Hollywood war keine deutsche Erfindung. Doch die Menschen, die Hollywood aus der Taufe gehoben haben, waren von der deutschen Kultur maßgeblich geprägt. Denn ausnahmslos alle späteren Filmmagnaten und Studiobosse waren jüdische Emigranten aus dem deutschsprachigen Europa oder aus Osteuropa. Mit aller Kraft suchten die Einwanderer nach Wegen, um an den Reichtümern der Neuen Welt teilzuhaben. Dabei mussten sie Flexibilität und Kreativität an den Tag legen. Das Amerika der Jahrhundertwende mit seinen alteingesessenen Eliten an der Ostküste war für die mittellosen Neuankömmlinge eine verschlossene Welt. Auf dem Weg zu Wohlstand und sozialer Anerkennung, doch ohne Geld und Ausbildung, ergriffen die Talentierten und Ehrgeizigen unter ihnen jede Chance, die Amerika bot.

Jene Neu-Amerikaner, die wegen Hitler Deutschland verlassen mussten, wie der frühere Außenminister Henry Kissinger, sind nun alte Männer. Aber Helmut Kohls Satz, dass jeder zweite Senator in Washington behaupte, eine deutsche Großmutter zu haben, behält seine Gültigkeit. Dies müsste - bei näherer Betrachtung - eigentlich auch Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen in - zugegeben - schwierigen Zeiten haben.
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